Die Kluft wird nicht größer Image
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Es rätseln viele über Pegida: Was bewegt die Mitläufer? Der Philosoph Byung-Chul Han hat an dieser Stelle vor einigen Tagen die These vertreten, dass Pegida in Dresden und die Terrorakte in Paris die Krise des Kapitalismus - genauer seine Verteilungsprobleme - spiegeln, gar darin ihre Erklärung finden. Den Ökonomen interessiert der empirische Befund.

Stimmt es, dass "die Kluft zwischen Armen und Reichen wächst"? Schauen wir auf die Vermögenverteilung, so ist in längerer Frist keine Veränderung festzustellen. Das reichste Prozent der Welt besitzt aktuell 48,2 Prozent der gesamten Vermögen, ähnlich wie im Jahr 2000 (48,7 Prozent); Gleiches gilt für Europa (2000: 31,7 Prozent; 2014: 31,3 Prozent) sowie für Nordamerika (2000: 38,5 Prozent; 2014: 37,5 Prozent). Quelle ist das Credit Suisse Global Wealth Databook 2014. Die Vermögensungleichheit in der Welt ist vor allem durch große Unterschiede zwischen den Kontinenten und Ländern begründet.

Schauen wir nun auf Deutschland und die Verteilung der Einkommen, dann gilt: Die Mittelschicht ist robust, eine aufgehende Schere zwischen Arm und Reich ist nicht zu beobachten (Daten des Sozio-ökonomischen Panels, SOEP). Auch fühlen sich heute mehr Menschen der Mittelschicht zugehörig als vor zehn Jahren. Seit 2005 haben sich die Verteilungsrelationen entspannt, die Armutsgefährdungsquote schwankte im zurückliegenden Jahrzehnt eng um 13 Prozent.

Auch Thomas Piketty liefert in seinem Werk für Deutschland keine anderen Belege (Seiten 317, 320): Sowohl für den Anteil der oberen zehn Prozent der Einkommensbezieher am Volkseinkommen als auch für die obersten 0,1 Prozent sind die Anteile seit 1950 im Trend stabil, bei elf Prozent respektive vier Prozent. Steigende Vermögen in Händen weniger hätten über so lange Zeit zu wachsender Ungleichheit in der Einkommensverteilung führen müssen.

Die Politik - angeblich macht- und wirkungslos - hat mit der Arbeitsmarktreform (Hartz IV) die Armutsgefährdungsquote um einen Prozentpunkt gesenkt. Und anders als vor zehn Jahren fühlen sich heute deutlich mehr Menschen als Wohlstandsgewinner (35 Prozent) denn als Wohlstandsverlierer (18 Prozent). Der Höchststand der Beschäftigung seit 1990 sorgt dafür, dass das empfundene Arbeitsplatzrisiko so niedrig ist wie nie zuvor (Allensbach).

Natürlich: Kein Job außerhalb des öffentlichen Sektors ist sicher. Doch wann galt das je? Was soll dieser absurde Hinweis auf ein Paradies, das es nicht gibt und das keines ist?

Der von Han beklagte Verlust an Sicherheit ist nicht isoliert dem Kapitalismus anzurechnen, sondern der Globalisierung und Digitalisierung. Beide Trends stehen aber dafür, dass immer mehr Menschen auf der Welt die Chance auf mehr Wohlstand haben. Ist das zu beklagen?

Und wer glaubt, das Kapital habe eine nivellierende Kraft, der übersieht die zunehmende Differenzierung der Wirtschaftsstrukturen. Dahinter stehen die historisch-kulturelle Prägung der Nationen, der über lange Zeit entwickelte Habitus der Menschen sowie die darin inkorporierten Normen. Ein Abbau "verbindlicher Werte" durch das globale Kapital ist nicht festzustellen, es wirken stets Kräfte zur Kompensation.

Die These, Pegida und Islamterror reflektierten die gleiche Ursache, ist unhistorisch und kontrafaktisch. Pegida ist ein regionales Phänomen, das wir überhöhen, weil uns die Erklärung fehlt. Einen Hinweis finden wir beim Philosophen und Soziologen Helmuth Plessner (1924): Die enge Gemeinschaft "als Ideologie der Ausgeschlossenen, Enttäuschten und Warten- den" artikuliert den "Protest der unter Großstadt, Maschinentum und Entwurzelung Leidenden" und "entfaltet Anziehungskraft auf die Schwachen". Da dominiert aus Mangel an Selbstvertrauen emotionale Abschottung.

Nach Byung-Chul Han müsste aber in den Metropolen des Westens, wo einem die Globalisierung an jeder Straßenecke begegnet und "nichts Bestand und Dauer" hat, die Krise auf den Straßen eskalieren. Es passiert aber dort, wo der Fremde nur als Tourist erscheint. So war es eigentlich schon immer, nun geformt durch die Weltsicht aus dem Tal der Ahnungslosen. Zu einer guten Debattenkultur, deren Fehlen zu Recht beklagt wird, gehört, dass man die Fakten zur Kenntnis nimmt. Die schillern indes weniger als eine steile These.

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