Wer den Politikern der großen Parteien im Wahlkampf zuhört, könnte den Eindruck gewinnen, es gäbe momentan keine großen wirtschaftspolitischen Aufgaben. Als ginge es nur um das Verwalten des Wohlstands, wird ein bisschen über Umverteilung hier, ein wenig über Steuererleichterungen dort diskutiert. Zukunftsweisende Ideen, langfristige Strategien? Fehlanzeige.

Tatsächlich gibt es derzeit wenig Grund zur Klage: Die Beschäftigung liegt auf Rekordniveau, die Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, die öffentlichen Haushalte erzielen Überschüsse. Sogar die Staatsverschuldung ist erstmals wieder auf unter zwei Billionen Euro gesunken. Auch die Aussichten für die nächsten Jahre sind positiv.

Und dennoch: Gerade jetzt ist es Zeit zu handeln. Die kommende Legislaturperiode wird die letzte sein, in der Deutschland in demografischer Hinsicht gut dasteht. Denn die Generation der Babyboomer ist dann überwiegend noch erwerbstätig. Danach werden die geburtenstarken Jahrgänge, geboren zwischen Mitte der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, nach und nach in Rente gehen. Da zudem die Lebenserwartung steigt, wird sich der Anteil der über 67-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bis 2035 von derzeit knapp 18 auf rund 26 Prozent erhöhen. Die nach wie vor hohe Zuwanderung führt zwar dazu, dass die Gesamtbevölkerung in Deutschland – anders als lange erwartet – vorerst nicht schrumpft, sondern voraussichtlich bis Mitte der 2020er-Jahre wachsen wird. Die Verschiebung der Altersstruktur können die überwiegend jungen Zuwanderer aber kaum ausgleichen.

Das halbierte Wachstumsniveau

Die Alterung der Gesellschaft ist das zentrale Problem. Erstens stellt sie die Sozialkassen vor enorme Herausforderungen bezüglich der Finanzierung. Zweitens schmälert sie die Wachstumsperspektiven Deutschlands. Denn auch wenn sich die Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen überaus positiv entwickelt, geht die Gesamtzahl der Erwerbstätigen deutlich zurück. Den Schätzungen unseres Instituts zufolge verliert der deutsche Arbeitsmarkt in den nächsten zwei Jahrzehnten rund zwei Millionen Arbeitskräfte. Dadurch halbiert sich das erwartete Wachstumsniveau.

Um diesen Effekt abzumildern, braucht es Reformen. Insbesondere muss das Arbeitsvolumen – also die insgesamt in Deutschland geleistete Arbeitszeit – erhöht werden. Ein Baustein dafür wäre eine höhere Erwerbsbeteiligung. Allerdings ist angesichts der bereits guten Beschäftigungssituation und der seit dem Jahr 2000 erreichten Fortschritte der Spielraum begrenzt.

Potenzial gibt es noch bei der Erwerbsbeteiligung von Müttern, die nach wie vor die Hauptlast der Erziehungsarbeit tragen. Damit Frauen nach der Geburt wieder früher arbeiten können, müssen die Betreuungsangebote weiter verbessert werden. Auch monetäre Anreize sind wichtig. So hat das Elterngeld tatsächlich zu einer früheren Rückkehr in den Beruf beigetragen.

Doch eine geringfügig höhere Erwerbsbeteiligung wird nicht reichen. Die wichtigste Stellschraube im Umgang mit dem demografischen Wandel ist das Renteneintrittsalter. Wenn ein Mann 1970 mit 65 Jahren in den Ruhestand ging, hatte er im Durchschnitt noch knapp 14 Jahre seines Lebens vor sich, bei Frauen waren es gut 16 Jahre. Bei heutigen 65-Jährigen liegt die sogenannte fernere Lebenserwartung bei knapp 18 Jahren für Männer und knapp 21 Jahren für Frauen – eine Verschiebung, die allen Prognosen zufolge anhalten wird. Um wirtschaftlich weiter zu prosperieren, müssen wir einen Teil dieser gewonnenen Lebenszeit zu Arbeitszeit machen. Die Rente mit 67 teilweise wieder zurückzudrehen war deshalb das völlig falsche Signal.

Bedrohter Lebensstandard

Die Erhöhung des Renteneintrittsalters ist nicht nur für die Wachstumsperspektiven entscheidend, sondern auch eine sozialpolitische Notwendigkeit, wenn der Lebensstandard im Rentenalter gehalten werden soll und gleichzeitig die Beitragssätze konstant bleiben sollen. Das ist keine Frage der politischen Einstellung, sondern der mathematischen Logik. Dennoch ist die Diskussion darüber in Deutschland leider so aufgeheizt, dass sich derzeit keine Partei traut, das Rentenalter anzutasten.

Ähnlich heikel, aber genauso notwendig ist eine Diskussion über die Jahresarbeitszeit. Mit durchschnittlich rund 1 360 jährlich geleisteten Arbeitsstunden liegt Deutschland mehr als 20 Prozent unter dem OECD-Durchschnitt. Das liegt zum Teil an einer im internationalen Vergleich relativ geringen Arbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten. Vor allem aber ist der Anteil der Teilzeitbeschäftigten überdurchschnittlich hoch. Dabei kann es durchaus im Sinne der Arbeitnehmer sein, mehr zu arbeiten, wenn die finanziellen Anreize stimmen.

Noch wichtiger als Geld dürfte dabei eine größere Flexibilität sein: Die Digitalisierung macht es in vielen Bereichen möglich, zu Hause oder unterwegs zu arbeiten. Dadurch lassen sich Arbeits- und Familienleben sehr viel leichter miteinander vereinbaren. Allerdings setzt das Arbeitszeitgesetz dem mobilen Arbeiten derzeit noch sehr starre Grenzen. Das muss sich ändern. Die gewonnene Flexibilität könnte dann dazu beitragen, dass mehr Beschäftigte bereit sind, ihre Arbeitszeit zu erhöhen. Dass die Große Koalition hier nichts geliefert hat, ist mehr als peinlich.

Digitale Freiheiten

Neben einem höheren Arbeitsvolumen kann auch der Faktor Kapital dazu beitragen, die demografische Wachstumsbremse zu lockern: Infolge der Investitionsschwäche ist der Anteil des Kapitals am Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen. Um das zu ändern, muss der Staat weiter einen größeren Teil seiner Ausgaben in Investitionen stecken, insbesondere in die teilweise marode (Verkehr) oder mangelhafte (Energie, Breitband) Infrastruktur. Und private Investoren brauchen größere Anreize, in Deutschland zu investieren. Das erfordert attraktive Standortbedingungen und ein gutes Gründungsklima – mit einer verbesserten Gründungsförderung und weniger Bürokratie.

Ein weiterer Wachstumsmotor könnte die steigende Produktivität sein. Dafür braucht es mehr Fachwissen und technischen Fortschritt. Um in diesem Bereich zuzulegen, bedarf es einerseits eines größeren Engagements in Forschung und Entwicklung – gerade in mittelgroßen Unternehmen – und andererseits einer Bildungsoffensive an den Schulen. Vor allem im naturwissenschaftlich- technischen Bereich müssen Schüler ihre Kompetenzen verbessern. Denn dort fehlen bereits jetzt die Fachkräfte.

Würden diese Maßnahmen umgesetzt, ließen sich die Wachstumseinbußen durch die Alterung der Gesellschaft deutlich abmildern. Langfristig könnte das jährliche Wachstum dann wieder auf das gewohnte Durchschnittsniveau von knapp 1,5 Prozent zurückkehren oder sogar leicht darüber liegen.

In den Wahlprogrammen der großen Parteien sucht man ein wirtschaftspolitisches Konzept zur Bewältigung des demografischen Wandels jedoch vergebens. Im Programm der Union spielt das Thema überhaupt keine Rolle. Bei der SPD wird die demografische Entwicklung zwar an mehreren Stellen angesprochen. Aber mit Ausnahme der Überlegungen zu einem neuen Zuwanderungsgesetz sind zukunftsweisende Lösungsansätze nicht in Sicht. Nach der völlig fehlgeleiteten Reform der Rente mit 63 überrascht das wenig.

Die SPD schließt eine erneute Anhebung des Renteneintrittsalters kategorisch aus. Gleichzeitig will sie ein gesetzlich festgelegtes Rentenniveau von 48 Prozent und einen Beitragssatz von höchstens 22 Prozent garantieren. Finanzieren soll das der Steuerzahler. Angesichts der Tatsache, dass der Anteil der Steuern am Bruttoinlandsprodukt derzeit so hoch ist wie seit knapp 30 Jahren nicht mehr, ist das eine verquere Forderung. Es ist Zeit für eine steuerliche Entlastung, nicht für weitere Belastung der Bürger.

Schrumpfender Handlungsspielraum

Es ist viele Jahre her, dass die Wissenschaft die Alterung der Gesellschaft als Problem identifiziert hat. Doch bei allem Fortschritt bleibt noch immer viel zu tun. Es ist wohl ein unauflösbares Dilemma für die parlamentarische Demokratie, dass die wirklich schwerwiegenden Probleme meist über eine Legislaturperiode hinausreichen.

Dieses Schicksal teilt der demografische mit dem klimatischen Wandel. Doch während Letzterer nur gemeinsam auf globaler Ebene bekämpft werden kann, lässt sich mit den Folgen der alternden Gesellschaft auf nationaler Ebene umgehen. Die Zeit dafür ist allerdings begrenzt. Wenn sich der demografische Wandel bereits auf das Wirtschaftswachstum und die Sozialkassen niederschlägt, ist der Handlungsspielraum wesentlich geringer.

Je länger man wartet, desto schwieriger und teurer wird es, der Alterung etwas entgegenzusetzen. Das gilt insbesondere, da sich viele notwendige Maßnahmen, etwa die Erhöhung des Renteneintrittsalters, nur schrittweise einführen lassen.

Dass die Beschäftigung in der kommenden Legislaturperiode noch einmal zulegt, ist kein Grund zur Beruhigung, sondern Auftrag zum Handeln. Es müssen jetzt die guten Bedingungen genutzt werden, um die wirtschaftliche Zukunft im demografischen Übergang zu sichern.