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Michael Hüther in der Welt Gastbeitrag 30. März 2023

Krise ist, wenn Sparer glauben, dass Krise ist

Nach der Pleite der Silicon Valley Bank und der Übernahme der Credit Suisse durch die UBS sind Sparer nervös wie seit Jahren nicht mehr. Droht eine Finanzkrise wie vor 15 Jahren? Die Lage ist fragil. Wie sich eine flächendeckende Krise jetzt noch abwenden lässt, schreibt IW-Direktor Michael Hüther in einem Gastbeitrag für die Welt.

Coronakrise, Energiekrise, Klimakrise und nun – möglicherweise – auch noch Bankenkrise: Das neue Jahrzehnt wartet mit einer bisher unbekannten Vielfalt an Kalamitäten auf; ein Ende scheint nicht absehbar.

Seit der hektischen Übernahme der Schweizer Traditionsbank Credit Suisse durch die UBS treibt Politiker, Aufseher und Anleger weltweit die Frage um, ob sich die Krise ähnlich auswächst wie jene 2008. Die Erinnerungen an diese Zeit haben sich eingebrannt. Droht den Finanzmärkten also ein vergleichbares Erdbeben wie vor 15 Jahren?

Dafür spricht: Die wirtschaftliche Lage ist heute weniger stabil als damals. Diese Fragilität ist unterschiedlichen Gründen geschuldet: Als Folge des Ukrainekriegs und der flächendeckenden De-Globalisierung kämpfen Unternehmen gegen hohe Energiepreise und Lieferengpässe. Viele Staaten verzeichnen hohe Schulden; allein in der Eurozone hat sich der Schuldenstand im Vergleich zu 2008 verdoppelt, in den USA sogar verfünffacht.

Als Folge dieser Gemengelage ist die Inflation anhaltend hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Notenbanken priorisieren den Kampf gegen die Inflation, noch vor jeder Bankenrettung, die restriktive Geldpolitik bedeutet für die angeschlagenen Geldhäuser eine weitere Gefahr.

Viele Banken hat die Zinswende weitestgehend unvorbereitet getroffen, offenbar rechnete man damit, dass die Niedrigzinsphase womöglich niemals enden würde. Die Silicon Valley Bank ist darüber gestrauchelt, der Bank-Run war wegen der besonderen Kundenstruktur dort eine Art konzertierte Aktion von Tech-Unternehmern, die in einem Schlag ihre Einlagen abgezogen haben.

Um das zu kompensieren, musste die Bank sehr viele gering verzinsten Wertpapiere verkaufen, was wegen der Zinserhöhungen mit entsprechenden Verlusten einherging. Ob die Bankenaufsicht in den USA diese sehr spezifischen Risiken hätte anders adressieren müssen, steht auf einem anderen Blatt. Die unter Trump verringerten Regulierungsansprüche und Aufsichtspflichten haben jedenfalls diese Krise der Regionalbanken befördert.

Insgesamt entpuppt sich die bisherige Entwicklung als ein Konglomerat von Sonderfällen. Zutage treten zum einen branchenspezifische Probleme. Im Falle der Credit Suisse war es nicht allein eine lange Geschichte von Managementproblemen bis hin zu diversen Skandalen, sondern es gab auch gravierende regulatorische Fehler, kombiniert mit einem Versagen der Aufseher und falschen Restrukturierungen.

Die europäischen Banken sind heute dank Basel III mit deutlich mehr Eigenkapital ausgestattet als noch 2008. Das dämpft grundsätzlich das Risiko. Dennoch bleibt in beiden Fällen die bedrückende Feststellung, dass Institutionen ihre Fehler wiederholen und es – auch wenn man das hoffen mag – kein kollektives Lernen gibt. Das Scheitern der Credit Suisse ist in dieser Hinsicht ein Mahnmal.

Daraus folgt: Die Situation ist fragil, wenn auch aus anderen Gründen als 2008. Zur größten Gefahr einer Bank können nun die eigenen Anleger werden, und zwar in der Sekunde, in der sie das Vertrauen in ihr Institut verlieren und dem sogenannten Herdenverhalten unterliegen.

Dann nämlich droht ein Bank-Run, bei dem Anleger in möglichst kurzer Zeit einen möglichst großen Teil Einlagen abheben. Dabei spielt auch keine Rolle, ob die Anleger richtig informiert sind – Krise ist, wenn Sparer glauben, dass Krise ist.

Sparer sind so nervös wie lange nicht

Entsprechend vollmundig musste vor 15 Jahren das legendäre Versprechen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück sein: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein.“ Dabei war damals alles andere als sicher, dass der Staat im Ernstfall würde diese Zusage halten können.

US-Präsident Joe Biden sah sich nun gezwungen, ein ähnliches Versprechen abzugeben. Wie nervös Anleger derzeit sind, zeigen Suchmaschinenanfragen: Der Begriff „Einlagensicherung Deutschland“ hat aktuell einen neuen Spitzenwert, nur 2008 wurde noch häufiger danach gesucht.

In der Schweiz erhöht sich um die UBS nun ein Klumpenrisiko, die Bilanzsumme beträgt 1,5 Billionen Euro – doppelt so viel wie das Schweizer BIP. Sollte die UBS also in Schieflage geraten, kann es für sie folglich kaum eine staatliche Rettung geben. Schon aus dieser Feststellung folgt, dass an einer Zerlegung der Bank kein Weg vorbeiführt.

Das reicht freilich nicht. Banken brauchen zwingend genügend Eigenkapital, um jedwedes Risiko so gering wie möglich zu halten. Um das sicherzustellen, müssen Aufsichtsbehörden viel genauer hinschauen und im Zweifel auch stärker regulieren.

Für geordnete Abwicklung bleibt in der Krise keine Zeit

Zudem muss das Management für den angerichteten Schaden haften, allein schon, um keine fatalen Signale an Banker aus aller Welt zu senden. Andersherum: Es darf nicht mehr möglich sein, staatliche Rettungsaktionen im Betriebsablauf fest einzuplanen.

Zugleich gilt: Bankenrettung ist in der Kriseneskalation nach der Erfahrung mit Lehman Brothers 2008 immer noch dem Nichtstun überlegen, zumal die Erwartungen an die Patientenverfügung der Banken („Living Will“) sich nicht erfüllt haben. Denn für eine geordnete Abwicklung bleibt in der Krise

Und nicht zuletzt kommen die zuständigen Behörden nicht umhin, ihre Kompetenzen zu bündeln. In Deutschland sind das die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die Bundesbank und das Finanzministerium: Sie müssen in der Lage sein, im Krisenfall innerhalb eines Wochenendes eine in Schieflage geratene Bank zu stabilisieren.

Dafür braucht es außerdem einen Austausch mit den Behörden, die auf europäischer Ebene zuständig sind. Nur wenn hier alle Akteure Hand in Hand verantwortlich wie verlässlich zusammenarbeiten, lässt sich ein Überspringen auf die Realwirtschaft verhindern. Das ist dringend nötig: Die wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit sind schon anspruchsvoll genug.

Zum Gastbeitrag auf welt.de

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