So ist nicht nur in Medien immer öfter zu lesen, sozialer Aufstieg fände nicht mehr statt. Auch internationale Organisationen wie die OECD stimmen dem mittlerweile zu. Haben diese Stimmen recht? Müssen wir uns von der Idee steigenden Wohlstands für alle verabschieden? Die kurze Antwort lautet: mitnichten.

Die ausführliche Antwort beginnt mit einer Unterscheidung zwischen den Arten sozialer Mobilität:

  • absolute Mobilität misst Niveauunterschiede in einer Erfolgsgröße – z.B. im Einkommen – zwischen Generationen (meistens zwischen Eltern und Kindern)
  • relative Mobilität betrachtet die Positionsunterschiede in den Verteilungen zwischen den Generationen und wie sich diese verändert haben.

Zur Beantwortung der Frage, ob es Kindern heute materiell besser geht als ihren Eltern, empfiehlt sich ein Blick auf die absolute Mobilität, da es um Niveauunterschiede beim Wohlstand geht. Geht es um die Beurteilung gesellschaftlicher Aufstiegsmöglichkeiten und im weiteren Sinne um Fragen der Chancengerechtigkeit, so sind relative Maße zu verwenden.

Bildungserfolg als Gradmesser

Aber: Wie lässt sich absolute Mobilität messen und welche Erfolgsgröße ist idealerweise zu betrachten? Gerne wird in der empirischen Ungleichheitsforschung auf Bildungserfolge abgezielt. Aus ökonomischer Sicht ist dies sinnvoll, da der erreichte höchste Bildungsabschluss ein Gradmesser für das Humankapital einer Person ist und somit potenzielle Einkommens-, Konsum- und Entfaltungsmöglichkeiten beschreibt.

Zudem liegt ein Vorteil darin, dass die Bildungskarriere meist früh im Leben abgeschlossen ist und sich im Lebensverlauf selten ändert. Bei einem Vergleich von Generationen ist dies ein klarer Vorteil bei der Datenerhebung, da Personen im Rahmen von Haushaltsbefragungen in aller Regel nur schwierig über kurze Zeiträume durchgehend beobachtet werden können; geschweige denn über das ganze Leben.

Doch Bildung ist neben ihrer allgemeinen Befähigung auch ein Mittel zum Zweck der Einkommenserzielung. In unserer auf Arbeitsteilung basierenden marktwirtschaftlichen Ordnung benötigt der Mensch in aller Regel Einkommen, um sich die notwendigen Dinge des Lebens kaufen zu können, aus denen er einen Nutzen zieht: Nahrung, Wohnraum, Kleidung. Somit wäre es ideal, das Einkommen einer Person über den Lebensverlauf betrachten zu können und die kaufkraftbereinigten Niveauunterschiede in den Lebenseinkommen zwischen den Generationen zu vergleichen. Da es solch einen reichen Datensatz aber nicht gibt, beschränkt man sich normalerweise auf wenige Einkommensjahre in einer späteren Lebensphase, die für die betrachteten Generationen jeweils ähnlich sind.

Aufstieg durch Wachstum

Am Ende steht, dass ein Vergleich der geschätzten Lebensarbeitseinkommen von Eltern und Kindern die bestmögliche Annäherung zur Beantwortung der Frage liefert, ob die heutige Generation durch eigene Anstrengungen materiell bessergestellt ist als ihre Eltern. Dies ist nur möglich, wenn breite Schichten vom wirtschaftlichen Wachstum vergangener Jahrzehnte profitieren konnten, das heißt, das Wachstum inklusiv gewesen ist.

Für westdeutsche Vater-Sohn-Paare kann gezeigt werden, dass sich die absolute Mobilität in den Arbeitseinkommen für die Geburtsjahrgänge der Söhne von 1961 bis 1975 kaum verändert hat (Stockhausen, 2018). Im Durchschnitt konnten rund zwei Drittel aller Söhne ein höheres Arbeitseinkommen erzielen als ihre Väter. Kaufkraftunterschiede sind dabei berücksichtigt. Es zeigt sich auch, dass insbesondere Söhne mit einem Vater aus dem unteren Einkommensbereich über zum Teil deutlich höhere Arbeitseinkommen verfügen.

Eine noch unveröffentlichte Studie von Bönke et al. (2019) findet mithilfe anderer Daten und bei Betrachtung verfügbarer Haushaltseinkommen pro Erwachsenen eine Rate der absoluten Mobilität von rund 70 Prozent für die jüngste Geburtskohorte von 1983. Für frühere Kohorten (1962 bis Mitte der 1970er Jahre) lag der Wert jedoch bei knapp unter 90 Prozent. Danach ist er bei rund 70 Prozent stabil.

Die unterschiedlichen Ergebnisse schließen einander nicht aus, da unterschiedliche Einkommenskonzepte und Aggregationsebenen betrachtet werden. Unabhängig davon stehen alle Studien dieser Art vor der Herausforderung, die teilweise erheblichen Veränderungen in der Erwerbsbeteiligung von Frauen angemessen zu erfassen und Präferenzverschiebungen bezüglich des optimalen Umfangs von Arbeit, Freizeit und Konsum zwischen den Generationen adäquat abzubilden. Allesamt Faktoren, die sich auf die beobachtbare Höhe von Einkommen direkt oder indirekt niederschlagen und einen Vergleich zwischen den Generationen schwierig machen. So spielen beispielsweise in Tarifvertragsverhandlungen Freizeit- und Urlaubsregelungen eine immer größere Rolle, was den gestiegenen Wert der Freizeit gegenüber den Konsummöglichkeiten hervorhebt.

Entwicklung in Deutschland insgesamt positiv

Ungeachtet dieser Probleme führt ein Vergleich der Ergebnisse für Deutschland mit anderen Ländern zu dem Ergebnis, dass die Entwicklung in Deutschland insgesamt positiv zu bewerten ist. Der derzeitige Umfang der absoluten Aufstiegsmobilität liegt immer noch auf einem relativ hohen Niveau (siehe Abbildungen). Damit unterscheidet sich Deutschland von anderen Ländern: So zeigen Chetty et al. (2017) für die USA in einer bemerkenswerten Arbeit, dass der Anteil der Kinder, die ein höheres Familien- oder auch Arbeitseinkommen erzielen als ihre Eltern, dramatisch zurückgegangen ist: In der Geburtskohorte von 1940 lag die Quote bei beiden Einkommensarten noch bei über 90 Prozent und in der 1950er Kohorte bei 80 Prozent, während sie in der jüngsten Geburtskohorte von 1984 bei 50 Prozent und weniger lag. Kaufkraftunterschiede sind auch berücksichtigt. Ihr Fazit lautet frei übersetzt: Der amerikanische Traum ist ausgeträumt.
 
Eine ähnlich negative Entwicklung zeichnet sich ebenfalls für das Vereinigte Königreich ab, wobei insbesondere die Finanz- und Wirtschaftskrise eine große, negative Wirkung auf das reale Lohnwachstum der jüngeren Kohorten genommen hat und zu einem erheblichen Absinken der absoluten Mobilitätsrate geführt hat (Blanden et al., 2019).

Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft hält

Zuletzt bleibt festzuhalten, dass das Wohlstandsversprechen der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland immer noch seine Gültigkeit besitzt und mehr als zwei Drittel der Menschen ein höheres Einkommen erzielen als ihre Eltern. Damit dies in Zukunft so bleibt und Deutschland nicht den Pfad der angelsächsischen Länder beschreitet, sollte oberstes Ziel der Politik die Förderung eines inklusiven und nachhaltigen Wirtschaftswachstums sowie die Stärkung und Förderung inklusiv wirkender Institutionen und sozialpartnerschaftlicher Strukturen sein (siehe auch Grömling / Klös, 2019). Nur so werden Produktivität, Einkommen und Wohlstand auch in Zukunft für alle Generationen weiterhin zunehmen.

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