Schaut man auf die letzten 25 Jahre mit etwas Distanz zurück, dann zeigt sich eine Abfolge von Schocks auf das wirtschaftliche Leben, der jeder für sich aus der Perspektive des Jahres 1996 Untergangsfantasien gerechtfertigt hätte.

Es waren bezogen auf die Ökonomie exogene Belastungen – wie der Terror 9/11, Kriege in Nahost, Fukushima, Fluchtkrise und natürlich die Covid19-Pandemie – und endogene Spannungen – wie Asienkrise, Schieflage des LTCM-Hedgefonds, Zusammenbruch der New Economy, Finanzmarktkrise, Euro-Staatsschuldenkrise.

Gerahmt wurde die Weltwirtschaft sowohl durch massive Fortschritte grenzüberschreitender Arbeitsteilung und damit der modernen Globalisierung, die mit der Öffnung Chinas 1978 begann und mit dem Fall des Eisernen Vorhangs sich verbreiterte, als auch durch die Erschöpfung dieser Prozesse in der letzten Dekade.

Lebensumstände haben sich massiv verbessert

Indes: Alles in allem zeigen die Millennium-Ziele, die im Jahr 2000 von den Vereinten Nationen beschlossen und im Jahr 2015 für den Zeitraum bis 2030 erweitert wurden, dass sich die Lebensverhältnisse massiv verbessert haben. Das gilt für die Reduzierung von Armut und Hunger, die Sicherung primärer Bildung, die Gleichstellung der Geschlechter, die Senkung der Kindersterblichkeit und die Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter sowie die Bekämpfung schwerer Krankheiten. Im Lichte der Massivität und Vielzahl der Krisen sind diese Erfolge der globalen Entwicklung umso beachtlicher.

Auf Deutschland gewendet gilt: Keine Generation hatte mehr Zeitressourcen, mehr Bildungskapital, mehr Gesundheitschancen und höhere Einkommen als die heutige. Dazu gehört der Befund, dass die deutsche Volkswirtschaft mit Blick auf ihr industriebasiertes und exportorientiertes Geschäftsmodell, auf Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit sowie auf die Staatsfinanzen auf eine „goldene Dekade“ zurückblickt.

Diese Hinweise sollen nicht darüber hinwegtäuschen, welche Herausforderungen, Probleme und Schwierigkeiten auf den Menschen lasten. Nur, wenn der Blick nach vorne gerichtet wird, auf die nächsten 25 Jahre, dann ist es nicht unerheblich, auf welcher Startrampe man steht, national wie global.

Wirtschaftspolitische Rahmendaten machen Hoffnung

Hinzu kommt, dass jenseits des aktuellen Pandemiegeschehens mit dem Beginn der Impfungen zum Jahreswechsel eine Reihe positiver wirtschaftspolitischer Rahmendaten gesetzt wurden: Die Wahl von Joe Biden gibt neue Hoffnung für die multilaterale Ordnung und eine kooperative transatlantische Führungsnation, das Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit dem Vereinigten Königreich verhindert nicht nur das Schlimmste, sondern schafft neue Perspektiven, und das Investitionsabkommen der EU mit China ist jedenfalls ein starkes Signal gegen den grassierenden Protektionismus. Das macht Hoffnung.

Die Herausforderungen der nächsten Dekaden sind allerdings gewaltig. Die Industrie muss beweisen, dass sie die Dekarbonisierung durch innovative Prozesse und Produkte zu leisten vermag. Wirtschaft und Gesellschaft müssen die Chancen der demografischen Alterung nutzen, indem kluge Muster der Zeitnutzung gleichermaßen Produktivität erhalten und die Souveränität des Einzelnen im längeren Leben sichern. Die Digitalisierung als ein hoch effizienter Weg, die Komplexität moderne Gesellschaften zu bewältigen, ist sowohl infrastrukturell als auch habituell durch Bildung abzusichern.

Im globalen Kontext geht es darum, die Chancen grenzüberschreitender Freiheit und Verantwortung zu ergreifen, indem wir die Einbindung der Verlierer und den Ausgleich der unterschiedlichen Fähigkeit, mit Neuerungen umzugehen und Risiken zu tragen, in unseren Sicherungssystemen zeitgemäß organisieren.

Ökonomen müssen Hinweise ernst nehmen

Die Lektionen der Vergangenheit sind eindrucksvoll: Bei klaren und eindeutigen Rahmenbedingungen passen sich die Akteure in der freiheitlichen Wirtschaftsordnung an und sie offerieren mit ihrer dezentral begründeten Fähigkeit zu Innovationen einen kreativen Austausch mit den gesellschaftlichen Trends sowie den politischen Möglichkeiten. Das verlangt von uns Ökonomen, jene Hinweise ernst zu nehmen, die sich vor allem aus der Finanzmarktkrise und der Erschöpfung der Globalisierung ableiten: Institutionen spielen ebenso eine Rolle wie historische Pfadabhängigkeiten.

Ökonomische Theorie verleitet hingegen zur institutionellen Vereinfachung und zur Zeitlosigkeit. Das ermöglicht die Formulierung einer ökonomischen Welt in Modellen, ohne deren Voraussetzungen erörtern zu müssen. Es geht dann ausschließlich um die Preisbildung und die Veränderung relativer Preise als Steuerungslogik in vollkommenen, informationseffizienten Märkten.

Dagegen wissen wir etwa durch Edmund Phelps (Nobelpreisträger 2006), dass im Falle von realistischerweise anzunehmenden Marktunvollkommenheiten altruistisches (selbstloses) Verhalten die Effizienz steigern kann, weil es Transaktionskosten senkt und Informationsasymmetrien zu überwinden hilft.

Gesellschaftliche Verantwortung fördert Sozialkapital

Solches Verhalten, das wir auch als Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung beschreiben können, fördert Sozialkapital und ist geeignet, Prozesse zu steuern – vor allem dort, wo marktliche Kooperation nicht ausreicht. Kulturelle Differenzierung, Habitus und Haltung, begrenzte Rationalität, asymmetrische Information und Transaktionskosten sind in der Welt unvollkommener Märkte höchst relevant. Deshalb bedeutet Verantwortung in der Marktwirtschaft nicht nur Haftung. Solchermaßen gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen wird in den vor uns liegenden Transformationen immer bedeutsamer wird.

Das und die Vielfalt der transformativen Herausforderungen verlangen von der Ökonomik einen breiteren Ansatz, so wie er traditionell sich mit der ordnungsökonomischen Perspektive verband, allerdings in zeitgemäßem Gewande. Dazu gehört es, die Dilemmata und Spannungen der Marktwirtschaft sowie die Verlierer der Globalisierung ernst zu nehmen, die Verteilungskonflikte zu analysieren und die gesellschaftlichen Voraussetzungen der Marktwirtschaft zu würdigen.

Zum Gastbeitrag auf focus.de