NRW verschläft Digitalisierung Image
Analog geht vor: Stahlwerke in Duisburg. Foto: Thomas Saupe/iStock

Menschen, Maschinen und Unternehmen sind heute so vernetzt, wie es noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war: Informationen werden in Echtzeit eingespeist, ausgetauscht, ausgewertet und massenhaft abgespeichert. Die Digitalisierung ist eine große Chance für Unternehmen – aber auch eine ganz neue Herausforderung. Häufig droht nicht nur die traditionelle Konkurrenz im Sinne von besseren, schnelleren oder günstigeren Mitbewerbern, auch viele digitale Angebote der sogenannten Sharing Economy sorgen für weiteren Wettbewerb: Menschen leisten neben ihrem Beruf Arbeit, ohne bezahlt zu werden, und schließen sich in frei zugänglichen Konsumentennetzwerken zusammen, beispielsweise um Bewertungen, Informationen, Fotos oder Videos auszutauschen. Wikipedia ist das wohl bekannteste Beispiel für ein dezentralisiertes Unternehmen, das einen bestehenden Markt – nämlich den der gebundenen Lexika – ersetzt hat.

Gleichwohl birgt die Digitalisierung große Potenziale für traditionelle Geschäftsmodelle – wenn die Unternehmen bereit sind, mit der Zeit zu gehen und mit Innovationen Daten generieren oder verwerten. Erste Beispiele hierfür sind die sogenannten Smart Gadgets, die Krankenkassen die Sportaktivität der Kunden übermitteln, oder digitale Zahnbürsten, die dem Zahnarzt zeigen, ob ein Patient seine Zähne ausreichend pflegt. Kreative Ideen für das Sammeln oder Verarbeiten von Daten sind zurzeit viel wert im Silicon Valley. Denn viele Unternehmen haben einen Datenschatz gesammelt, den es nun zu heben gilt. Schließlich geben die Millionen von Daten, die Konsumenten tagtäglich im Internet zurücklassen, Aufschluss über die unterschiedlichsten Merkmale und Präferenzen der Menschen.

In Deutschland ist anders als in den USA die kundenbezogene Auswertung der riesigen Datenmengen – Big Data genannt – bislang weniger relevant. Denn hierzulande gibt es kaum große Internet-Dienstleistungsunternehmen wie Facebook oder Google. Vielmehr geht es beim Stichwort Industrie 4.0 tatsächlich um Industrie, nämlich um den permanenten, durchautomatisierten Datenaustausch von Maschine zu Maschine unter Einschluss des Kunden, und zwar in Echtzeit.

Dafür ist ein schnelles Netz besonders wichtig – insbesondere in ländlichen Gebieten, schließlich sind hier viele mittelständische Unternehmen heimisch, die sich gegen internationale Konkurrenten behaupten müssen. Innerhalb Europas steht die Bundesrepublik beim Breitbandausbau zwar überdurchschnittlich gut da, liegt jedoch weit hinter den Spitzenreitern wie der Schweiz und den Niederlanden. Während in diesen Ländern praktisch jeder Haushalt an ein Breitbandnetz mit mindestens 100 Mbit pro Sekunde angeschlossen ist, haben nur etwas mehr als die Hälfte der deutschen Haushalte und Unternehmen darauf Zugriff.

Aktuelle Zahlen aus dem Breitbandatlas – eine vom TÜV Rheinland für das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur erstellte Studie – erlauben einen differenzierten Blick auf den Breitbandausbau in den unterschiedlichen Bundesländern: Der Freistaat Bayern, der bis Ende 2018 rund 1,5 Milliarden Euro in seine Breitbandinfrastruktur investiert, ist bisher insbesondere in den ländlichen Gebieten schwach aufgestellt, obwohl viele Unternehmen dort auf ein gutes Netz angewiesen sind. Die schlechte Anbindung außerhalb der Städte könnte sich damit in Zukunft ändern. Denn das Förderprogramm hat großes Gewicht – insbesondere im Vergleich zu den lediglich 2,7 Milliarden Euro, die Bundesverkehrsminister Dobrindt bundesweit in einem ähnlichen Programm bereitstellt. Ganz im Gegensatz zum notorisch klammen Nordrhein-Westfalen, das sich keine nennenswerte eigene Förderung leistet: Gerade in ländlichen und halbstädtischen Regionen gibt es hier aber schon jetzt ein vergleichsweise umfangreiches Breitbandnetz – dies liegt aber an der verhältnismäßig hohen Bevölkerungsdichte dieser ländlichen Regionen und nicht etwa an einer klugen sowie anreizorientierten Investitionspolitik.

Deutschland kann eine Vorreiterrolle bei der industriellen Digitalisierung einnehmen – doch noch sind wir nicht so weit. Denn: Eine aktuelle Befragung von Industrieunternehmen zeigt, dass sich in der gesamten Republik weniger als die Hälfte der befragten Unternehmen mit Industrie 4.0 beschäftigen. In Nordrhein-Westfalen ist der Wert sogar noch schlechter: 38 Prozent. Über ein Fünftel hat hier noch nie von dem Thema gehört – absolute Bundesspitze. Gerade im Vergleich zu den Industrie-4.0-affinen Bundesländern im Süden zeigen diese Zahlen, dass Nordrhein-Westfalens Unternehmer schleunigst auf den fahrenden Zug aufspringen sollten, um den Anschluss nicht zu verpassen. Mit dem ausgebauten Breitbandnetz sind die Voraussetzungen eigentlich geschaffen. Und: NRW hat als traditionelles Industrieland mit erfolgreichen Clustern in den Bereichen Maschinenbau, Automotive und Chemie gute Chancen. Also: Die Pferde stehen praktisch an der Tränke, saufen müssen sie jetzt selbst.

Ansprechpartner

Hochschulen
Pressemitteilung, 21. September 2017

Christiane Konegen-Grenier Hochschulen: In der Lehre nur befriedigendArrow

Deutsche Hochschulen forschen auf Weltniveau und sind international stark vernetzt – doch in der Lehre hinken sie hinterher. Das zeigt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in einer neuen Studie. Bund und Länder müssen sich stärker vernetzen, um die Digitalisierung nicht zu verpassen. mehr

20. September 2017

Carsten Ruge Mehr Wirtschaft wagenArrow

Egal, welche Parteien nach der Bundestagswahl am 24. September die neue Regierung stellen, es wartet eine ganze Reihe Aufgaben auf sie. Die M+E-Industrie erhofft sich vor allem Maßnahmen, die den Wirtschaftsstandort Deutschland attraktiv halten. Dazu haben die Arbeitgeberverbände ein Positionspapier formuliert. mehr auf iwd.de

Was der neue Finanzkraftausgleich für Bund und Länder bedeutet
IW policy paper, 18. September 2017

Tobias Hentze Was der neue Finanzkraftausgleich für Bund und Länder bedeutetArrow

Die Reform der Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern ist nach langwierigen Verhandlungen im Juni 2017 von Bundestag und Bundesrat beschlossen worden. Mit der Fokussierung auf die Verteilung der zusätzlichen Bundesmittel ist die Chance vertan, den Föderalismus zu stärken. mehr