"Die industrielle Wertschöpfungskette könnte in Gefahr geraten" Image
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Mit Industrie 4.0 erhöht sich die Flexibilität der Fertigung beträchtlich. Durch die Flexibilisierung der Produktionsprozesse lassen sich Produkte in kleineren Losgrößen rentabel produzieren und individuell anpassen. Maschinen müssen nicht extra neu eingerichtet werden, was die Rüstkosten verringert. Außerdem können die Prozesse kurzfristig verändert und Produktionsausfälle schneller kompensiert werden.

Letztlich lassen sich die Liefermengen dynamisch anpassen. Damit könnten die Grenzen zwischen großen Industriekonzernen und dem Mittelstand weiter verschwimmen: Die Konzerne können kleinere Losgrößen rentabel produzieren und die Mittelständler sich zu virtuellen Großunternehmen zusammenschließen, die auch Großaufträge annehmen können. Großunternehmen und eine Avantgarde von Mittelständlern investieren bereits substanziell in Industrie-4.0-Lösungen, während der Mittelstand in der Breite noch zögert.

Doch Gründe für mehr Investitionen in die vernetzte und sich selbst steuernde Fertigung gibt es genug. Die in wenigen Jahren aufgrund des demografischen Wandels stark zunehmende Knappheit von nicht akademischen Fachkräften kann nämlich von jenen Unternehmen am besten aufgefangen werden, die den Schritt zur voll vernetzten flexiblen Produktion vollziehen. Experten erwarten Produktivitätszuwächse von bis zu 30 Prozent. Zurückbleibende Betriebe ohne entsprechende Produktivitätssprünge werden umso größere Nachwuchsprobleme haben, wenn sie mit den innovativeren und leistungsfähigeren Firmen um knappe Fachkräfte konkurrieren. Die industrielle Wertschöpfungskette in Deutschland könnte sogar in Gefahr geraten, wenn die Unternehmen nicht genug in neue Technologien investieren, um den Innovationsvorsprung gegenüber Konkurrenten in Ländern mit günstigeren Kosten zu wahren.

Gleichzeitig ist die Unsicherheit bezogen auf das Zukunftsfeld Industrie 4.0 derzeit noch groß, insofern ist eine gewisse Zögerlichkeit nachvollziehbar. Neben dem Thema der Datensicherheit und der Kompatibilität unterschiedlicher Soft- und Hardwarelösungen stellt sich die Frage, inwieweit Innovationsrenditen beim Mittelstand verbleiben oder ob diese von digitalen Großkonzernen internalisiert werden. Im Hintergrund steht dabei das Thema der Standardsetzungen, bei dem es bereits ein Tauziehen zwischen US-Konzernen und der deutschen Industrie gibt, aber auch die Frage, wer eigentlich den Zugriff auf und die Rechte an den gewaltigen Datenmengen hat, ohne die Industrie 4.0 nicht funktionieren kann. Im B2B-Bereich stehen die Chancen bislang noch gut, dass der industrielle Mittelstand dank seiner Expertise Wertschöpfung an sich binden kann, die im B2C-Bereich bereits von digitalen Konzernen internalisiert wurde.

Damit die Wirtschaft in der Breite folgen kann, sollte die Politik flankierend handeln statt zu bremsen. Etwa durch einen zügigen Ausbau der digitalen Infrastruktur in ländlichen Regionen, in denen viele „Hidden Champions“ ansässig sind. Auch das im Koalitionsvertrag angekündigte Venture-Capital-Gesetz lässt weiter auf sich warten – dabei ist die deutsche Schwäche im Bereich digitaler Start-ups im Vergleich zu den USA alles andere als hilfreich, wenn es um die Umsetzung der vierten industriellen Revolution geht.

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