Zehn Jahre ist es her, dass die Pleite der US-Investmentbank Lehman zunächst die Finanzwelt ins Wanken brachte und dann die schwerste Erschütterung der Weltwirtschaft auslöste, die seit dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnen war. Es handelte sich um die erste tiefe globale Krise nach dem Fall des Eisernen Vorhangs- und unter den Bedingungen liberalisierten Kapitalverkehrs, deregulierter Finanzmärkte, extremer Kreditexpansion sowie ausufernder Nutzung von Finanzinnovationen. Zehn Jahre sind eine quasi natürliche Frist, das Geschehene aus der notwendigen Distanz näher zu beleuchten und aufzuarbeiten. In diesem Sinne passend hat der an Columbia University in New York lehrende britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze nun eine breite Analyse unter dem Titel „Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben“ vorgelegt.

Sein Buch zeichnet sich im Vergleich zu einer Reihe von Geburtstagsgaben für die Finanzkrise dadurch aus, dass es sowohl thematisch als auch zeitlich weiter greift und sich nicht auf Einzelaspekte oder spezifische inhaltliche Fäden beschränkt. Damit ist aber auch die Latte hoch gelegt.

Die Analyse ist detailliert, doch manchmal wäre weniger mehr gewesen

Tooze hat mit „Crashed“ ein historiografisches Parallelwerk zu seinem 2014 im Original erschienenen Werk „Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916-1931“ erarbeitet, das ausgehend vom Niedergang der ersten Globalisierung über die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ein Nachkriegsjahrzehnt unter wirtschaftspolitischer Dominanz der Vereinigten Staaten skizziert, das unweigerlich in die Große Depression mündete. Was sich seinerzeit historisch mit dem Jahr 1914 verband, das wird vom Autor zeitgenössisch mit dem Jahr 2008 verknüpft: Der Ausbruch der großen Krise 2008 sei wie damals der Beginn für eine Neuordnung der Welt gewesen, und wie damals sei eine Krisendimension erreicht worden, die wenigen Personen einen übergroßen Einfluss gab. Es waren ungewöhnliche Maßnahmen von den Regierenden gefordert: Verstaatlichung von Kreditinstituten und Versicherungen, neue Dimensionen in der Konjunkturstützung durch die Finanzpolitik und Geldpolitik, ein hohes Maß an internationaler Koordination. Das, was im Höhepunkt der Krise in den Jahren 2008 und 2009 passierte, hat deswegen – so Tooze – umfassende und längerfristige Folgen für das Miteinander der Staaten in der zweiten Globalisierung.

Das Klare und Forsche der US-Krisenpolitik wirke dabei ebenso nach wie das Zögerliche und Unbestimmte im Handeln der deutschen Regierung. Der damalige US-Finanzminister Hank Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke stünden für die Politik gewordene Einsicht, dass eine neue große Deflations-Depressions-Spirale mit einem Zusammenbruch des globalen Finanzsystems zu verhindern sei, egal welche unkonventionellen Maßnahmen dies erfordere. Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück hingegen blieben gefangen in einer ordnungspolitischen Verkrampfung, die mit Krisen nicht umgehen könne und von der Furcht vor der Hyperinflation geprägt sei. Das habe sie von einer neuen Qualität der Krisenoperation in der Europäischen Union abgehalten und so dazu geführt, dass unweigerlich aus der globalen Krise eine Krise der Euro-Zone wurde. Niemand kann offensichtlich aus seiner historisch gegerbten Haut.

Adam Tooze entwickelt auf diesem Grundverständnis seine profunde und faktenreiche Analyse auf 700 Seiten Text. Für den schnellen Leser ist das nichts, obgleich die Übersetzung einen flüssig zu lesenden Text hervorgebracht hat. Bei der Länge des Werkes wäre es freilich hilfreich gewesen, die in den Kapiteln vorgenommene Untergliederung im Inhaltsverzeichnis zu replizieren. Ebenso leidet die Textnutzung darunter, dass die Tabellen und Abbildungen weder in den Text einbezogen noch in einem separaten Verzeichnis zugänglich gemacht werden. Ein solches Werk sollte vom Verlag nicht als Schatztruhe mit vielen separaten Deckeln dargeboten werden. Auch der umfangreiche Anmerkungsapparat erleichtert den Zugriff auf den Text nicht. Manchmal–so möchte man dem begeistert berichtenden Autor zurufen – wäre deshalb weniger mehr gewesen.

Die 25 Kapitel in vier Teilen schaffen einen Spannungsbogen dadurch, dass einerseits „die Bankenkrise in einen größeren politischen und geopolitischen Kontext eingeordnet“ wird und andererseits der Ablauf der Krise von innen her – über die „Ökonomie des Finanzsystems“ – zu entschlüsseln ist. Diese Zwiesprache zwischen der Logik des Finanzsystems und den politischen Aktionen und Reaktionen weitet den Blick auf ein breites Ursachenbündel (Teil eins mit etwa 130 Seiten) und offenbart für den Autor unzweifelhaft, dass die von den USA ausgehende Finanzkrise ab 2007/08 sich systematisch zur Krise der Euro-Zone entwickeln musste. Die dafür bedeutsamen transatlantischen Finanzgeschäfte werden eindrücklich geschildert.

In den beiden Krisenkapiteln wird dem Leser ein weitgespanntes Panorama des Geschehens eröffnet. Der Autor berücksichtigt und verknüpft für die globale Krise (Teil zwei auf mehr als 200 Seiten) dabei unterschiedliche Handlungsstränge, die über vorangegangene Politikinterventionen ebenso laufen wie über die exzessive Liquiditätsbereitstellung der Notenbanken und die globalen Verschiebungen und Verwerfungen. Dem folgt eine differenzierte Skizze der Staatsschuldenkrise in der Euro-Zone (Teil drei, etwa 145 Seiten). Diese endet mit der erneuten Eskalation der Euro-Krise im Jahr 2012, deren politische Reflexe fast tagesgenau referiert werden und die mit dem mittlerweile berühmten „What ever it takes“ von EZB-Chef Mario Draghi am 26. Juli 2012 in eine Stabilisierungsphase überführt werden konnte.

So unbestreitbar der Wirkungszusammenhang zwischen beiden Krisen ist, so birgt die postulierte enge Bindung die Gefahr, Differenzierungen zu übersehen. Die Euro-Zone ist nun einmal ein Club unberechenbarer Demokratien, was – ganz unabhängig von Krisen – mit Steuerungsdefiziten im Vergleich zum Nationalstaat verbunden ist. So verkennt die Kritik von Tooze, dass ein früheres Einschwenken der EZB auf den Kurs der US-Notenbank das Schlimmste der Krise in der Euro-Zone verhindert hätte, die unterschiedlichen institutionellen Bedingungen beider Notenbanken wie der sie umgebenden Finanzpolitik.

Auch erweist sich das politische System in den USA bereits unabhängig von der Entwicklung seit 2007 als dysfunktional; Watergate und die Reaktion der Republikaner auf die Wahl Bill Clintons lassen grüßen. Kurzum: Nicht alles, was zeitlich folgt, muss auch ursächlich aus dem direkt Vorangegangenen resultieren. Anders gewendet: Die Ursachen können auch weiter zurückliegen; und das gilt wiederum für die Vereinigten Staaten ebenso wie für Europa, denn – so der Autor – „die Geschichtsschreibung kann der Geschichte nicht entkommen, die sie zu rekonstruieren versucht“. Aber das, was zwischen zwei Zeitpunkten liegt, muss keiner linearen Logik folgen, und das, was wir am aktuellen Rand erkennen, muss nicht das Ende der zu erzählenden Geschichte sein. Teil vier (192 Seiten) eröffnet unter der Überschrift „Nachbeben“ aus Hypothesen zu den „Folgen der Mutter aller Krisen“ den Blick zurück aus der Zukunft. Zwar gilt für den Autor: „Die Weltwirtschaft hatte überlebt, und die Vereinigten Staaten hatten erfolgreich eine neue Spielart liberaler Vorherrschaft zur Geltung gebracht. Europa unternahm weitere Schritte auf dem Weg zu den Vereinigten Staaten von Europa.“

Im Kapitel „Nachbeben“ werden teils sehr unterschiedliche aktuelle Konflikte abgehandelt

Doch ebenso sei unbestritten: Die Krise zeitigte mehrere „Nachbeben“. Es müsste einen freilich sehr wundern, wäre eine Krise dieses Ausmaßes und dieser Qualität nach wenigen Jahren reibungslos aus der Realität in die Geschichtsbücher gewandert. Dabei ist aber zwischen originären Folgen der Krise und Wirkungsverschärfungen vorhandener Trends durch die Krise zu unterscheiden. Das gelingt im Teil vier allerdings nicht wirklich, da die verschiedenen, unterschiedlich funktional mit der Krise verflochtenen Themen – säkulare Stagnation, Ukraine und Krim, Risiko in den Anleihenmärkten bei einer Beendigung der Niedrigzinspolitik, die griechischen Politikvolten im Jahr 2015, Brexit und Trump – recht unverbunden nebeneinanderstehen. Die behandelten Entwicklungen weisen mitunterweit über den Krisenkontext hinaus, reflektieren andere, beispielsweise geopolitische Logiken (Ukraine und Krim) oder haben spezifische Ursachen (Brexit und Binnenmarkt).

Adam Tooze – von seiner Wahrnehmung geprägt, „die Fragen, die wir über 1914 und 2008 stellen, ähneln sich auf eine verblüffende Weise“ – schießt am Ende über das Ziel hinaus. Dazu passt, dass gelungene Anpassungsleistungen – bei allen verbleibenden Aufgaben und Risiken – ebenso wie positive Überraschungen der Märkte erstaunlich wenig Platz auf den 700 Seiten finden. Man kann angesichts der Schwere und Tiefe der Krise von einem gelungenen „kapitalistischen Stabilisierungsprojekt“ sprechen. Die am Ende vom Autor diagnostizierte Erschöpfung der zweiten Globalisierung trägt auch, aber bei Weitem nicht nur die Krise in sich, sondern sehr viel stärker institutionelle Lücken und technologische Herausforderungen.

Die „zweite Neuordnung der Welt“ ist mit dem Blick auf die Finanzkrise und ihre Folgen alleine jedenfalls weder zu erfassen noch zu verstehen.