Mit ihrem neuen Kreislaufwirtschaftspaket will die EU bisherige Produktions- und Konsummuster gründlich überarbeiten. Gestärkt werden soll die sogenannte Abfallhierarchie. Die Idee dahinter: Müll soll möglichst vermieden, dann wiederverwendet, recycelt, energetisch verwertet und erst danach beseitigt werden.

Müllvermeidung ist also das oberste Gebot. Trotzdem wächst der Müllberg in Deutschland immer weiter, während er anderswo schrumpft. Die Bundesrepublik ist gemessen an Siedlungsabfällen Vize-Europameister. Je Einwohner produziert Deutschland jährlich im Durchschnitt 626 Kilogramm Abfall, während der EU-Durchschnitt gerade einmal bei 482 Kilogramm liegt. Nur die Dänen erzeugen mit 777 Kilogramm pro Kopf mehr Müll.

Müll in Deutschland wächst schneller als im Rest der EU

Viel Haushaltsmüll ist ein Wohlstandsindikator. So hat auch Deutschland im vergangenen Jahrzehnt mit seinem starken Wirtschaftswachstum für ein großes Müllwachstum gesorgt. Seit 2005 ist die Menge an Siedlungsabfall um elf Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Im EU-Durchschnitt sind Siedlungsabfälle um vier Prozent gesunken. Immerhin gibt es auch gute Nachrichten: Die sogenannte Abfallintensität hat auch hierzulande abgenommen, also das Verhältnis zwischen Müll und Bruttoinlandsprodukt. Das wiederum ist ein Indikator für eine nachhaltigere Abfallwirtschaft.

Bei den Recyclingzielen konnte sich die EU erst nach langer Diskussion auf einen Kompromiss einigen. Die Recyclingquote von 65 Prozent, die die EU jetzt statt bis 2030 erst in 2035 anpeilt, bleibt hinter zuvor diskutierten Zielen zurück. Zudem gibt es künftig weniger Berechnungsmöglichkeiten für Recyclingquoten: Grundsätzlich gelten nur solche Abfälle als recycelt, die tatsächlich wiederverwertet werden. Bei fehlenden Daten soll es noch eine Ausnahmeregelung geben. Aktuell betrachten viele Länder Müll als recycelt, wenn er nur zur Wiederverwertung gesammelt oder vorsortiert wird. Dazu zählt auch Deutschland.

Die offizielle Recyclingquote ist Augenwischerei

Mit einer offiziellen Recyclingquote von 66 Prozent hätte Deutschland als einziges EU-Land bereits heute das Ziel für 2035 erreicht – aber nur dank der bisher gültigen Recyclingdefinition. Würde nur das gezählt werden, was effektiv recycelt wird, läge die Quote nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft zwischen 47 und 52 Prozent. Um die 65-Prozent-Marke aus Brüssel zu erfüllen, muss die Recyclingquote hierzulande bis 2035 jährlich um 0,7 und 0,9 Prozentpunkte steigen, zeigen eigene Berechnungen. In den vergangenen zehn Jahren schaffte Deutschland nach bisheriger Definition nur 0,5 Prozentpunkte jährlich.

Insgesamt hat das Recycling in Europa in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen: Die EU-Recyclingraten sind zwischen 2005 und 2016 von 32 auf 46 Prozent gestiegen. Allerdings reicht das immer noch nicht, um die ehrgeizigen neuen EU-Ziele zu erreichen. Länder mit niedrigem Recyclingniveau sind jetzt gefragt, um auch wirklich eine neue Infrastruktur für ihre Abfallwirtschaft zu schaffen. Aktuell gibt es immer noch zehn EU-Staaten, darunter Griechenland und Rumänien, in denen mehr als die Hälfte des Haushaltsmülls einfach entsorgt wird. Nur sieben Länder deponieren weniger als zehn Prozent ihres Mülls und erfüllen damit bereits das Deponierziel für 2035.

Deutschland steht auch bei einer angepassten Definition des Recyclingbegriffs europaweit an der Spitze. Damit die Bundesrepublik auch in Zukunft die EU-Recyclingführerschaft behält, gilt es, effizienter und besser zu recyceln. Die deutsche Recyclingwirtschaft ist dank ihres Know-hows, ihrer etablierten Infrastruktur und ihrer Vorzeigetechnologien in einer hervorragenden Ausgangsposition. Acht der zehn weltweit innovativsten Unternehmen, die Wertstofftrennungsanlagen konstruieren, kommen laut Institut der deutschen Wirtschaft aus Deutschland. Die deutsche Recyclingwirtschaft könnte auch anderen Ländern dabei helfen, ihre Quote deutlich zu verbessern – und würde so vom neuen europäischen Umweltbewusstsein profitieren.

Zum Gastbeitrag auf focus.de