Das Vereinigte Königreich verlässt Ende März 2019 die EU. Trotz der drängenden Zeit war Theresa May zuletzt bei den europäischen Staats- und Regierungschefs mit ihrem Werben um mehr Verständnis für britische Befindlichkeiten abgeblitzt. Die Premierministerin sitzt innenpolitisch in der Zwickmühle zwischen knallharten Brexiteers, europafreundlichen Bremainern und einem Koalitionspartner, der viele konstruktive Lösungsansätze als Keil zwischen Nordirland und Großbritannien stigmatisiert.

Dabei ist die Position der EU eindeutig: Die Briten dürfen gerne und auch langfristig in der europäischen Zollunion verbleiben. Eine eigenständige Handelspolitik inklusive Freihandelskommen mit Drittstaaten müssten sie sich dann aber abschminken. Der europäische Vorschlag sieht zudem einen Sonderstatus Nordirlands im EU-Binnenmarkt vor. So bedürfte es keinerlei Kontrollen an der inneririschen Grenze, wohl aber zwischen Nordirland und Großbritannien. Ein Ansatz, den die Unionisten in der britischen Regierung entschieden zurückweisen.

Sollte sich keiner der Verhandlungspartner bewegen, droht ein harter Brexit. Zwar würde hieraus nicht automatisch eine harte Grenze in Nordirland resultieren, für den Handel bedeutete dies aber den Rückfall auf Rahmenbedingungen einer sogenannten Drittstaaten-Beziehung ohne Freihandelsabkommen. Für den Warenhandel zwischen der EU und dem Königreich würden dann dieselben Zölle und Handelshemmnisse fällig wie beispielsweise im Handel mit China. Mindeststandards einer solchen Beziehung sind von der Welthandelsorganisation (WTO) geregelt.

Die hieraus resultierenden Kosten wären, wie unsere Studie zeigt, gewaltig: Würde sich der Handel etwa in gleichem Maße fortsetzen wie aktuell, dann würden auf europäische Exporte Zollbelastungen von durchschnittlich 3,6 Prozent und umgerechnet mehr als zehn Milliarden Euro jährlich fällig. Britische Exporte in die verbliebene EU-27 würden mit durchschnittlich 2,8 Prozent belastet, jährliche Zahlungen beliefen sich dann auf rund fünf Milliarden Euro. Besonders stark bekämen die deutschen Exporteure diese Abgaben zu spüren: Rund ein Drittel der Zollüberweisungen nach London würden aus deutschen Produkten generiert – ein Fünftel, rund zwei Milliarden Euro, würden die deutsche Automobilindustrie belasten.

Neben Zöllen treten im Falle eines harten Brexits sogenannte nicht-tarifäre Handelshemmnisse in Kraft, also Kosten, die sich etwa aus unterschiedlichen Vorschriften und Regulierungen ergeben. Finden die europäischen Regeln im Vereinigten Königreich keine gemeinsame Anwendung mehr, könnte sich der bürokratische Aufwand für Unternehmen teilweise verdoppeln. Rechnet man all solche Kosten in implizite Zollsätze um, würden Europäische Exporteure mit rund 8,8 Prozent ihrer Exporte belastet werden, was sich umgerechnet zu Kosten von 25,8 Milliarden Euro aufsummiert. Auf britische Unternehmen entfallen für EU-Exporte zukünftig Belastungen in Höhe von 7,9 Prozent oder 14,6 Milliarden Euro.

In einer sektorspezifischen Betrachtung werden die dramatischen Wirkungen noch deutlicher. So steigen die Kosten für deutsche Autoexporte in das Vereinigte Königreich um fast 20 Prozent: Zölle in Höhe von 8,5 Prozent und nicht tarifäre Handelshemmnisse in Höhe von über 11 Prozent. In der Folge dieser Kostensteigerung könnte der Handel zwischen den beiden Wirtschaftsräumen empfindlich einbrechen. Berechnungen quantifizieren den erwarteten Handelsrückgang im Falle eines harten Brexits bei bis zu 50 Prozent. Die Hängepartie der Verhandlungen in Brüssel gefährdet massiv Arbeitsplätze und Wohlstand auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Längst haben Unternehmen einen harten Brexit in Sicht und beginnen damit, ihre Produktionskapazitäten außerhalb des Königreichs zu organisieren. Insbesondere die innenpolitischen Querelen aus London haben eine konstruktive Verhandlung immer wieder erschwert. Kompromissbereiter könnte sich auch der europäische Verhandlungsführer zeigen – freilich ohne May den Roten Teppich auszurollen. Brexit heißt schließlich immer noch Brexit.