Für die ersten drei Quartale 2019 vermeldet das Statistische Bundesamt einen Anstieg der Unternehmensgründungen von größerer ökonomischer Bedeutung – um 0,4 Prozent, aber immerhin. Aufs Jahr hochgerechnet könnten 124.000 größere Neugründungen entstehen, die Anzahl der Schließungen wird damit voraussichtlich um 24.000 übertroffen.

Dies muss schon als Lichtblick gewertet werden, denn die Gründerzahlen in Deutschland befinden sich seit 2005 im Sinkflug. Die ungünstige Demographie, aber auch die verbesserten Beschäftigungschancen in bestehenden Unternehmen haben den Gründungselan der Deutschen, um den es im internationalen Vergleich ohnehin nicht gut bestellt war, weiter gedämpft.

Dabei sind innovative Start-ups ein wichtiges Element einer dynamischen Volkswirtschaft, die sich ständig von innen heraus erneuert. Ohne Gründungen – und ebenso die Schließung nicht mehr wettbewerbsfähiger Unternehmen – erlahmt die Innovationskraft der Wirtschaft, denn technische Neuerungen etablierter Firmen verlassen nur selten ausgetretene Pfade, während grundlegende Innovationen, die Bestehendes infrage stellen, oft von Outsidern mit unkonventionellen Ideen stammen.

USA und China sind die Vorreiter

Doch diese werden eher im Silicon Valley erdacht und dann global vermarktet – man denke an Airbnb, das weltweit Hotels Konkurrenz macht, ohne eigene Hotelzimmer zu besitzen, oder Uber, das Fahrdienste vermittelt, ohne Taxis zu betreiben. Bislang sind die großen Player der internetbasierten Plattformökonomie mit den vier GAFA-Unternehmen Google, Apple, Facebook, Amazon an der Spitze jedoch nicht in Deutschland oder zumindest in Europa angesiedelt, sondern in Amerika und zunehmend in China (Alibaba, Baidu).

Der jüngste große Technologiekonzern aus Deutschland, SAP, ist mit einem Alter von bald 50 Jahren schon fast ein Methusalem des Digitalzeitalters. Mit Wirecard hat es nun immerhin ein Unternehmen aus dem Fintech-Bereich in den Dax geschafft, das erst vor 20 Jahren gegründet wurde. Auch darüber hinaus tut sich etwas: Berlin ist zu einem führenden europäischen Start-up-Zentrum aufgestiegen. Weitere Städte wie München oder Hamburg weisen ebenfalls mehr Wachstumsgründungen auf.

Doch diese Trendwende beschränkt sich auf wenige Metropolen. Im Land insgesamt ist der Start-up-Boom nicht spürbar, die Gründungen verharren auf niedrigem Niveau. Dabei besitzt die deutsche Gründungsschwäche auch eine kulturelle Dimension. Risikofreude und der Hang zur Selbstständigkeit sind dem EU-Eurobarometer zufolge anderswo stärker ausgeprägt. Gründungsstarke Regionen mit innovativen Start-ups verfügen über eine spezifische Gründerkultur. In Städten wie New York, London oder Tel Aviv sind Gründerszenen entstanden, die ein starkes Unternehmer-Ethos mit technischer Expertise und einem gründungsaffinen Umfeld verbinden. In dieser Gründerkultur vereinen sich nationale und regionale Gegebenheiten mit persönlichen Merkmalen angehender Entrepreneure.

Was sich in Deutschland ändern muss

Bei der Verankerung von Gründungsfreude in der regionalen Kultur sind Rollenvorbilder sehr wichtig: Selbstständiges Arbeiten und die Gründung von Start-ups werden dann nicht als exotisch angesehen, sondern als ebenso normal wie die Arbeit in einer bestehenden Firma. Studenten machen beispielsweise Praktika in Start-ups statt in etablierten Unternehmen und werden so beeinflusst, später selbst zu gründen.

Wie lässt sich aber ein Kulturwandel hin zu mehr Gründungen bewirken? Vieles spricht dafür, bereits in der Schule anzusetzen. Wirtschaft muss in den Lehrplänen eine größere Rolle spielen und statt das überholte Bild einer durch den Widerstreit von Großkonzernen und Gewerkschaften geprägten Ökonomie zu vermitteln, sollte hier die positive Rolle des Unternehmers und die Bedeutung von Gründungen für die Lösung bestehender Probleme etwa im Umweltbereich aufgezeigt werden. Die EU hat schon 2012 eine Definition für Entrepreneurship Education vorgelegt und das Wissen um die Rolle des Unternehmertums als Schlüsselkompetenz definiert. In Deutschland steht dies noch aus. Gute Ansätze wie die Förderung von Schülerfirmen zum spielerischen Erlernen von Unternehmertum, die etwa das Junior-Programm bietet, sind auf eine überschaubare Anzahl teilnehmender Schulen und Klassen beschränkt.

Auch das Verhalten der Politik ist ambivalent: Zwar werden einerseits erfolgreiche Gründer geehrt und die Bedeutung digitaler Start-ups betont, doch andererseits wird dem Unternehmer in der staatlichen Regulierung und im Steuersystem mit Misstrauen begegnet. Leichtfertig bedienen Politiker Neidgefühle und diskreditieren so unternehmerischen Erfolg; die Lust auf Neues wird durch noch mehr Regulierung beantwortet. Übersehen wird dabei, welch verheerende Folgen pauschale Unternehmerschelte für die Gründerkultur hat.

Weniger Bürokratie, bessere Finanzierung

Gründungen sollten in der Startphase von bürokratischen Auflagen befreit sein. Noch besser wäre es, kleine Unternehmen generell weniger durch Bürokratie zu belasten. Die bisherigen Bürokratieentlastungsgesetze I bis III sind kein großer Wurf, es braucht den Mut zu einer durchgreifenden Deregulierung.

Darüber hinaus muss auch die Gründungsfinanzierung verbessert werden. Zwar gibt es eine Reihe von Förderprogrammen von KfW-Krediten für kleinere Gründungen bis hin zum Hightech-Gründerfonds für größere Technologie-Start-ups, doch bislang gelingt es hierzulande nicht, das reichlich vorhandene Kapital, das aufgrund der Niedrigzinsen Anlagealternativen sucht, in Unternehmensgründungen zu leiten.

Gute rechtliche Rahmenbedingungen für Versicherungen und Pensionsfonds nach dem Vorbild des dänischen Dachfondsmodells könnten mehr Geld für Start-ups in der Wachstumsphase mobilisieren, an einem solchen „Zukunftsfonds“ arbeitet derzeit das Bundeswirtschaftsministerium. Ohne eine steuerliche Anpassung an Länder mit stärkerer Start-up-Kultur – Stichwort steuerliche Gleichbehandlung von Gewinnen und Verlusten – wird der Zukunftsfonds aber nur wenig bewirken.

Zum Gastbeitrag auf focus.de.