Wie man müde Wähler an die Urne lockt Image
Quelle: Wahlurne Christian Schwier - Fotolia

Die Deutschen sind wahlmüde geworden. Das zeigen die beiden letzten Bundestagswahlen, bei denen nur noch sieben von zehn Bürgern ihre Stimme abgaben. Dies markiert auf Bundesebene einen historischen Tiefstand. Und auch bei den kommenden Europawahlen am 25. Mai wird die Wahlbeteiligung wahrscheinlich zum vierten Mal in Folge unter 50 Prozent bleiben. Kein gutes Zeugnis für die Demokratie, die ja von einer möglichst breiten Zustimmung und einer regen Teilnahme der Bürger lebt.

Was ist zu tun? Einige Länder wie Belgien setzten auf eine allgemeine Wahlpflicht. In Australien wird eine Geldstrafe fällig, wenn man der Wahl unbegründet fernbleibt. Eine Praxis, die in Deutschland kaum vorstellbar ist. Denn staatliche Bevormundung und ein riesiger Verwaltungsaufwand wären die Folge. Kein Wunder, dass sich die überwiegende Mehrheit gegen eine Wahlpflicht ausspricht. Bleiben also nur „sanfte“ Alternativen. Wie diese aussehen könnten, zeigt der Blick über den großen Teich. Die USA sind schon seit langer Zeit durch niedrige Wahlbeteiligungen gebeutelt. Das hat dazu geführt, dass sich die dortige Wissenschaft intensiv mit dem Phänomen beschäftigt – und auch schon eine Reihe interessanter Erkenntnisse gewonnen hat.

Ein wichtiger Punkt lautet: Auf das Timing kommt es an. Wochenlange Wahlwerbung nach deutschem Muster mit Plakaten und Wahlveranstaltungen erzeugen wohl eher Abnutzungseffekte anstatt zur Wahl zu motivieren. Die US-Forscher plädieren dafür, die Wahlwerbung auf die Zeit kurz vor dem Urnengang zu konzentrieren. Das bringe eine messbar höhere Beteiligung. Einen sehr guten Effekt erzielt das Engagement jedes einzelnen Bürgers, beispielsweise, wenn er seine Nachbarn, Bekannte oder Freunde auf die bevorstehende Wahl anspricht und sie fragt, ob sie wählen gehen. Untersuchungen erbrachten hier eine Steigerung der Wahlbeteiligung von bis zu 20 Prozent.

Ein weiterer Weg, das Wahlverhalten der Menschen auf sanfte Art positiv zu beeinflussen, beruht auf dem Konzept der Visualisierung: So wurden Bürger beispielsweise befragt, zu welcher Uhrzeit sie wählen gehen und was sie vor der Wahl machen. Dadurch gingen die Befragten den Tagesablauf im Kopf durch - und schließlich erhöhte sich die Wahlbeteiligung stark. Denn die aktive Vorstellung einer Handlung erhöht die Wahrscheinlichkeit für deren Ausführung.

Eine wichtige Rolle beim Wahlverhalten spielt offenbar der „Herdentrieb“. Er muss allerdings auf die richtige Art und Weise genutzt werden. Um die Wahlbeteiligung von Frauen zu erhöhen, versendete eine US-Frauenorganisation vor den Präsidentschaftswahlen 2004 in den USA folgende Briefbotschaft an eine Million Singlefrauen: „Bei der vergangenen Wahl vor vier Jahren gingen 22 Millionen Frauen nicht wählen.“ Mit dem Hinweis auf die hohe Wahlabstinenz sollten die Frauen motiviert werden, ihr Wahlrecht auch anzuwenden. Doch führte dies eher zum Gegenteil. Das liegt daran, dass die meisten Menschen sich so verhalten wollen, wie es der sozialen Norm entspricht. Die Information, dass viele Frauen nicht zur Wahl gegangen waren, erzeugte nicht den gewünschten Gewissenskonflikt. In Experimenten, in denen dagegen betont wurde, dass sich die große Mehrheit der Bürger an der Wahl beteiligen will, konnte ein deutlicher Anstieg der Wahlbeteiligung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe belegt werden.

Fazit: Auch wenn bei der anstehenden Europawahl die psychologisch wichtige 50-Prozent-Hürde in Sachen Wahlbeteiligung doch nicht unterschritten werden sollte, bleibt die Frage auf der Tagesordnung: Wie kann man Wahlen für den Bürger wieder attraktiver machen - und so die Demokratie langfristig stärken?

Zum Gastbeitrag auf focus.de

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