Elf Prozent der deutschen Arbeitskräfte haben ein hohes Risiko, durch Automatisierung ihre Jobs zu verlieren: Zu dem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie OECD-Studie. Welche Berufe sind besonders bedroht?

Es gibt Tätigkeiten im Dienstleistungsbereich, zum Beispiel im Bereich Pflege – also alles, was nicht mit Menschen zu tun hat. Räume sauber machen, das können heute schon hervorragend Roboter leisten. Das ist natürlich eine Geldfrage, wie viel die kosten und wie man die einsetzen will. Und wenn man über das autonome Fahren nachdenkt: In zehn Jahren sind wahrscheinlich Autos oder Taxis ohne Fahrer unterwegs. Auch Berufskraftfahrer, sie heute noch dringend gesucht werden, könnten ersetzt werden.

In welchen Berufen macht sich heute schon die Digitalisierung bemerkbar?

„Im Moment ist die Digitalisierung noch ein Beschäftigungstreiber, wir haben aber keine Prognose, ob das in Zukunft auch so bleibt.“

Die Digitalisierung hat ganz viele Industrie- und Handwerksbereiche schon erfasst. Das fängt beim Handwerker an, dass er seine Tätigkeit effizienter macht und vielleicht die Einsatzplanung übers Smartphone direkt mit den eingehenden Bestellungen verknüpft. Dinge, die es in der Industrie schon lange gibt. Aber dadurch, dass mehr produziert wird, steigt im Moment die Beschäftigung ja sogar noch. Unternehmen, die besonders stark digitalisiert sind - das zeigen zumindest unsere Studien – suchen eher noch Mitarbeiter als die, die bei der Digitalisierung hinterherhinken. Im Moment ist die Digitalisierung noch ein Beschäftigungstreiber, wir haben aber keine Prognose, ob das Zukunft auch so bleibt.

Der Studie zufolge müssten viele der Arbeitskräfte Umschulungen machen, die teilweise ein bis drei Jahre dauern. Dann könnten sie ihr Risiko verringern, von Maschinen oder Algorithmen ersetzt zu werden. Wie sehen Sie das?

Wir würden eher davon ausgehen, dass wir kleinere Lerneinheiten brauchen, die kontinuierlich und am Arbeitsplatz stattfinden. Denn die Studie sagt auch: Wir haben ein Problem bei den Geringqualifizierten. Das stimmt auch großteils. Wir haben im letzten Jahr analysiert, dass Geringqualifizierte in Deutschland eigentlich auch in zwei Gruppen zu trennen sind: Es gibt diejenigen ohne formale Berufsausbildung, die intensiv an Weiterbildungen teilnehmen, die auch spannende Tätigkeiten ausführen.

Und dann gibt es eine zweite Gruppe, die sehr stark routinierte, wiederholende Tätigkeiten ausführt, ohne Weiterbildung. Und da haben wir ein massives Problem: Die kriegen wir nur motiviert, wenn das arbeitsplatznah ist. Wenn sie im Job auch kurzfristig Fortschritte sehen. Denn wenn Sie die für drei Jahre in eine Umschulung stecken, brechen die ab.

Das heißt, man müsste bei den Unternehmen ansetzen und nicht bei den Jobcentern?

„Gerade für Geringqualifizierte benötigen die Unternehmen staatliche Unterstützung.“

Werner: Man müsste mit den Förderprogrammen, die wir haben, noch stärker in die Unternehmen reingehen. Viele Förderprogramme setzen aktuell beim einzelnen an. Aber gerade Geringqualifizierte bekommen Sie nicht dazu sich weiterzubilden, wenn sie nicht von den Unternehmen motiviert und geleitet werden. Das Einkommen muss ja auch weiterfließen. Es muss Erfolgserlebnisse bei der Arbeit geben, damit das klappt. Gerade für Geringqualifizierten benötigen die Unternehmen staatliche Unterstützung. Teilweise haben wir diese Programme auch schon, die müssten aber noch stärker in die Betriebe kommen.

Wie könnte so eine Förderung konkret aussehen?

Eine Initiative ist, dass man sich für Teile eines Ausbildungsberufs im Umfang von sechs Monaten qualifiziert. Mit diesen Zusatzqualifikationen kann man dann schon eine andere Tätigkeit ausüben. Nach sechs Monaten können Sie zum Beispiel selbst einen Lkw fahren. Die nächste Zusatzqualifikation wäre dann zum Beispiel Gefahrguttransport. Ich kann mich Schritt für Schritt weiterqualifizieren, meine Tätigkeit wird anspruchsvoller und der Verdienst steigt.

Und beim Gefahrguttransport wäre es dann unwahrscheinlicher, dass der automatisiert wird?

Ja, das denke ich schon. Weil da noch bestimmte Sicherheitsbestimmungen zu beachten sind. Zum Beispiel eine zusätzliche Absicherung durch einen zweiten Mitarbeiter, der mit im Transporter sitzt und zur Not handeln kann.

Wie ist Deutschland insgesamt in dem Bereich der beruflichen Weiterbildung aktuell aufgestellt?

Der Weiterbildungsmarkt in Deutschland funktioniert sehr gut. Aus unseren Erhebungen geht hervor, dass die Unternehmen pro Jahr 33 Milliarden Euro in betriebliche Weiterbildung investieren. Wir schneiden im internationalen Vergleich nicht so super ab, weil bei der OECD häufig auf formelle Weiterbildung geschaut wird – also Lehrgänge mit Zertifikaten, die man erwirbt. Bei uns passiert aber ganz viel in den Betrieben.

Skandinavische Staaten, Belgien und die Niederlande sind im OECD-Vergleich für den digitalen Wandel stärker aufgestellt. Was kann Deutschland von ihnen lernen?

Die haben ein stark ausgebautes Weiterbildungssystem, mit starker staatlicher Förderung. Dort gibt es eine andere Tradition: Der Staat ist verantwortlich für eine schulische Berufsausbildung. Die Wirtschaft dort erwartet, dass der Staat die Leute so ausbildet, wie die Anforderungen sind. In Deutschland gibt es eine andere Tradition: Die Unternehmen zahlen Ausbildungsvergütungen, sie investieren massiv selbst in Weiterbildung. Wenn wir die staatlichen Weiterbildungsprogramme in die Unternehmen bringen, können wir von den skandinavischen Staaten lernen, ohne ein komplett anderes System einzuführen.

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