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Gastbeitrag 19. Februar 2025 Michael Hüther in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Plötzlich vermeidlich?

Nur jeder zehnte Student schreibt sich für Geisteswissenschaften ein. Dabei ist Odo Marquards Plädoyer für sie nicht überholt, schreibt IW-Direktor Michael Hüther in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Die Daten sollten die Geisteswissenschaften aufrütteln: International haben sich seit dem Jahr 2010 die Studierendenzahlen in diesen Disziplinen halbiert, in Deutschland sind sie in den vergangenen zehn Jahren um immerhin 40 Prozent zurückgegangen. Die Geisteswissenschaften sind aus Sicht der jungen Generation vermeidbar, abwendbar, abwählbar geworden. Das steht im Widerspruch zu jener prononcierten These, die der Philosoph Odo Marquard vor vierzig Jahren, am 5. Mai 1985, auf der Jahresversammlung der Westdeutschen Rektorenkonferenz in Bamberg vortrug: „Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften.“ In Anknüpfung an seinen Lehrer Joachim Ritter, der 1961 über „Die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft“ referiert hatte, argumentierte Marquard mit dem Befund, dass die modernen Geisteswissenschaften auf die experimentellen Naturwissenschaften folgten und schon deshalb unvermeidbar seien – mit allen Konsequenzen für die universitären Strukturen.

Die Frage nach der Bedeutung der Geisteswissenschaften hatte schon nach dem Ersten Weltkrieg Auftrieb erfahren, als die Erfahrung dieser zivilisatorischen Katastrophe über die Hinwendung zu den Realien und dem Wunsch praktischer Nützlichkeit des Studiums den Anspruch an die Universität grundlegend veränderte. Das Aufkommen der Nationalökonomie wie aus dem Nichts mit eigenen Studienabschlüssen nach 1919 kann man so erklären. In diesem Sinne nahm Joachim Ritter Bezug auf Max Schelers Ausführungen zu „Universität und Volkshochschule“ (1925) und auf die Münsteraner Antrittsvorlesung von Helmut Schelsky zur sozialen Idee der deutschen Universität (1960), wonach die strukturelle Krise der klassischen Universität aus ihrem Widerspruch „zu den notwendigen Bedürfnissen der industriellen Gesellschaft“ resultiere.

Diese Sorge war schon im neunzehnten Jahrhundert formuliert worden, ohne jedoch wirklich virulent zu werden. Aber die Einführung der Realgymnasien (ohne Griechischkenntnisse zum Abitur) und der lateinlosen Oberrealschulen, die Förderung und Gleichberechtigung der technischen Hochschulen (Promotionsrecht seit 1899) sowie schließlich die Förderung außeruniversitärer Forschung mit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1910 und die Einrichtung industrieller Verbundforschung haben jenes Feld bereitet, auf dem nach dem Ersten Weltkrieg die Zweifel an den Geisteswissenschaften und ihrer Unvermeidlichkeit gedeihen konnten.

Ritter und Marquard traten dieser Sorge entgegen, indem sie selbstbewusst die Zusammenhänge auf den Kopf stellten und damit zurechtrückten. Das Aufkommen der Naturwissenschaften habe die Geisteswissenschaften nicht verdrängt und in existenzielle Nöte gebracht, weil die „durch die kritische, historische und hermeneutische Methode konstituierten Wissenschaften„, so Ritter, „erst später als die Naturwissenschaften“ entstanden seien. Wenn die Geisteswissenschaften nach den experimentellen Wissenschaften aufgekommen sind und deshalb nicht durch diese überflüssig werden können, dann stellt sich angesichts des aktuellen Befundes – vierzig Jahre nach Marquards Analyse und 64 Jahre nach Ritters Einordnung – die Frage, was hier schiefgelaufen ist. Was übersehen die jungen Menschen bei ihren Studienentscheidungen? Was versäumen die Universitäten in ihrer programmatischen Ausrichtung? Was verkennt die Wissenschaftspolitik?

Es hat in den vergangenen vierzig Jahren nicht an Bemühungen gemangelt, den Geisteswissenschaften Mut zuzusprechen. So erschien im Jahr 1991 die Denkschrift „Geisteswissenschaften heute“, vorgelegt von Wolfgang Frühwald, Hans Robert Jauß und Reinhart Koselleck auf Anregung des Wissenschaftsrates und der Westdeutschen Rektorenkonferenz. Im Jahr 2005 veröffentlichten Carl Friedrich Gethmann, Dieter Langewiesche, Jürgen Mittelstraß, Dieter Simon und Günter Stock ein „Manifest Geisteswissenschaften“. Im Jahr 2007 schließlich zelebrierte die deutsche Wissenschaftspolitik das „Jahr der Geisteswissenschaften“, unterlegt mit der Förderinitiative „Freiraum für die Geisteswissenschaften“, der Einrichtung des Käte Hamburger Kollegs für geisteswissenschaftliche Forschung und der erstmaligen Aufforderung an Geisteswissenschaftler, im 7. Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union mitzuwirken. Forderungen aus dem Manifest fanden sich damit bereits auf dem Weg zur Umsetzung.

Im Jahr 2006 entschieden sich fast 25 Prozent aller 345.000 Studienanfänger für ein geisteswissenschaftliches Fach, rund 22 Prozent aller knapp zwei Millionen Studierenden waren hier eingeschrieben. Von den rund 2,87 Millionen Studierenden im Studienjahr 2023/24 waren noch 10,4 Prozent in den Geisteswissenschaften immatrikuliert, von den Studienanfängern waren es gut 10,2 Prozent. So gesehen haben die wissenschaftspolitischen Anstrengungen entweder nichts bewirkt oder allenfalls eine noch schlimmere Erosion geisteswissenschaftlicher Studierendenzahlen verhindert. Interessant ist, dass sich gleichzeitig – so die Daten des Sozio-oekonomischen Panels – bei Jüngeren (im Alter bis 24 Jahre) der Anteil derjenigen, die sich große Sorgen um den Klimawandel und dessen Folgen machen, mehr als verdoppelt hat. Diese veränderte Einschätzung dürfte die Studienwahlentscheidungen nicht zugunsten der Geisteswissenschaften beeinflussen.

Die Pointe von Ritters und Marquards Periodisierung der Wissenschaftsgeschichte war die These von der spezifischen Modernität der Geisteswissenschaften. Über sie wird die historische Zeit als Ausdruck universell erwachten „historischen Sinns“ den Naturwissenschaften (und den Sozialwissenschaften) hinzugefügt. Das moderne Weltverständnis entwickelte sich während der „Sattelzeit“ (Reinhart Koselleck) von 1750 bis 1850 durch die Möglichkeit, Kollektivsingulare – wie Nation, Gesellschaft, Volkswirtschaft und Geschichte – begrifflich zu erfassen, es verfügte damit über den instrumentellen Apparat, die aktuellen Reflexe der Naturwissenschaften durchaus skeptisch in einen sachlich breiten und zeitlich tiefen Kontext zu stellen.

Wenn wir uns nun im Übergang zur Klimaneutralität von manchen Üblichkeiten der industriellen Welt verabschieden und Erfahrungswissen an Bedeutung verliert, so verlangt dies erst recht die Auseinandersetzung mit der „geschichtlich geistigen Welt des Menschen“ (Ritter) – mit seiner Rolle, seinen Herausforderungen, seinen Möglichkeiten und seiner Verantwortungsfähigkeit. Die Antworten werden nicht eindeutig sein, denn wir betreten historisches Neuland. Doch aus der Vieldeutigkeit der Optionen ergeben sich – je nach Kontext und historischer Bedingung – die unvermeidlichen, da basalen Orientierungen. Diese verweisen auf Revisionsfähigkeit und -kapazität sowie auf die Bedeutung von Resilienz. Nachhaltigkeit entsteht nicht durch das Umetikettieren bestehender Studienangebote, sondern dadurch, dass die naturwissenschaftlichen Tatsachenfeststellungen geisteswissenschaftlich – historisch, kulturell, semantisch – reflektiert, eingeordnet, dimensioniert, kompensiert und bewertbar werden. Das müsste eigentlich den zitierten Sorgen der jüngeren Generation um den Klimawandel entgegenkommen.

Das führt uns zu den narrativen Angeboten, die Marquard den Geisteswissenschaften seinerzeit zuwies. Sensibilisierungsgeschichten können in einer Zeit, in der Wandel und Veränderung dominieren, über die Mobilisierung des ästhetischen Sinns einen lebenswichtigen Ausgleich schaffen. Bewahrungsgeschichten sichern Vertrautheit in einer Lebenswelt, die scheinbar dem Motto unterworfen ist, dass alles geändert werden kann. 

Eines wird man akzeptieren müssen, wenn man sich auf die Geisteswissenschaften einlässt: Der weithin etablierte Gewissheitsüberschuss wissenschaftlicher Positionen und darauf beruhender Kommunikation wird nicht weit tragen. Wir stehen zwar nicht, wie manche populistische Kritik an geisteswissenschaftlicher Theoriearbeit suggeriert, vor einer inszenierten Kulisse der Beliebigkeit, aber eben in einer Welt der Vieldeutigkeit. Die Komplexität, die sich aus der Vernetzung der Sachzusammenhänge ergibt, trifft auf eine Gleichzeitigkeit der Veränderungsbewegungen. Darin Fäden zu finden, die sich zusammenbinden zu lassen, wird nur gelingen, wenn man der Vieldeutigkeit Raum gibt, aber im Sinne der narrativen Angebote der Geisteswissenschaften versucht, Muster und Bedingungen zu identifizieren, Rollen und Verantwortung zu benennen. Die Geisteswissenschaften können neue Attraktivität gewinnen, wenn sie sich diesen Aufgaben stellen.

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