Damit stellt das sogenannte Homeschooling, das seit der Mitte März aufgrund der Corona-Pandemie erfolgten Schulschließung vielerorts den Präsenzunterricht abgelöst hat, ein Problem für die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland dar. Zwar wurde in den Kitas und Schulen für einen kleinen ausgewählten Kreis an Kindern eine Notbetreuung angeboten, eine individuelle Förderung aller Kinder mit Präsenz vor Ort findet jedoch zurzeit nicht oder nur sehr eingeschränkt statt. Im Homeschooling – seit Anfang Mai in vielen Bundesländern ergänzt durch ein tagesweises Präsenzangebot in den Schulen – stellen die Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern Lernmaterialien teils in analoger Form, teilweise auch digital zur Verfügung. Feedback zu den Aufgaben und Unterstützung beim Lernen erfolgt häufig via Telefon oder über digitale Kommunikationswege.

Einfluss des familiären Umfelds auf den Lernerfolg nimmt zu

In dieser besonderen Situation erfährt das familiäre Umfeld für den Lernerfolg der Kinder einen höheren Stellenwert. Bereits die PISA-Studie 2018 machte deutlich, dass der Einfluss des Bildungshintergrunds der Eltern auf die Leistungen der Kinder größer geworden ist, nachdem der Zusammenhang zuvor nach der ersten PISA-Studie 2000 verringert werden konnte. Vor allem jene rund 21 Prozent der Schülerinnen und Schüler, bei denen 2018 eine nur sehr geringe Lesekompetenz festgestellt wurde, dürften von der damit verbundenen Ungleichheit besonders betroffen sein, wobei diese Gruppe in den letzten Jahren in vielen Staaten noch größer geworden ist und eine zentrale Ursache für eine geringe Bildungsmobilität darstellt.

Eigene Berechnungen mit den PISA-Daten zeigen, dass Eltern mit einem akademischen Hintergrund ihre Kinder öfter bei den Schulaufgaben unterstützen. Unabhängig davon, auf welcher PISA-Kompetenzstufe sich die Kinder befinden, erhalten Kinder von höher gebildeten Eltern mehr Unterstützung bei ihren Schulaufgaben. Gleichzeitig nimmt der Anteil der Kinder, die täglich Fernsehen oder Videos schauen, mit steigendem Bildungshintergrund der Eltern ab. Diese Unterschiede verlangen zur Stärkung der Bildungsgerechtigkeit mehr institutionelle Förderung durch qualitativ hochwertige Ganztagsschulen. Durch die Schließung der Bildungseinrichtungen entfällt die Chance, gerade die Kinder aus bildungsfernen Haushalten intensiver zu fördern. Daher besteht die Gefahr, dass die Risikogruppe weiter wächst und der Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg der Kinder sich noch verstärkt.

Um das Ausmaß möglicher negativer Auswirkungen des Homeschoolings abzuschätzen, können zunächst empirische Untersuchungen zu Phasen längeren Unterrichtsausfalls herangezogen werden. Solche Ereignisse gab es im französisch-sprachigen Teil Belgiens von Mai 1990 bis November 1990 durch einen Lehrkräftestreik, einen Streik chilenischer Schülerinnen und Schüler im Jahr 2011 und einen Lehrerstreik an Grundschulen in Argentinien. Die Studien zeigen, dass in Belgien die Zahl von Klassenwiederholungen stieg und niedrigere Bildungsabschlüsse die Folge waren, in Chile sich die Testergebnisse in Mathematik verschlechterten und sich die Wahrscheinlichkeit einer Einschreibung an Universitäten verringerte. In Argentinien hatten die Streiks während der Grundschulzeit sogar negative Effekte auf den Arbeitsmarkterfolg der betroffenen Grundschüler im späteren Alter von 30 bis 40 Jahren. Empirische Studien zeigen ferner, dass pro verlorenem Schuljahr etwa mit dauerhaften Gehaltseinbußen von etwa 7 bis 10 Prozent zu rechnen ist. Auch Studien zum summer gap, also einer langen Phase ohne Schule während des Sommers, zeigen deutlich, dass vor allem Kinder aus bildungsfernen Haushalten während dieser Phase in ihren Kompetenzen hinter die Kinder aus bildungsnahen Haushalten zurückfallen. Dies verdeutlicht, dass vor allem Kinder aus bildungsfernen Haushalten stärker durch eine fehlende institutionelle Förderung in Bildungseinrichtungen betroffen sind.

Wie stark wirkt sich Homeschooling auf die Bildungs(un)gerechtigkeit aus?

Im Unterschied zu diesen Schulstreiks oder längeren Phasen ohne Bildungsimpulse durch Schulen findet beim Homeschooling eine Unterstützung durch Lehrkräfte und eine pädagogische Anleitung statt. Eine Befragung von Schülerinnen und Schülern der Klassen 11 und 12 in gymnasialen Oberstufen allgemeinbildender Schulen während der Phase des Homeschoolings zeigt jedoch, dass rund 37 Prozent der Schülerinnen und Schüler einschätzen, an einem typischen Homeschooling-Tag weniger als 2 Stunden schulische Aufgaben zu bearbeiten. Die Gymnasiasten mit bisher schlechteren Schulnoten sind dabei noch weniger aktiv. Zudem werden beim Homeschooling in der Regel Aufgaben gestellt, die von den Schülerinnen und Schülern selbstreguliert erfüllt werden sollen. Hierbei sind Selbststeuerung, Verantwortungsübernahme, Priorisierung und Zeitmanagement von hoher Bedeutung. Diese Kompetenzen werden von den Schulen jedoch nicht als Hauptaufgaben vermittelt und auch hier haben Schüler weniger Probleme, die dabei von den Eltern besser unterstützt werden können.

Auch zusätzliche Lernmöglichkeiten aus dem Internet können Schülerinnen und Schüler unterschiedlich gut nutzen. Die International Computer and Information Literacy Study (ICILS-2018) ergab, dass die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler stark vom sozioökonomischen Hintergrund der Familie abhängig sind. Auch räumliche Bedingungen beeinflussen das Gelingen von Lernprozessen, und auch in diesem Punkt haben Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien eine ungünstigere Ausgangslage, denn sie verfügen seltener über einen eigenen PC oder ein Tablet und auch deutlich seltener über einen ruhigen Arbeitsplatz.

Um die Schüler im Distanzlernen zu unterstützen, könnte die Digitalisierung der Bildung eine Möglichkeit sein. Es gibt auch vereinzelt Schulen, die im Distanzlernen einen nur geringfügig geänderten Stundenplan aufweisen und den Unterricht durch die Lehrer über Videokonferenzen mit den Schülerinnen und Schülern durchführen. Es wird spannend sein zu evaluieren, ob in diesen digitalen Leuchttürmen die negativen Effekte im Hinblick auf die Ungleichheit an Bildungschancen verringert werden konnten. In der Breite der Schulen sind jedoch diese Möglichkeiten für digitalen Unterricht nicht gegeben. Generell waren die Schulen für den notwendigen Einsatz digitaler Lernformate nicht wirklich vorbereitet: Wie die ICILS-2018-Studie zeigt, nimmt nur ein geringer Teil der Lehrkräfte an digitalisierungsbezogenen Fortbildungen teil und nur sehr wenige Lehrkräfte nutzen Unterrichtshospitationen zum Einsatz digitaler Medien. Diese Ergebnisse werden von aktuellen Erhebungen bestätigt, in denen Lehrkräfte die eigenen Kompetenzen im Umgang mit digitalen Lernformaten bei sich als größten Nachholbedarf angeben.

Digitale Ausstattung und Konzepte verbessern

Um die digitale Bildung voranzubringen sind also dringend die Lehrkräfte entsprechend fortzubilden. Dazu müssen in allen Schulen bei Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern WLAN und digitale Endgeräte verfügbar sein sowie Lernmanagement-Systeme und internetbasierte Anwendungen für gemeinschaftliches Arbeiten eingesetzt werden. Grundsätzlich ist es wichtig, verstärkt dort wieder den Präsenzunterricht deutlich in Richtung Regelbetrieb auszuweiten, wo die Infektionszahlen niedrig sind. Parallel sollte aber weiter die Digitalisierung der Bildung vorangetrieben werden, um zum einen für Szenarien von regional oder temporär nötigen Schulschließungen besser vorbereitet zu sein und zum zweiten, um digitale Lernformate für bessere Bildungschancen für alle Kinder zu entwickeln. Dafür muss durch digitale Leihgeräte die Ausstattung für alle Schülerinnen und Schüler sichergestellt werden. Ferner sollten in allen Schulen „Chancenbeauftragte“ ernannt und qualifiziert werden, die digitale Konzepte für eine bessere Förderung für Kinder aus bildungsfernen Haushalten entwickeln und ihre Lehrkraftkollegen bei der Umsetzung dieser Konzepte unterstützen.

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