Herr Werner, zu Anfang der Flüchtlingskrise gab es große Bedenken bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Inzwischen scheint es besser zu funktionieren, als von vielen erwartet. Stimmt dieser Eindruck?

Ja, Vieles funktioniert inzwischen deutlich besser. Dies liegt auch daran, dass es eine Weile dauerte und erst jetzt eine größere Zahl an Menschen in die Nähe des deutschen Arbeitsmarkts rückt. Wir haben in einer aktuellen Befragung festgestellt, dass bereits 400 000 Firmen in den letzten drei Jahren Flüchtlinge eingestellt haben. Zumeist bislang noch als Praktikanten, aber zunehmend auch als Auszubildende oder in einer regulären Beschäftigung.

Wie gut funktioniert die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen in Deutschland?

Das klappt bereits ganz gut. Jeder, egal aus welchem Land er stammt, hat einen Rechtsanspruch auf eine Prüfung, ob sein im Ausland erworbener Abschluss gleichwertig mit dem aktuellen Standard in Deutschland ist. So haben wir es geschafft, bereits eine große Zahl an Menschen in eine qualifizierte Beschäftigung zu bringen. 2015 wurde so beispielsweise knapp 17 000 Menschen bescheinigt, dass ihre Ausbildung gleichwertig oder zumindest teilweise gleichwertig mit der in Deutschland ist – das ermöglicht ihnen, hier als anerkannte Fachkraft beschäftigt zu werden.

Und woran hakt es noch?

Etwa jeder fünfte Geflüchtete hat im Herkunftsland einen Berufsabschluss erworben. Die Flüchtlinge kommen aber meist aus Ländern, die kein so etabliertes Berufsausbildungssystem haben wie wir in Deutschland. Deshalb es oft nicht möglich, eine Gleichwertigkeit festzustellen. Es würde den Flüchtlingen helfen, wenn sie mehr Möglichkeiten hätten, zu zeigen, was sie wirklich können. Unternehmen gehen diese Frage eher praktisch an. Sie bieten einem Flüchtling ein Praktikum an und schauen, was er kann, und entdecken dann, welche Potenziale vorhanden sind.

Die Ingenieurkammer Baden-Württemberg hat kürzlich berichtet, dass die Anerkennungsquote von syrischen Ingenieurstiteln bei fast 100 Prozent liegt. Gibt es weitere Branchen, die derart positiv hervorstechen?

Der Bereich der Ärzte fällt ebenso positiv auf. Auch hier gibt es eine sehr hohe Anerkennungsquote für Menschen aus Syrien, sie liegt bei über 80 Prozent. 2015 haben 420 syrische Ärzte und Zahnärzte eine Approbation in Deutschland erhalten. 20 Prozent bekamen eine Auflage, das heißt, sie mussten sich nachschulen.

Nicht alle Flüchtlinge haben eine solch gute Ausbildung. Wo sehen Sie noch Probleme?

Vor allem im Bereich der anerkannten Ausbildungsberufe. Wir haben in Deutschland ein hochwertiges duales System. Im Gegensatz dazu entsprechen die Berufsabschlüsse in den Herkunftsländern der Flüchtlinge oft nicht unseren technischen Standards. Beispielsweise im Bereich der Kfz-Mechatronik zeigt sich, dass die Menschen in ihrer Heimat noch eher im Bereich Kfz-Mechanik ausgebildet wurden. Aber auch hier kann man mit Nachqualifizierung Menschen an einen Berufsabschluss in Deutschland heranführen.

Schaffen es Flüchtlinge, den Fachkräftemangel in Deutschland zu verringern?

Wenn wir die Integration gut meistern, kann uns das gelingen. Das Ganze braucht natürlich viel Zeit und Engagement. Von früheren Zuwanderergenerationen wissen wir, dass es etwa fünf Jahre braucht, um die Hälfte in den Arbeitsmarkt zu bringen. Wir sind nun im ersten Jahr, in dem wir Erfolge bei der Integration in den Arbeitsmarkt sehen. Die größte Herausforderung wird sein, Menschen für eine duale Ausbildung in Deutschland zu gewinnen und für die zwei bis dreieinhalb Jahre Ausbildung zu motivieren. Ein Viertel der Geflüchteten ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Hier lohnt es sich, in deren Ausbildung zu investieren, wenn sie eine dauerhafte Bleibeperspektive haben.

Wie groß ist die Bereitschaft der Unternehmen, Flüchtlinge einzustellen?

Die Bereitschaft ist sehr groß. Zwei Drittel der Unternehmen, die sich in der Vergangenheit bereits engagiert haben, wollen auch in diesem Jahr zusätzliche Flüchtlinge einstellen. Und von den Unternehmen, die bislang keine Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht haben, will sich immerhin jedes Vierte der Zielgruppe Flüchtlinge öffnen.

Sehen Sie auch Vorbehalte?

Unternehmen scheuen häufig die Bürokratie, die mit der Anstellung von Flüchtlingen verknüpft ist. Durch das Integrationsgesetz gibt es aber bereits klare Verbesserungen. Beispielsweise durch die „3+2-Regelung“, die besagt: Wer eine Ausbildung startet, darf diese zu Ende machen und dann zwei weitere Jahre bleiben. Das ist eine große Erleichterung. Die Bundesländer setzen diese Regelung aber leider nicht alle im Sinne der Unternehmen um.

Wo bestehen noch die größten Probleme bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt?

Eine große Herausforderung ist die Berufsorientierung, -vorbereitung und Ausbildung von 18- bis 25-Jährigen. Das größte Problem ist aber nach wie vor die Sprachförderung. Sie ist der Schlüssel zur Integration. Das Angebot an Sprachkursen ist in diesem Jahr bereits viel besser geworden. Es ist aber noch immer schwierig, Sprachkurse in jeder Region bedarfsgerecht anzubieten und Flüchtlinge dabei auch berufsbegleitend zu fördern. Acht von zehn Unternehmen wünschen sich mehr berufsbezogene Sprachförderung.

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