Heute wirkt sie erschöpft: Die Arbeitsteilung intensiviert sich nicht weiter, der Welthandel expandiert kaum stärker als die Weltproduktion, die Anzahl dynamischer Volkswirtschaften stagniert, viele Entwicklungsländer bleiben beharrlich weit zurück, viele Schwellenländer verharren im Stillstand, viele Industrieländer erleben angesichts persistenter Verteilungsfolgen eine Renaissance des Protektionismus.

Die Erschöpfung unserer - der "zweiten" - Globalisierung zu verstehen, verlangt zum einen die historische Einordnung im Lichte der "ersten Globalisierung" von 1870 bis 1914, denn nur aus den Errungenschaften dieser Phase weltwirtschaftlicher Öffnung und Integration sowie ihren Hinterlassenschaften aus Desintegration, Autarkie und Dekolonisation werden die Besonderheiten unserer Zeit verständlich. Zum anderen ist es notwendig, alle Wege der ökonomischen Globalisierung - Migration, Handel, Kapitalverkehr und Wissensvermittlung - gleichermaßen auszuleuchten. Sichtbar werden so die Gründe der Erschöpfung: der Mangel an adäquaten Institutionen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, die Illusionen in den Industrieländern über den unentrinnbaren Automatismus kapitalistischer Effizienz, der Konflikt über Sinn, Verantwortung und Gestaltung multilateraler Institutionen.

Die erschöpfte Globalisierung ist vor allem Ausdruck eines unterschätzten normativen Konflikts zwischen dem transatlantischen Westen sowie seinen Ideen von 1789 (und wiederbelebt 1989) und der 1978 von Deng Xiaoping skizzierten Idee und dem Anspruch Chinas, auf Basis der Volksdiktatur und über ein anders wertemäßig fundiertes Modell die Weltwirtschaft zu gestalten. Letztlich prallen die westliche Konzeption unveräußerlicher Menschenrechte, Herrschaft des Rechts, Gewaltenteilung sowie Volkssouveränität und repräsentativer Demokratie auf die chinesische Dominanz der Staatsinteressen, ein autoritäres Einparteiensystem sowie den Vorrang der Partei- vor den Staatsinstitutionen. Nur unter Rückbindung an diesen normativen Konflikt wird es möglich sein, die Globalisierung - zumal angesichts der durch Klimawandel und Digitalisierung begründeten Herausforderungen - zukunftsfähig zu gestalten.

Die "erste Globalisierung" war geprägt durch die Ausreifung der Industrialisierung in Europa und im Osten der USA, durch die Etablierung gemeinsamer Institutionen - wie das Weltwährungssystem des Goldstandards - und die merkantilistische Nutzung von Kolonien für die Rohstoffversorgung, aber auch durch den Imperialismus als Versuch, den Nationalstaat unter den Bedingungen moderner Industrie jenseits des eigenen Territoriums machtpolitisch zu verankern. Das ganze 19. Jahrhundert lässt sich unter dem Rubrum der Beschleunigung fassen, die aus technischen Neuerungen und Aufholprozessen verspäteter Nationalstaaten im Wettbewerb mit vorangeschrittenen früh industrialisierten Staaten getrieben wurde.

Der Wachstumsboom des 19. Jahrhunderts insbesondere in Europa und in den Vereinigten Staaten war getrieben durch hohe Wanderungsraten, freien Zugang zum internationalen Kapitalmarkt und entsprechend hohen Kapitalzufluss sowie umfangreiche Rohstoffexporte, letztlich durch den Transfer von Technologien und Ideen. Dieser Zirkel wurde durch Migranten ausgelöst, die Europa im 19. Jahrhundert nach Übersee verließen und schon bald nie dagewesene Kapitalströme in ihre neue Heimat veranlassen sollten. Letztlich waren es diese Menschen, welche die "erste Globalisierung" in besonderer Weise geprägt und vorangetrieben haben, die Lehmans und die Siemens.