Das Ende der Amtszeit von Mario Draghi endet mit einem Paukenschlag: die schon seit Jahren negativen Einlagenzinsen für Banken wurde noch einmal um 0,1 Prozentpunkte auf minus 0,5 Prozent gesenkt. Die Sorge unter den Sparern wächst zunehmend, dass die Banken nun nicht mehr anders können, als die Negativzinsen an ihre Kunden weiterzugeben. Das Urteil scheint klar: Mario Draghi und seine Geldpolitik machen Sparer ärmer. Doch stimmt dies überhaupt?

Wenn man in Pressearchiven nach älteren Kommentaren zur Geldpolitik der Bundesbank recherchiert, dann erkennt man schnell, dass deren Geldpolitik damals auch stark kritisiert wurde. In der Hochzinsphase und Hochinflationsphase der 1970er Jahre war die Sorge vor Zinserhöhungen groß, da diese die Kreditkosten der Unternehmen und Haushalte erhöhte. Sorge breitete sich aus, dass Zinserhöhungen Rezessionen auslösen und die Arbeitslosigkeit erhöhen würden.

Hohe Zinsen wurden auch deshalb kritisch gesehen, weil die Zinsen aufgrund von hoher Inflation hoch waren, d.h. inflationsbereinigt waren die Zinsen schon häufiger negativ.

Inflationsbekämpfung als Ziel der Zentralbanken

International hat sich in den 1980er Jahren der Konsens etabliert, dass es zur wichtigsten Aufgabe von Zentralbanken gehört, hohe Inflationsraten zu verhindern. Zu diesem Konsens gehörte es auch, dass eine Inflationsrate von 2 Prozent als akzeptabel angesehen wurde: gegenüber den hohen Inflationsraten der 1970er Jahre geradezu eine Revolution. Und tatsächlich waren die Zentralbanken sehr erfolgreich mit der Bekämpfung der Inflation. In den 1980er Jahren sanken die Inflationsraten in den meisten entwickelten Volkswirtschaften und pendelten sich in den 1990er Jahren um den Zielwert 2 Prozent ein.

Mit der Inflation sanken in den 1980er Jahren auch die Zinsen, aber anfangs aber weniger stark, so dass die inflationsbereinigten Zinsen erst einmal stiegen. Der Trend zu sinkenden Zinsen hielt aber an, obwohl die Inflation niedrig blieb, wofür viele die Zentralbanken verantwortlich gemacht haben. Diesen wurde unterstellt, in Rezessionen die Zinsen zu senken und diese im Aufschwung nicht ausreichend zu erhöhen. Befürworter diese Theorie halten Zentralbanken für so mächtig, dass sie ihre Leitzinsen unabhängig von Marktentwicklungen setzen können.

Vor allem von diesen Befürwortern wird die Geldpolitik von Mario Draghi und der EZB auch besonders stark kritisiert. Denn diese hätte ja in den letzten Jahren genügend Möglichkeiten für Zinserhöhungen gehabt. Was die EZB-Kritiker aber übersehen: unter Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet hat die EZB im Jahr 2011 die Zinsen erhöht – und musste sie anschließend wieder senken, weil sich die wirtschaftliche Entwicklung verschlechterte.

Wissenschaftler widersprechen der These, dass die Geldpolitiker über die Zinsen herrschen können. Sie sehen die Zentralbanken eher als Institutionen, die auf gesamtwirtschaftliche Entwicklungen reagieren müssen. Dazu gehörte die globale Finanzkrise, die durch das Platzen der Immobilienblase in den USA ausgelöst wurde und durch die Insolvenz von Lehman Brother eskalierte, was eine Flutung der Finanzmärkte mit Zentralbankliquidität erforderlich machte. Im Zuge der Bewältigung der Bankenkrise und der großen Rezession mussten sich viele Staaten stark verschulden, so dass mehrere Länder des Euroraums anschließend in eine Staatsschuldenkrise gerieten. Auch darauf musste die EZB reagieren. Denn wäre es im Zuge der Staatsschuldenkrise zu starken Verlusten bei den Banken gekommen, so wäre die Kreditversorgung der Unternehmen, die Arbeitsplätze der Haushalte und die Gelder der Sparer in Gefahr gewesen.

Draghi sorgte als EZB-Chef für einen gewaltigen Jobboom

Bezogen auf die Arbeitslosenquoten in den Ländern des Euroraums war die Geldpolitik der EZB sehr erfolgreich. Denn diese ist seit dem Höhepunkt der Euro-Krisen kontinuierlich gesunken. Und diese zeigt sich auch am Vermögensaufbau der Sparer. Die jährlichen Zuwachsraten des Finanzvermögens der Haushalte war im Zeitraum der Niedrigzinspolitik ähnlich hoch als zu Zeiten vor der globalen Finanzkrise als die Zinsen noch höher waren. Das liegt vor allem daran, dass Arbeitseinkommen, Dividendeneinkommen und Kursgewinne bei Aktien für den Vermögensaufbau der Sparer eine größere Rolle spielen als Zinseinkommen.

Anstatt Mario Draghi und die EZB zu kritisieren, sollte die Kritik lieber auf die Sparförderung gerichtet werden. Denn diese wird seit langem vernachlässigt. Über eine Reform der Arbeitnehmersparzulage könnte die Ersparnisbildung in Zeiten von niedrigen Zinsen mit wenig Geld gefördert werden. In einer Studie aus dem Jahr 2017 hat das Institut der deutschen Wirtschaft berechnet, dass über eine Anpassung der Einkommensgrenzen, einer Verdopplung der Höchstbeträge und einer Erhöhung der Fördersätze um 5 Prozentpunkte nur Mehrausgaben in Höhe von 0,5 Prozent der Zinsersparnis durch das Niedrigzinsumfeld entstehen würden. Die Politik sollte deshalb über eine solche Reform in Zeiten von anhaltenden Niedrigzinsen nachdenken.

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