"Der Euro wird kleingeredet" Image
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Professor Hüther, gibt es für das arbeitgebernahe IW ein schöneres Geburtstagsgeschenk als eine Gewinnquote von 35,8 Prozent im Herbst 2010? Nie zuvor machten die Einkommen der Firmen und aus Vermögen einen größeren Teil unserer Wirtschaftsleistung aus.

Mich beeindruckt am meisten, was sich am Arbeitsmarkt tut. Die rekordhohe Beschäftigung ist zukunftsweisend. Immer mehr Menschen in Deutschland können ihre Beschäftigungswünsche wieder realisieren. Das ist das schönste Geschenk! Die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hat sehr viel mit der höheren Gewinnquote zu tun. Die Firmen waren in der Krise in der Lage, Beschäftigung zu halten.

Und nun steigen dafür die Löhne?

Das werden sie, aber nicht aus Nachholgründen. Die Lektion aus den vergangenen 15 Jahren lautet: Bei den Lohnabschlüssen muss man betrieblich differenzieren können. Das Modell mit Flächentarifverträgen, die Abweichungen zulassen, hat sich bewährt. Der Abschluss der Metall- und Elektro-Industrie passt in die Landschaft.

Nur 2, 7 Prozent Lohnerhöhung als Richtschnur?

Lassen Sie die drei vor dem Komma stehen, um den Spielraum abzustecken. Da die Preise stabil sind, wird dieses Jahr mit Sicherheit real etwas bei den Arbeitnehmern ankommen.

Derzeit sorgen sich viele Arbeitnehmer um ihr Geld und die Kosten für die Eurorettung. Wie viel sollte uns der Euro wert sein?

Der Euro wird gerade kleingeredet. Jedes Währungsarrangement, sei es eine nationale Währung, sei es ein Währungsverbund wie der Vorläufer des Euro, alles hat seine Kosten.

Ex-BDI-Chef Henkel fordert die Aufspaltung der Euro-Zonen in einen Süd- und einen Nord-Euro. Eine vernünftige Idee?

Das ist absoluter Schmarrn. Mit einer solchen Aufspaltung zerstören Sie am Ende die europäische Wirtschaftsunion. Außerdem müsste man für ein paar Wochen die Grenzen schließen, weil jeder Südeuropäer noch vor der Trennung versuchen würde, sein Geld in den Norden zu bringen. Denn eines ist klar: Der Nord-Euro würde kräftig gegenüber dem Süd-Euro aufwerten.

Mit negativen Auswirkungen auf die Arbeitsplätze hierzulande?

Mit den dramatischen Auswirkungen eines deflationären Schocks. Die Aufwertung würde heftig ausfallen und könnte bis zurHälfte aller Jobs in der Exportindustrie zerstören.

Von wie vielen sprechen wir?

Kurzfristig von 2,5 bis 3 Millionen.

Also kann die Antwort nicht "Raus aus dem Euro" lauten?

Auf keinen Fall. Außerdem handelt es sich ja keineswegs um eine Krise des Euro. Er ist stabiler als die D-Mark – sowohl nach innen wie nach außen. Die Eurozone insgesamt steht deutlich besser da als etwa die USA. Es ist eine Krise des politischen Handelns in der Europäischen Währungsunion.

Gibt es aus Ihrer Sicht einen Ausweg ohne Transferunion, analog dem Länderfinanzausgleich?

Wer den direkten Finanzausgleich fordert oder einen Europäischen Währungsfonds, der muss auch die Hoheit über seine Staatsfinanzen an die nächst höhere Ebene abgeben. So weit ist Euroland noch nicht. Deshalb sollten wir Alternativen bedenken: Klar definierte europäische Themen, die aufgrund ihrer externen Effekte auf alle Mitglieder ausstrahlen, könnten vergemeinschaftet werden. Also etwa die europäischen lnfrastrukturnetze oder die Verteidigung.

Und dafür könnte man dann europäische Steuern erheben und europäische Anleihen begeben?

Ja, für diese exakt umrissenen europäischen Aufgaben könnte man dann eine Zweckfinanzierung auf EU-Ebene organisieren. Genau wie es heute Bundesautobahnen gibt, würde es dann transeuropäische Autobahnen geben, die über die europäische Ebene finanziert würden.

So etwas klingt einleuchtend, stößt aber auf große Vorbehalte. Funktioniert die Übersetzung von wirtschaftswissenschaftlichenIdeen in die Öffentlichkeit?

Die Übersetzungsaufgabe steht beim IW sogar von Beginn an in der Satzung. Wir bleiben nicht beim Publizieren in einer wissenschaftlichen Zeitschrift stehen, sondern gehen in die Öffentlichkeit. Dabei gibt es immer erfolgreichere und weniger erfolgreiche Elemente.

Wieso klappt es heim Euro kaum?

Es dauert seine Zeit. Auch für den Euro haben wir schon sehr früh geworben. Im Jahr 2009 haben wir in einer Studie auf die Ungleichgewichte hingewiesen. Vielleicht hätten wir da ein bisschen stärker das Gefahrenpotenzial identifizieren und kommunizieren können.

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