1. Home
  2. Presse
  3. In den Medien
  4. Verwerfungen an den Märkten
Gastbeitrag 2. März 2026 Michael Hüther im Handelsblatt

Verwerfungen an den Märkten

Die Energiekosten werden deutlich steigen, zumal der Gaspreis wegen langfristiger Lieferverträge an den Ölpreis gekoppelt ist. Deutschland trifft das besonders hart, schreibt IW-Direktor Michael Hüther in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.

Der Angriff der Vereinigten Staaten und Israels auf den Iran wird weitreichende ökonomische Folgen haben. In jedem Fall ist kurzfristig mit Verwerfungen an den internationalen Märkten zu rechnen, je nach eintretendem Szenario sind auf mittlere bis längere Sicht indes sehr unterschiedliche Entwicklungen denkbar.

Kurzfristig dominiert die gravierende Unsicherheit über das Ausmaß des Konflikts. Bleibt es bei Kriegshandlungen der jetzt beteiligten Parteien, oder weitet sich der Irankrieg zu einem regionalen Krisenherd aus, weil die mit dem Iran verbündeten Terrororganisationen wie die Hisbollah und Huthi in den Konflikt eintreten? Logistikrouten im Nahen Osten wären dann definitiv bedroht und nicht nur Förderkapazitäten für Öl; rund ein Fünftel des weltweit verbrauchten Öls - vor allem in Richtung Asien - wird durch die Straße von Hormus zwischen Oman und Iran transportiert.

Der Ölpreis (für ein Barrel der Sorte Brent) lag am Freitag vor Beginn des Angriffs bei knapp 72,50 Dollar, er wird auf Handelsplattformen aktuell auf 80 Dollar taxiert, und manche Analysten halten 100 Dollar am Wochenbeginn für plausibel. Der periodische Höchststand war im März 2022 mit 126,34 US-Dollar erreicht, direkt nach dem US-Angriff auf die iranischen Atomanlagen im Juni 2025 waren die Ölpreise (Brent und Western Intermediate) um knapp sechs Prozent gestiegen und hatten ein Fünfmonatshoch erreicht.

Die Energiekosten werden damit deutlich steigen, zumal der Gaspreis aufgrund langfristiger Lieferverträge an den Ölpreis gekoppelt ist (marktbedingte Ölpreisbindung). Den deutschen Standort mit relativ hohen Energiekosten dürfte das zusätzlich besonders belasten.

So oder so erweisen sich die Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen als kritisch. Allerdings sollte nicht übersehen werden, dass der reine Markttrend eher Entwarnung signalisierte; angesichts des auf durchschnittlich 2,3 bis 3,8 Millionen Barrel pro Tag geschätzten Überangebots und einer relativ schwachen Nachfrage wurde vor dem Angriff ein negativer Preistrend für Öl im ganzen Jahr 2026 erwartet.

Die Reaktion der Aktienmärkte am Wochenbeginn dürfte den Anstieg der Preise für Öl und Gold sowie Ausweichbewegungen in die Anleihenmärkte spiegeln, es drohen Kursverluste und höhere Volatilität. Sollten sich angesichts veränderter Aussichten für die internationalen Energiemärkte nachhaltig die Inflationserwartungen verschlechtern, dann sind nachhaltigere Börsenreaktionen zu erwarten. Es ist fraglich, ob die Zentralbanken auf eine solche importierte Inflation - freilich im Umfeld generell instabiler Inflationserwartungen - gelassen oder frühzeitiger reagieren.

Grundsätzlich gilt, dass rein politische Börsen - also ohne jede fundamentale ökonomische Erklärung - kurze Beine haben. Und es sollte nicht übersehen werden, dass der Angriff auf den Iran ebenso wie die gleichermaßen völkerrechtswidrige militärische Spezialoperation in Venezuela die Liste jener Staaten verkürzt, die nicht nur aufseiten Wladimir Putins stehen, sondern das russische Regime mit Lieferungen - insbesondere auch militärischer Ausstattungen - unterstützen. Sollte der Iran dafür ausfallen, dann wäre Putin geschwächt, und die Hoffnungen auf ein Ende des Krieges gegen die Ukraine würden realistischer.

Dieser Zusammenhang weist auf die mittel- bis langfristigen Folgen des Angriffs auf den Iran hin. Sollte ein Regimewechsel gelingen oder zumindest eine nachhaltige Schwächung des Mullah-Regimes mit einer umfassenden Zerstörung des iranischen Atomprogramms, dann wäre das in diesem Zeitbezug - freilich unabhängig von den Folgen völkerrechtswidriger Aktionen - eine wichtige Stabilisierung, letztlich auch für die weltwirtschaftlichen Zusammenhänge. Das aber setzt voraus, dass die USA klare und vermittelbare Vorstellungen über die künftige politische Verfasstheit des Iran haben. Die Erfahrungen aus Afghanistan und dem Irak sprechen dagegen.

Mehr zum Thema

Artikel lesen
Container Cargo Frachtschiff Terminal in Hongkong, China.
Audio 6. März 2026 Michael Hüther im Handelsblatt-Podcast

Welthandel: „Das deutsche Geschäftsmodell wird strukturell attackiert“

Zölle, wachsende Konkurrenz aus China und eine alternde Bevölkerung bremsen die deutsche Wirtschaft. Im Handelsblatt-Podcast „Economic Challenges“ diskutieren IW-Direktor Michael Hüther und Handelsblatt-Chefökonom Bert Rürup, ob China ein strategischer Partner sein kann.

Michael Hüther im Handelsblatt-Podcast IW

Artikel lesen
Pressemitteilung 5. März 2026 Galina Kolev-Schaefer et al.

Nahost-Konflikt: Höhere Ölpreise könnten Deutschland bis zu 80 Milliarden Euro kosten

Die Folgen des Irankriegs bedrohen auch die deutsche Wirtschaft: Steigen die Ölpreise weiter, drohen wirtschaftliche Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe, zeigt eine Simulation des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Galina Kolev-Schaefer / Thomas Obst / Thomas Puls / Samina Sultan IW

Mehr zum Thema

Inhaltselement mit der ID 8880