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Die zunehmenden Verteilungsprobleme äußern sich in regionalen Konflikten, schreibt IW-Direktor Michael Hüther im Handelsblatt – so auch in Brasilien. Foto: Barichivich/iStock

Die Globalisierung, die nach 1990 begann, war mit großer Euphorie verbunden. Es schien angesichts des liberalisierten Kapitalverkehrs, des Zusammenbruchs des Ostblocks und der marktwirtschaftlichen Öffnung vieler Entwicklungsländer wie ein globaler Aufbruch zu neuen Ufern. Und zwar mit klarer wirtschaftspolitischer Orientierung, nämlich auf Basis des Washington Consensus: Haushaltskonsolidierung, liberale Handelspolitik, deregulierte Märkte, Privatisierung, Entbürokratisierung et cetera waren die Kriterien. Mangels einer greifbaren Alternative - die Zentralverwaltungswirtschaften hatten gerade abgewirtschaftet, und die Hoffnung der Entwicklungsländer auf einen dritten Weg war damit zerplatzt - verbanden sich mit dieser zweiten Globalisierung überwiegend große Hoffnungen. Tatsächlich hat die Integration vieler Länder, die vorher außen vor standen, in die globale Arbeitsteilung große Vorteile erbracht. Die Armut in der Welt konnte reduziert, die durchschnittliche Lebenserwartung gesteigert werden.

Heute zeigt sich, dass mit der Globalisierung zwei Illusionen verbunden waren: Einerseits die Effizienzillusion für die Entwicklungsländer, denn auf Dauer passen globale Marktintegration und Souveränitätsansprüche von Nationalstaaten nicht zusammen. Tatsächlich werden viele Entwicklungspotenziale in der dritten Welt nicht gehoben, und die finanzielle Integration findet heute fast nur zwischen entwickelten Ländern statt. Zudem zeigt sich für viele Schwellenländer das Risiko der Middle-Income-Trap (vor allem China, aber auch Brasilien). Das Vernachlässigen der Ordnungspolitik rächt sich jetzt bitter. Die zunehmenden Verteilungsprobleme äußern sich in regionalen Konflikten, die neue Machtstrukturen schaffen und die ökonomischen Ungleichgewichte verschärfen, mit der Folge eines hohen Wanderungsdrucks.

Andererseits die Sicherheitsillusion der entwickelten Industrieländer, denn tatsächlich hat die Globalisierung angesichts der Effizienzdefekte ein hohes Maß an globaler Unsicherheit verursacht, das sich in der nachhaltigen Investitionsschwäche äußert. Diese wird durch die demografische Entwicklung (Alterung) und die unklare Richtung der Digitalisierung (kapitalsparenden technischen Fortschritt?) verstärkt. Die globalen Konflikte machen die Instabilität der Welt greifbar und verschärfen die gesellschaftsinternen Konflikte, die von der Verlieren der Globalisierung getragen werden. Verschärft werden die nationalen Konflikte durch die globale Migration infolge der regionalen Konflikte.

So lässt sich Globalisierung heute anders lesen als vor 25 Jahren.

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Das Tempo der Globalisierung hat sich verlangsamt, vielerorts ist die Skepsis gestiegen – vor allem, weil nicht alle gleichermaßen von den Effekten des weltweiten Handels profitieren. Die Antwort darf aber nicht Protektionismus heißen. Vielmehr muss die Wirtschaftspolitik dafür sorgen, dass die derzeitigen Verlierer wieder Anschluss finden. mehr auf iwd.de