Zudem entwickelt sich die Plattformökonomie, die bisher stärker für neue Geschäftsmodelle für den Endkonsumenten stand, nach und nach zu neuen digitalen Geschäftsmodellen mit anderen Industrien über die gesamte Leistungspalette industrieller Wertschöpfung hinweg, also hin auch zu Wartung, Zubehör, Ersatzteilen, Logistik, Finanzierung und Software. Die Drehscheibenfunktion von industrieller Wertschöpfung behält ihre Bedeutung, wird aber immer stärker durch das Entstehen neuer Geschäftsmodelle im Bereich B2C (Business to Consumer), C2B (Consumer to Business) und C2C (Consumer to Consumer) ergänzt.

Für die weitere erfolgreiche Bewältigung dieser Transformation sind erstens die Flexibilität des Arbeitsmarktes, zweitens die Verfügbarkeit von ausreichend qualifizierten Fachkräften, drittens das Vorliegen der technischen Voraussetzungen und viertens deren Beherrschung – auch und gerade im Bereich öffentlicher Dienstleistungen – zentrale Voraussetzungen. Mit der Ausbreitung der Wissensarbeit in Verbindung mit zunehmender Digitalisierung von Wertschöpfungsprozessen gewinnt auch die betriebliche Personalpolitik weiter an strategischer Relevanz für die Unternehmensentwicklung. Sie wird dabei stärker als zuvor von mobilen, kollaborativen, ergebnisstatt anwesenheitsbezogenen Arbeitsformen geprägt werden. Eine Start up-Kultur – namentlich im Bereich der Künstlichen Intelligenz – wird zusätzliche Anforderungen an die Gestaltung von Arbeitszeit und Arbeitsort stellen.

Arbeitsmarktflexibilität

Der Koalitionsvertrag der Großen Koalition sieht eher Einschränkungen als Verbesserungen bei der Arbeitsmarktflexibilität vor. Die vorgesehenen Beschränkungen bei der Möglichkeit, Arbeitsverträge zu befristen, werden die Hürden für Neueinstellungen erhöhen, weil der „Versicherungscharakter“ der Befristung von Arbeitsverhältnissen für die Unternehmen eingeschränkt wird. Die Hürden für Zeitarbeit dürften dadurch erhöht werden, dass durch die Anrechnung der Entleiheinsatzzeiten bei Befristungen gegebenenfalls auch die Übernahme durch den Entleihbetrieb erschwert wird, wenn dieser zunächst in ein (sachgrundlos) befristetes Beschäftigungsverhältnis gemündet wäre. Auch die geplante Neuregelung bei der Arbeit auf Abruf bedeutet eine Einschränkung der Flexibilität. Das ab Januar 2019 geltende Brückenteilzeitgesetz schließlich erhöht die Anforderungen an die Unternehmen, insbesondere KMU, einen flexiblen, gleichwohl planbaren Arbeitseinsatz organisieren zu können. Die beabsichtigten Maßnahmen wirken dabei ineinander und vermindern die betriebliche Flexibilität. Das kontrastiert augenfällig damit, dass in einer stärker digitalisierten Arbeitswelt der Bedarf an flexiblen Arbeitszeiten zunimmt. Angesichts der sich wandelnden Arbeitswelt und des Wunsches vieler Beschäftigter nach mehr Zeitsouveränität drängen die Unternehmen darauf, die in Deutschland zulässige tägliche durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen. Die Realität des Arbeitsalltags sieht ohnehin schon anders aus: Dem „European Working Conditions Survey“ zufolge haben im Jahr 2015 in Deutschland immerhin 23 Prozent der Arbeitnehmer mindestens einmal im Monat länger als zehn Stunden am Tag gearbeitet, im EU-Durchschnitt sogar 31 Prozent.

Nach dem geltenden deutschen Arbeitszeitrecht ist es auch nicht statthaft, eine vorgegebene Mindestruhezeit von elf Stunden etwa durch ein dienstliches Telefonat mit einem Geschäftspartner aus einer anderen Zeitzone zu unterbrechen. Die bisherigen Vorgaben des Arbeitszeitgesetzes kosten in einer Reihe von Fällen entweder Flexibilität oder führen zu einem stillschweigenden Regelverstoß. Daher würden 60 Prozent der Personalführungskräfte lieber wöchentliche als tägliche Höchstarbeitszeiten vorgegeben sehen, befürworten 57 Prozent eine kurzfristige Unterbrechungsmöglichkeit für die Mindestruhezeiten und halten 54 Prozent die bestehenden rechtlichen Regelungen für zu unflexibel sowohl für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer. Es ist an der Zeit, gesetzliche Regeln an die veränderte Lebenswirklichkeit anzupassen.

„Es ist an der Zeit, gesetzliche Regeln an die veränderte Lebenswirklichkeit anzupassen.“

Arbeitskräftepotenzial

Die komplexe Leistungserstellung in einer digitalen Transformation setzt auch die Verfügbarkeit entsprechend qualifizierter Arbeitskräfte voraus. Angesichts einer rasch zunehmenden Zahl von Engpassberufen am Arbeitsmarkt entwickelt sich die Fachkräfteversorgung nach und nach zu einer Wachstumsbremse für die Unternehmen. Die Arbeitskräftelücke in Deutschland bei den MINT-Berufen, also aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, liegt derzeit mit über 330.000 auf einem neuen Allzeit-Höchststand. Unter den Engpassberufen sind verschiedene MINT-Qualifikationen besonders stark vertreten. In der Softwareentwicklung, Programmierung oder in der Energietechnik bleiben Stellen inzwischen bereits rund 150 Tage unbesetzt.

Hier liegt eine große Aufgabe für ein zukunftsfähiges Bildungssystem, das stärker als zuvor eine digitale Grundbildung bereitstellen muss. Das geplante Fachkräfteeinwanderungsgesetz kann zusätzliche qualifizierte Potenziale erschließen. Aber auch Betriebe selbst stehen vor großen Herausforderungen für ihre betriebsinternen Qualifizierungsprozesse: Neue Bedienoptionen und mobile Geräte kommen immer stärker in der betrieblichen Wirklichkeit an und dringen bis in die Produktion vor. Neue Web-Tools, Apps und mobile Geräte wie Smartphones oder Tablets verschränken die produktionstechnologischen Kernkompetenzen mit neuen Anforderungen des Arbeitens und Entscheidens in komplex vernetzten Strukturen. Digitale Weiterbildung und Weiterbildung für die Digitalisierung werden immer stärker zu einem betrieblichen Produktivitätsfaktor.

Digitale Infrastruktur / Künstliche Intelligenz

Eine erfolgreiche digitale Transformation ist gleich in doppelter Hinsicht auf ein leistungsfähiges Infrastruktur und Innovationssystem angewiesen: Zum einen kann die Bedeutung des Breitbandausbaus gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Derzeit gibt es noch zahlreiche „weiße Flecken“ bei der 100Mbit-Versorgung, auch das Ziel flächendeckende 50Mbit-Versorgung bis zum Ende diesen Jahres wurde gerissen. Eine weitere Digitalisierung auch in den Regionen, in denen viele „hidden champions“ ihre Basis haben, erfordert mindestens den 1 Gbit-Standard und perspektivisch den 5G-Standard, der geringere Latenzzeiten bei der Datenübertragung und damit die M2M-(Maschine zu Maschine)-Kommunikation ermöglicht. Der rasche Ausbau der bisher niedrigen Glasfaserquote in Deutschland – ca. 1 bis 2 Prozent und damit Schlusslicht in Europa – ist dringend erforderlich.

„Zum anderen beginnt Deutschland zu erkennen, dass es im Bereich der Entwicklung und Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) eines höheren Tempos bedarf ...“

Zum anderen beginnt Deutschland zu erkennen, dass es im Bereich der Entwicklung und Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) eines höheren Tempos bedarf, denn es geht um die Technologien und die großen Märkte der Zukunft, wie Gesundheit/Pharma, Transport/Mobilität oder autonome Systeme. KI kann zur bisher nachhaltigsten technologischen und gesellschaftlichen Veränderung in der Wirtschaftsgeschichte führen. Angesetzt werden muss aber an folgenden Schwachpunkten: Es gibt zu wenig Venture Capital, insbesondere in der Wachstumsphase neu gegründeter Unternehmen. Die Mobilisierung institutioneller Anleger ist bisher noch unkritisch. Bei den Gründungen im Bereich KI liegt Deutschland international nur auf Rang 12. Die Gründerszene ist zudem regional zu stark auf Berlin und München konzentriert, es gibt noch zu wenig Research Hot Spots. Die Forschungsausgaben im Bereich KI sind niedriger als in wichtigen Vergleichsländern und daher dringend zu erhöhen.

Digitale Verwaltung

Digitalisierung eröffnet aber nicht nur Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft, sie schafft auch neue Möglichkeiten für die öffentliche Verwaltung. Zum einen können mithilfe digitaler Technologie Prozesse innerhalb der Verwaltung effizienter gestaltet werden, indem zum Beispiel zwischen verschiedenen Behörden relevante Informationen leichter ausgetauscht werden können. Zum anderen bestehen Potenziale an der Schnittstelle zwischen der öffentlichen Verwaltung und den Unternehmen beziehungsweise der Bevölkerung. Auch hier ist es mithilfe der Digitalisierung von Prozessen denkbar, einen stärkeren Kundenbezug der öffentlichen Aktivitäten zu schaffen und auf diese Weise reibungslosere Abläufe zu garantieren.

Ganz konkret geht es darum, durch E-Government Verwaltungsvorgänge ins Internet zu verlagern, durch Open Government mithilfe digitaler Technologie Verwaltungsvorgänge transparent zu machen. In beiden Disziplinen liegt Deutschland im internationalen Vergleich noch zurück. Um die Potenziale besser ausschöpfen zu können, muss die Digitalisierung der Verwaltung konsequent und zügig weiter vorangetrieben werden. Zwar steht die Förderung des E-Governments bei Bund und Ländern auf der Agenda. Die Geschwindigkeit der Umsetzung ist der Dynamik der Digitalisierung jedoch in keiner Weise angemessen. Flankierend ist dringend die Bereitschaft der Bevölkerung zu fördern, Online-Angebote der öffentlichen Verwaltung auch wahrzunehmen.