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Die Downing Street ist der Wohnsitz von Premierminister David Cameron. Seit Monaten macht er sich dafür stark, dass Großbritannien in der EU bleibt. Foto: TonyBaggett/iStock

Die Abstimmung der Briten über einen Austritt ihres Landes aus der EU rückt näher. Eine Prognose ist kaum möglich. Die Vermutung, dass nur Großbritannien betroffen wäre, ist allenfalls eine Selbsttäuschung, angereichert durch eine Portion Häme. Hier liegt auch schon der erste Grund, warum ein Brexit Deutschland belasten würde. Die Annahme, dass die Schwächung eines anderen Landes dem eigenen hilft, beruht auf politischen und militärischen Kategorien der Vergangenheit.

In der offenen, durch Wissens-, Arbeits- und Risikoteilung vernetzten Weltwirtschaft ist dies grundlegend anders. Nur mit starken Akteuren im Wettbewerb trägt dieser die gewünschten Früchte: nämlich mehr Innovationen, stärkere Investitionen, stabilere Beschäftigung, höhere Einkommen. Eine Volkswirtschaft von der europäischen und globalen Bedeutung wie die britische wird über eine nachhaltige Schwächung, die im Brexit-Fall zu erwarten ist, auch uns treffen: als Handels-, als Entwicklungs- und als Innovationspartner.

Der zweite Grund, der aus deutscher Sicht gegen den Brexit spricht, ist geopolitischer Natur. Die globale Wirtschaft formiert sich derzeit grundlegend neu. Die Schwellenländer – allen voran China, Brasilien und Indien – kämpfen mit ordnungspolitischen Anpassungsproblemen. Die Preise für Rohöl und andere Rohstoffe verändern sich heftig. Und schließlich bewegen wir uns mit der Digitalisierung auf die Industrie 4.0 zu.

Zugleich fehlt eine ordnende Kraft für die Weltwirtschaft. Die Welthandelsorganisation WTO ist blockiert, Ersatz wird gesucht. Den werden die einzelnen Volkswirtschaften ob ihrer Größe nicht schaffen, sondern nur Wirtschaftsräume mit verlässlicher marktwirtschaftlicher Orientierung. Europa wäre ohne Großbritannien in diesem Spiel geschwächt. Es muss unser urdeutsches Interesse sein, diesen Bedeutungsverlust zu verhindern. TTIP gewinnt hierbei eine herausragende Bedeutung.

Drittens schließlich wird es Deutschland in der Union ohne das Vereinigte Königreich schwerer haben, sich den Vergemeinschaftungswünschen der Südeuropäer unter Pariser Führung zu entziehen. Die Diskussion um die Einlagensicherung und eine europäische Arbeitslosenversicherung stehen dafür beispielhaft. Die Brexit-Option hat nicht nur die heilsame Wirkung, die Zielsetzung europäischer Integration neu zu bestimmen, sondern zugleich den Wettbewerbsgedanken für das Miteinander neu zu beleben.

Gerade die Unterschiedlichkeit der Wirtschaftsstrukturen von Deutschland und Großbritannien – hier Industrie-Dienstleistungsverbund, dort Finanzwirtschaft – bestärkt im europäischen Miteinander die übergreifende Kooperation und bietet Chancen, voneinander zu lernen.

Fazit: Ein Brexit würde die europäische Fantasie töten und damit Deutschland im Herzen Europas besonders treffen. Und zwar politisch wie wirtschaftlich.

Ansprechpartner

Die EU nicht dem Handel mit den Briten opfern
Gastbeitrag, 19. April 2017

Michael Hüther in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Die EU nicht dem Handel mit den Briten opfernArrow

Sosehr der Verlust der zweitgrößten europäischen Volkswirtschaft schmerzt, ein Untergang der europäischen Idee ist mit dem Brexit ebenso wenig verbunden wie ein ökonomisches oder gar politisches Desaster für Deutschland. Ein Gastbeitrag von IW-Direktor Michael Hüther in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. mehr

12. April 2017

Interview „Der Frexit wäre ein Drama für uns und für Europa“Arrow

Am 23. April wählen die Franzosen einen neuen Präsidenten. Loïc Armand, Vorsitzender von L'Oréal Frankreich und des Europa-Ausschusses im Arbeitgeberverband Mouvement des entreprises de France (MEDEF), spricht im iwd-Interview über die Chancen der rechtsextremen Marine Le Pen, darüber wie er den Frexit verhindern will und welche wirtschaftspolitischen Herausforderungen auf den neuen Präsidenten warten. mehr auf iwd.de

Michael Hüther im Deutschlandfunk
Interview, 29. März 2017

Michael Hüther im Deutschlandfunk „Die Briten sind in dieser Situation schlechter gestellt”Arrow

Nach dem Brexit-Beschluss Großbritanniens müsse es jetzt darum gehen, die Interessen der Gemeinschaft in den Fokus zu rücken, sagte IW-Direktor Michael Hüther im Interview mit dem Deutschlandfunk. Ein Staat, der sich aus der Integration herausnehme, dürfe anschließend nicht von möglichen Sonderregelungen profitieren. mehr