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Die gegenwärtige deflationäre Entwicklung in der Euro-Zone führt zu der Frage, ob das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank noch angemessen ist. Grundsätzlich gibt es gute Gründe dafür, dass Notenbanken versuchen, sich nicht von aktuellen sowie grundsätzlichen statistischen Messproblemen der Inflation abhängig zu machen, und stattdessen nach mittelfristiger Orientierung suchen. Deshalb zielt die EZB bei der direkten Inflationssteuerung nicht auf die gemessene Inflationsrate, sondern auf die Inflationserwartungen der Marktakteure.

Die Erwartungen selbst ändern sich nicht so leicht, ihre Robustheit schützt somit vor erratischer Geldpolitik. Zugleich prägen stabil verankerte Erwartungen die Entscheidungen sowie das Handeln der Privaten und verstetigen die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung. Die Notenbank ist aufgerufen, ihrerseits alles zu tun, um die Erwartungen zu stabilisieren. Das hat viel mit Verlässlichkeit, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu tun. Es bedeutet zu handeln, wenn die Erwartungen sich nachhaltig zu verändern drohen.

Die Europäische Zentralbank hat 2003 ihr Inflationsziel so präzisiert, dass die Inflationserwartungen in einem schmalen Korridor zwischen 1,7 und 1,9 Prozent gehalten werden. Damit sei eine hinreichende Sicherheitsmarge gegeben, um das Risiko der Deflation zu vermeiden. Damit werde auch den Überzeichnungen bei der Inflationsmessung entsprochen, ebenso der Tatsache nach unten rigider Löhne sowie spürbarer Inflationsdifferenzen zwischen den Ländern der Euro-Zone.

Ein Inflationsziel ändert man nicht ohne Not, solange es mit den fundamental begründeten langfristigen Inflationserwartungen vereinbar ist. Zeigt sich hingegen, dass die Wirtschaftsteilnehmer langfristig mit niedrigeren Preisen rechnen, weil sich die Angebotsbedingungen – beispielsweise durch einen trendmäßigen Anstieg der Produktivität – verändert haben, dann sollte das Inflationsziel überprüft werden. Wohlgemerkt: nur im Falle einer guten Deflation. Dagegen spricht aktuell die seit längerem schwache Investitionstätigkeit in der Euro-Zone und deren Effekt auf den Kapitalkoeffizienten sowie die Arbeitsproduktivität. Deshalb ist die EZB zu unkonventionellen Maßnahmen aufgerufen.

Zwar können neue Technologien wie Smartphones und Tablets immer günstiger produziert werden, ein genereller Effekt der Digitalisierung auf die Preise von Dienstleistungen bestätigt sich bisher nicht. Die Produktivitätsentwicklung ist schwach, die leichtere Mobilisierung von Dienstleistungen für den einzelnen Nutzer lässt nicht erwarten, dass die Preise deshalb sinken. Denn meist verbindet sich mit der Ausweitung des Angebots die Mobilisierung von zuvor allenfalls latenter Nachfrage. Möglicherweise bildet sich ein neues Marktsegment mit eigener Preisbildung. Dabei ist aber plausibel aus Erfahrung zu erwarten, dass die Preise allenfalls in einer Übergangsphase sinken, die Anbieter aber mittelfristig die Preise anheben können. Dann hätte sich durch die neue Technologie an der grundsätzlichen Dynamik der Preisbildung nichts geändert.

Bei solch unklarem und widersprüchlichem Befund kann die Notenbank ihr Inflationsziel nicht glaubwürdig ändern. Es kann zudem gefährlich sein, ein Inflationsziel in Zeiten zu ändern, in denen die Notenbank es verfehlt. Das könnte von den Märkten dahin gehend interpretiert werden, dass die Notenbank nach Selbsteinschätzung das eigene Ziel nicht erreicht. Dieser Glaubwürdigkeitsverlust der Notenbank würde die Inflationserwartungen destabilisieren, und damit würden die Voraussetzungen für eine wirksame Geldpolitik nachhaltig gestört. Inflation ist letztlich aber immer noch ein monetäres Phänomen.

Zudem bestehen in der Euro-Zone regionale und branchenspezifische Unterschiede in der Preisbildung. Grundsätzlich weisen nachholende Volkswirtschaften höhere Inflationsraten auf als weiter fortgeschrittene Volkswirtschaften (Balassa-Samuelson-Effekt). Daran hat sich durch die Digitalisierung nichts geändert. Bei einem niedrigeren Inflationsziel, das am gesamten Euro-Raum ausgerichtet ist, würde die Geldpolitik restriktiv auf einzelne Regionen wirken. Dies gilt umso mehr, wenn - wie derzeit in den Krisenländern - eine Anpassungsphase mit Lohn- und Preissenkungen zu beobachten ist, die allenfalls vorübergehend wirkt. Diese Länder würden durch eine restriktivere Geldpolitik in eine Deflationsspirale gedrängt.

Schließlich kann sich das Problem der Zinsuntergrenze von null für die EZB verschärfen, und sie muss häufiger zu unkonventionellen Maßnahmen greifen, wie dem Aufkauf von Staatsanleihen. Sollte der Realzins dauerhaft niedrig bleiben, so würde ein niedrigeres Inflationsziel die EZB massiv vor die Problematik der Nullzinsgrenze und der Unwirksamkeit der Zinspolitik stellen. Dann könnten die Käufe von Staatsanleihen zum Dauerphänomen werden. Der Ausnahmezustand würde zum Normalfall. Aus all diesen Gründen ist die EZB gut beraten, ihr Inflationsziel nicht leichtfertig zu verändern.

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Pressemitteilung, 20. September 2017

Daniel Bendel / Markus Demary / Michael Voigtländer Unternehmensfinanzierung: Zinserhöhung träfe Firmen hartArrow

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IW-Report, 18. September 2017

Daniel Bendel / Markus Demary / Michael Voigtländer How do higher interest rates impact companies’ financial situation?Arrow

Companies’ access to finance has an important impact on their profitability and growth prospects. Without external financing, most firms are not able to invest, which is a prerequisite for economic growth. Unlike in the US, which has a capital market-based financial system, banks are the dominant lenders for firms in the Eurozone. mehr

14. September 2017

Interview mit Markus J. Beyrer „Die Freiheiten in der EU fallen nicht von den Bäumen“Arrow

Die künftige Bundesregierung muss die Fahne des Freihandels hochhalten und sollte den vorhandenen finanziellen Spielraum für mehr Investitionen nutzen, sagt Markus J. Beyrer im iwd-Interview. Der Österreicher ist Generaldirektor der europäischen Vereinigung der Industrie- und Arbeitgeberverbände BusinessEurope, zu dessen Mitgliedern die deutschen Organisationen BDA und BDI gehören. mehr auf iwd.de