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Maximilian Stockhausen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Gastbeitrag 27. September 2021

Wie der Vater, so der Sohn

Verdienen wir mehr als unsere Eltern? Ein Vergleich der Einkommensmobilität in Deutschland und Amerika. Ein Gastbeitrag von IW-Verteilungsexperte Maximilian Stockhausen für die FAZ.

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Werden wir es einmal besser haben als unsere Eltern? Zweifel an der Gültigkeit des Aufstiegsversprechens nährte vor einigen Jahren schon eine bemerkenswerte Studie des amerikanischen Ökonomen Raj Chetty und seiner Ko-Autoren: Mithilfe historischer Zensusdaten und neuerer Haushaltsbefragungen konnten diese erstmals zeigen, dass die sogenannte absolute Einkommensmobilität in den Vereinigten Staaten von rund 90 Prozent für die im Jahr 1940 Geborenen auf rund 50 Prozent für die im Jahr 1980 Geborenen zurückgegangen ist. Demnach konnten also immer weniger Kinder ein höheres Realeinkommen als ihre Eltern erzielen. Ihr Fazit: Der Amerikanische Traum schwindet langsam dahin. Immerhin lag die absolute Einkommensmobilität in der jüngsten Kohorte für Geringverdienende höher: für die unteren 20 Prozent mit Werten zwischen 60 und 80 Prozent deutlich oberhalb der Werte der Einkommensmitte und der -spitze mit Werten zwischen 10 und 50 Prozent.

Was sind die Gründe für die geringere Einkommensmobilität in der amerikanischen Gesellschaft? Wahrscheinlich liegen die Ursachen in einer Kombination aus globaler Arbeitsteilung, technologischem Wandel und einer höheren Einkommensungleichheit. Dazu kommt aber noch ein zweiter Aspekt: Materieller Aufstieg mag in den jüngeren Generationen weniger erstrebenswert geworden sein, weil für sie das heutige Wohlstandsniveau schon hoch genug ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg lagen die Dinge noch anders. Hinzu kommen Fragen der Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftens.

Wie aber sieht es für Deutschland aus? Vergleichbare Studien liegen bislang nicht vor, auch weil Daten zur Haushaltsbefragung für Westdeutschland nur bis in die 1980er Jahre zurückreichen. Ein Vergleich der inflationsbereinigten Arbeitseinkommen von westdeutschen Vater-Sohn-Paaren zeigt aber, dass knapp 67 Prozent der zwischen 1955 und 1975 geborenen Söhne ein deutlich höheres Arbeitseinkommen als ihre Väter erzielen konnten. In den USA liegt der Anteil mit rund 60 Prozent niedriger. Wenn der Vater aus der untersten Einkommensgruppe stammte (untere 25 Prozent), sind über 90 Prozent der Kinder aufgestiegen. In den USA waren es 80 Prozent.

Der Unterschied zu den USA mag zunächst nicht besonders groß erscheinen, zumal die Aufstiegsmöglichkeiten am unteren Ende ähnlich stark ausgeprägt sind. Allerdings sank der Anteil von 66 Prozent für die zwischen 1956 und 1960 Geborenen auf rund 48 Prozent für die 1971 bis 1975 Geborenen in den USA, während er in Deutschland nahezu unverändert blieb. Insgesamt fällt die absolute Einkommensmobilität in Deutschland damit größer und vor allem stabiler aus als in den USA. Dies deutet darauf hin, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland in der Vergangenheit breiter verteilt gewesen ist und mehr Menschen zugutekam - eine plausible Interpretation angesichts der höheren Einkommensungleichheit in den USA. Allerdings könnte Deutschland der amerikanischen Entwicklung lediglich hinterherlaufen, zumal die Daten zur Haushaltsbefragung nur ein kleineres Zeitfenster eröffnen.

Warum aber nur Väter und Söhne und nicht Mütter und Töchter? Leider geben die verfügbaren Daten diesen Vergleich nicht her. Da die Erwerbsbeteiligung unter Frauen in den letzten Dekaden stark gestiegen ist, müssten diese Veränderungen entsprechend kontrolliert werden. Das ist aber nicht möglich, jedoch bei Männern ein deutlich geringeres Problem. Würde man den Versuch dennoch wagen, wäre vermutlich eine deutlich geringere Einkommensmobilität zwischen Vätern und Töchtern zu erwarten als zwischen Vätern und Söhnen. Dafür spricht vor allem eine höhere Teilzeitquote unter den Töchtern. So zeigen auch die Ergebnisse von Chetty und Ko-Autoren, dass der Anteil der Töchter, die mehr als ihre Väter verdienen, seit jeher deutlich geringer war. Für die im Jahr 1940 geborenen Töchter lag der Anteil bei rund 43 Prozent, während er für die im Jahr 1984 Geborenen bei 26 Prozent lag. Unterschiede in den Arbeitszeiten (Teilzeitarbeit) und der Stundenentlohnung werden zur Erklärung angeführt - Ähnliches ist für Deutschland zu vermuten. Eine noch größere Herausforderung resultiert aus der Wiedervereinigung. Die systembedingten Unterschiede erlauben keine sinnvolle Aussage über die Zeit vor der Wende. Dies gilt einerseits mit Blick auf die Einkommensentwicklung in der ehemaligen DDR, andererseits aber auch mit Blick auf die Geschlechterunterschiede: Schließlich lag die Vollzeitquote ostdeutscher Frauen seinerzeit deutlich über West-Niveau.

Es bleibt die Frage: Ist ein hohes Niveau an Einkommensmobilität weiter politisches Ziel? Die Anforderungen des Arbeitsmarktes werden sich durch die Digitalisierung weiter erhöhen und Menschen mit höherem Humankapital auch künftig begünstigen. Dabei wird die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen immer wichtiger. Die Bildungspolitik dürfte also über einen wichtigen Hebel verfügen, um die Einkommensmobilität zu fördern, gleichzeitig werden Erfolge erst in Jahrzehnten sichtbar.

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