Michael Hüther im Focus Image
Die Downing Street ist der Wohnsitz von Premierminister David Cameron. Seit Monaten macht er sich dafür stark, dass Großbritannien in der EU bleibt. Foto: TonyBaggett/iStock

Die Abstimmung der Briten über einen Austritt ihres Landes aus der EU rückt näher. Eine Prognose ist kaum möglich. Die Vermutung, dass nur Großbritannien betroffen wäre, ist allenfalls eine Selbsttäuschung, angereichert durch eine Portion Häme. Hier liegt auch schon der erste Grund, warum ein Brexit Deutschland belasten würde. Die Annahme, dass die Schwächung eines anderen Landes dem eigenen hilft, beruht auf politischen und militärischen Kategorien der Vergangenheit.

In der offenen, durch Wissens-, Arbeits- und Risikoteilung vernetzten Weltwirtschaft ist dies grundlegend anders. Nur mit starken Akteuren im Wettbewerb trägt dieser die gewünschten Früchte: nämlich mehr Innovationen, stärkere Investitionen, stabilere Beschäftigung, höhere Einkommen. Eine Volkswirtschaft von der europäischen und globalen Bedeutung wie die britische wird über eine nachhaltige Schwächung, die im Brexit-Fall zu erwarten ist, auch uns treffen: als Handels-, als Entwicklungs- und als Innovationspartner.

Der zweite Grund, der aus deutscher Sicht gegen den Brexit spricht, ist geopolitischer Natur. Die globale Wirtschaft formiert sich derzeit grundlegend neu. Die Schwellenländer – allen voran China, Brasilien und Indien – kämpfen mit ordnungspolitischen Anpassungsproblemen. Die Preise für Rohöl und andere Rohstoffe verändern sich heftig. Und schließlich bewegen wir uns mit der Digitalisierung auf die Industrie 4.0 zu.

Zugleich fehlt eine ordnende Kraft für die Weltwirtschaft. Die Welthandelsorganisation WTO ist blockiert, Ersatz wird gesucht. Den werden die einzelnen Volkswirtschaften ob ihrer Größe nicht schaffen, sondern nur Wirtschaftsräume mit verlässlicher marktwirtschaftlicher Orientierung. Europa wäre ohne Großbritannien in diesem Spiel geschwächt. Es muss unser urdeutsches Interesse sein, diesen Bedeutungsverlust zu verhindern. TTIP gewinnt hierbei eine herausragende Bedeutung.

Drittens schließlich wird es Deutschland in der Union ohne das Vereinigte Königreich schwerer haben, sich den Vergemeinschaftungswünschen der Südeuropäer unter Pariser Führung zu entziehen. Die Diskussion um die Einlagensicherung und eine europäische Arbeitslosenversicherung stehen dafür beispielhaft. Die Brexit-Option hat nicht nur die heilsame Wirkung, die Zielsetzung europäischer Integration neu zu bestimmen, sondern zugleich den Wettbewerbsgedanken für das Miteinander neu zu beleben.

Gerade die Unterschiedlichkeit der Wirtschaftsstrukturen von Deutschland und Großbritannien – hier Industrie-Dienstleistungsverbund, dort Finanzwirtschaft – bestärkt im europäischen Miteinander die übergreifende Kooperation und bietet Chancen, voneinander zu lernen.

Fazit: Ein Brexit würde die europäische Fantasie töten und damit Deutschland im Herzen Europas besonders treffen. Und zwar politisch wie wirtschaftlich.

Ansprechpartner

20. November 2017

Interview mit Michael Sket „Wir können uns in der Eurozone noch nicht zurücklehnen“Arrow

Als es galt, die europäischen Krisenstaaten vor der Pleite und die Währungsunion vor dem Zerfall zu bewahren, stabilisierte Michael Sket, inzwischen Wirtschaftsanalyst für Italien, Malta und Polen bei der EU-Kommission, zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen den Staatenverbund mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM). Im iwd-Interview spricht Sket über Griechenland, das Verhältnis der Deutschen zu den Italienern und die Rolle des Internationalen Währungsfonds. mehr auf iwd.de

17. November 2017

Jürgen Matthes Europa zwischen Komfortzone und KrisenherdArrow

Das Erstarken populistischer Parteien, Terrorangriffe und nicht zuletzt das Brexit-Votum haben die Europäische Union gehörig durcheinandergeschüttelt. Doch es gibt auch Lichtblicke: Die Begeisterung für den europäischen Staatenverbund war schon lange nicht mehr so groß wie heute. Gleichwohl gibt es in vielen Punkten Verbesserungsbedarf. Dieser Beitrag bildet den Auftakt einer Serie zur Zukunft der EU auf iwd.de. mehr auf iwd.de

Brexit-Verhandlungen: „Jeder Deal wäre besser als kein Deal”
Interview, 13. November 2017

Michael Hüther im Deutschlandfunk Brexit-Verhandlungen: „Jeder Deal wäre besser als kein Deal”Arrow

Mit dem bisherigen Gesprächstempo werde es eng für einen kontrollierten Brexit, sagte der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln, Michael Hüther, im Interview mit dem Deutschlandfunk. Die Briten hätten mit ihrer bisherigen „Strategielosigkeit” die Chance vertan, die Trennung konstruktiv zu gestalten. mehr