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Michael Grömling in den VDI-Nachrichten Gastbeitrag 21. November 2022

Konjunkturampel: Licht und Schatten für die Wirtschaft

Die Verbraucher haben eine Rezession verhindert. Doch die Industrie steht unter Druck, schreibt IW-Konjunkturexperte Michael Grömling für die VDI-Nachrichten.

Die Rezession im dritten Quartal ist in Deutschland wohl ausgeblieben. Das reale Bruttoinlandsprodukt, die Messgröße für die gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten, ist nach ersten Berechnungen gegenüber dem Vorquartal sogar um 0,3 % angestiegen. Diese positive Entwicklung hat die meisten Konjunkturforscher und -forscherinnen überrascht. Das gilt vor allem für den Zuwachs bei den Konsumausgaben der privaten Haushalte. Angesichts von Inflationsraten im fast zweistelligen Bereich waren eher Bremsspuren beim Konsum zu erwarten. Offensichtlich haben aber die Urlaubsfreuden und die aufgrund von Lieferverzögerungen aufgeschobenen Automobilkäufe den Konsum beflügelt.

Grund für entspanntes Durchatmen liefert dies jedoch nicht. In den nächsten Monaten sind keine positiven Sondereffekte sichtbar und es wird sich zeigen, wie stark die angestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreise dem Konsum insgesamt zusetzen werden. Freilich wird mit mehreren staatlichen Entlastungspaketen und dabei insbesondere mit Liquiditätshilfen für die Haushalte den exorbitant hohen Strom- und Gaspreisen entgegengewirkt.

„Die globale Abkühlung ist mittlerweile in den Bestellbüchern der Exportwirtschaft zu spüren.“

Erfreulicherweise haben sich auch die deutschen Exporte bis zuletzt gut behauptet. Denn der gesamte Welthandel lief bis zum dritten Quartal auf hohen Touren – rund 10 % über dem Niveau vor der Pandemie. Bremsspuren durch den Ukrainekrieg waren bislang nicht zu verzeichnen, eher wurden auch hier nachgeholte Transfers aufgrund der Lieferverzögerungen sichtbar.

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Die Prognosen für die Weltwirtschaft im kommenden Jahr wurden gleichwohl seit Jahresanfang genau halbiert: Während Anfang 2022 noch ein Plus bei der Weltproduktion in Höhe von 3,2 % prognostiziert wurde, gehen die Konjunkturforscher derzeit im  Durchschnitt nur noch von 1,6 % im kommenden Jahr aus.

Die globale Abkühlung ist mittlerweile auch in den Bestellbüchern der Exportwirtschaft zu spüren. Während die gesamten Auftragseingänge der Industrie im September um 4 % gegenüber dem Vormonat zurückgingen, gab es bei den Auslandsbestellungen einen Einbruch um 7 %. Damit setzt sich hier der seit Jahresanfang zu beobachtende Rückgang beschleunigt fort und drückt auf die Produktionsperspektiven. Das signalisieren auch die Einkaufsmanager, deren Bestellungen zuletzt weit im Minus lagen. Im dritten Quartal konnten die Betriebe zwar noch die Produktion vom Vorquartal leicht übertreffen. Fortschritte beim Schließen der seit gut zwei Jahren bestehenden Produktionslücke wurden damit aber kaum erzielt. Am aktuellen Rand fehlen fast 6 %, um das Produktionsniveau des Jahres 2019 zu realisieren. Gegenüber dem Jahreswert von 2018 zeigt sich sogar eine Industrielücke von 8,4 %.

Die Risiken für eine reibungslose Energieversorgung im Winterhalbjahr sind beträchtlich. Die Materialengpässe in der Industrie haben zuletzt zwar deutlich nachgelassen – sie liegen aber immer noch auf historischen Höchstständen. Damit bleiben die Perspektiven getrübt – dies gilt auch für die Investitionstätigkeit in Deutschland. Bei den Ausrüstungsinvestitionen besteht seit zwei Jahren eine gewaltige Lücke. Die Verunsicherungen durch den Krieg in der Ukraine, vor allem in den energieintensiven Industriesparten, verschärfen diese Investitionszurückhaltung.

Nach Schätzungen des IW ergeben sich akkumuliert über die Jahre 2020 bis 2022 Ausfälle bei den Bruttoanlageinvestitionen in Deutschland von 125 Mrd. €. Damit wird durch Pandemie und Krieg das Produktionspotenzial und die darauf aufsetzende Wohlstandsbasis in der laufenden Dekade empfindlich und dauerhaft beeinträchtigt.

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