Deutschland hat viele Ratgeber, wenn es um den Kurs der Lohnpolitik geht. Neben den üblichen Verdächtigen, die im nationalen Diskurs das hohe Lied der Kaufkrafttheorie des Lohnes singen, finden sich diesmal nicht nur Freunde aus Frankreich, sondern sogar Mitglieder der EU-Kommission, die in das gleiche Horn stoßen. Doch zu durchsichtig ist das Manöver.

Noch nie hat die Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit einer starken Volkswirtschaft anderen Ländern nachhaltig einen Vorteil gebracht. Die Hoffnung, dass über stärkere Lohnerhöhungen der Konsum und damit auch der Import aus den schwächeren Euroländern angeregt würden, steht auf schwachem Grund. So werden die Defizitstaaten der Eurozone ihre Anpassungslasten weder schmälern noch leichter schultern können. Mittelfristig ist sogar das Gegenteil zu erwarten, denn der deutsche Exportmotor zieht auch andere europäische Volkswirtschaften mit. Erhöht sich die deutsche Ausfuhr um zehn Prozent, so nehmen die Vorleistungsimporte aus den Nachbarstaaten um acht bis neun Prozent zu. Dies aber setzt voraus, dass die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie gesichert wird. Erst dann gelingt es, Einkommen von den Weltmärkten nach Europa zu holen.

Sicher ist der deutsche Exporterfolg der kundenorientierten Produktdifferenzierung unserer Unternehmen geschuldet, doch verlangt dies auch eine wettbewerbsfähige Preisgestaltung. Die Kombination aus erfolgreichem Industrie-Dienstleistungs-Verbund, beschäftigungsorientierter Lohnpolitik und Arbeitsmarktreformen hat seit 2005 die Erwerbstätigkeit um 2,6 Millionen Personen und das Arbeitsvolumen um gut 2,3 Milliarden Stunden ansteigen lassen. Aus wettbewerbsfähigen Arbeitsplätzen und nicht aus verteilungspolitisch motivierten Lohnerhöhungen jenseits des Produktivitätsspielraums resultiert ein schwungvoller Konsum. So führt eine Steigerung der Erwerbstätigkeit um ein Prozent zu einem Konsumzuwachs von einem dreiviertel Prozent, eine Erhöhung der Löhne um ein Prozent steigert den Konsum nur um ein Viertel Prozent.

Wohin es führt, wenn man die Löhne ohne Beachtung der Produktivität kräftig anhebt, das kann man in Frankreich beobachten: Die Arbeitslosigkeit steigt stetig an. Das war in Deutschland vor zehn Jahren auch der Fall, was das Etikett „kranker Mann Europas“ begründete.

Die deutschen Tarifvertragsparteien sind somit gut beraten, ihren seit 1997 mehr oder weniger verfolgten Kurs der Beschäftigungsorientierung beizubehalten. In den Exportbranchen hat dies durchweg zu Reallohnsteigerungen geführt. Im Übrigen haben sich gerade in den Branchen die Lohnprämien deutlich erhöht, wo der Fachkräftemangel spürbar ist.