Öl ist wieder billiger geworden. Nachdem die Rohölpreise Anfang Oktober 2018 noch bei 86 US-Dollar pro Barrel lagen, ist sie nun auf knapp 60 US-Dollar gefallen. Dies entspricht einem Einbruch von fast 30 Prozent. Die meisten Haushalte können sich über diesen Rückgang freuen. Zum einen, weil Autofahren wieder billiger wird, und zum anderen, weil die Heizkosten sinken. So bleibt mehr Geld am Monatsende übrig, was auch für den Vermögensaufbau genutzt werden kann.

Wenn einem da nicht die Niedrigzinsen die Laune am Sparen verderben würden. Denn wirklich rentabel wirkt die Geldanlage zur Zeit nicht. Dazu kommt die Sorge, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Niedrigzinspolitik noch länger fortführen könnte.

Denn als Notenbank für den Euroraum hat die EZB die Aufgabe, die Preissteigerungen niedrig zu halten und Deflation, d.h. einen wirtschaftlichen Rückgang mit fallenden Preisen, zu verhindern. Aus diesem Grund definiert sie Preisstabilität als eine Inflationsrate von unter, aber nahe zwei Prozent. Bei diesem Zielwert sollte sich die Inflationsrate mittelfristig, d.h. über einen Zeitraum von ein bis fünf Jahren einpendeln.

Nach den Deflationssorgen während der Euro-Schuldenkrise und einer langen Phase niedrigster Inflationsraten ist die Teuerungsrate in den letzten Monaten wieder zu ihrem Zielwert zurückgekehrt. Entscheidend für eine Anhebung der Notenbankzinsen ist nun, ob die Inflationsrate dort verbleibt. Verweilt sie dort, dann wird die EZB zum Jahresende ihre Käufe von Staatsanleihen soweit einstellen, dass nur noch auslaufende Anleihen ersetzt werden. Ihre Leitzinsen würde sie dann im Herbst 2019 anheben können.

Niedriger Ölpreis durchkreuzt die Pläne der EZB

Möglicherweise macht ihr aber der niedrige Ölpreis einen Strich durch die Rechnung. Denn die EZB achtet bei ihrer geldpolitischen Entscheidungen auf die Inflationsrate einschließlich der Energiepreise. Sollte sich der Inflationsausblick der EZB nun eintrüben, dann könnte dies eine Normalisierung der Zinsen verhindern und dem Sparer könnten weiter Erträge entgehen.   

Es sieht auf den ersten Blick so aus, als seien die niedrigen Ölpreise schlecht für den Sparer. Doch der erste Eindruck kann täuschen. Dies wird klar, wenn man sich vor Augen führt, dass die meisten Sparer ihren Vermögensaufbau zum größten Teil aus Arbeitseinkommen und nur zu einem geringen Teil aus Kapitaleinkommen tätigen.

Vermögenswirksame Leistungen, Beiträge zur betrieblichen Altersvorsorge, Riester-Förderung, Mitarbeiteraktien und die Anlage von dem, was am Monatsende übrigbleibt, spielen eine entscheidende Rolle beim Vermögensaufbau. Zudem trägt der Immobilienerwerb zur Vermögenbildung bei – und Häuser und Wohnungen sind bei niedrigen Zinsen leichter zu finanzieren.

Vermögen wachsen trotz Mini-Zinsen

Dass die Niedrigzinsen dem Vermögensaufbau nicht geschadet haben, zeigt sich in den gesamtwirtschaftlichen Daten. Die Geldvermögen der Haushalte sind in der Zeit der umfangreichen Käufe von Staatsanleihen durch die EZB seit Anfang 2015 durchschnittlich um 4,8 Prozent pro Jahr gestiegen. In der Vorkrisenzeit von 1999 bis 2007 stiegen die Geldvermögen im Jahresdurchschnitt nur um 3,5 Prozent. Zum Vermögensaufbau haben die niedrigen Notenbankzinsen beigetragen, indem sie den Wirtschaftsaufschwung und damit den Beschäftigungsaufbau unterstützt haben.

Wenn also der Ölpreis niedrig bleibt und die EZB noch ein wenig länger auf das geldpolitische Gaspedal drückt, dann unterstützt dies den Konjunkturmotor. Ein geringes Risiko für eine Rezession ist für den Sparer besonders wichtig. Denn bei Kurzarbeit oder dem Verlust des Arbeitsplatzes rückt das Sparmotiv erst einmal in den Hintergrund.

Wichtiger als eine Zinsanhebung durch die EZB ist für die Sparer, dass die Wirtschaft wächst und die Inflation niedrig bleibt. Ein frühzeitiger Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik, wäre sogar schädlich für den Vermögensaufbau. Dies war im Jahr 2011 der Fall. Die EZB musste nach zwei voreiligen Zinserhöhungen die Zinsen schnell wieder senken, weil die Konjunktur abschmierte. Einer der Leitzinsen sank bis auf -0,4 Prozent und blieb seit März 2016 auf diesem Wert.

Hätte die EZB damals nicht gebremst, dann wäre der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik nun einfacher. Das zeigt sich an der Geldpolitik der US-amerikanische Notenbank Federal Reserve, die anfangs viel expansiver als die EZB war und dadurch seit Dezember 2015 ihre Leitzinsen in kleinen Schritten anheben kann. Die US-Leitzinsen sind aktuell bei einem Kanal von 2,00 bis 2,25 Prozent angekommen.

Auch wenn die niedrigen Ölpreise gegen eine baldige Leitzinserhöhung sprechen, so ist die Situation nicht unbedingt schlecht für die Sparer, sofern sie das Geld, dass sie durch niedrige Energiepreise sparen, in den Vermögensaufbau investieren.

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