Seit kurzem kursiert der Entwurf des neuen Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung. Große Aufregung ist bislang ausgeblieben, obwohl auch in diesem Jahr das Thema Ungleichheit mehrfach heiß diskutiert wurde – bis hin zur Systemfrage, ob die Soziale Marktwirtschaft überhaupt noch existiere. In diesem Zusammenhang stellte vor einiger Zeit an dieser Stelle ein Autor die Frage, ob 80 Prozent der Deutschen irren können, indem sie die soziale Ungleichheit in ihrem Land für zu hoch halten. Seine implizite Antwort: natürlich nicht. Dabei belegen diverse Forschungsarbeiten, dass beim Thema Gleichheit und Verteilung durchaus mehr als vier Fünftel der Bevölkerung falschliegen können. Tendenziell neigen insbesondere gutverdienende Menschen dazu, ihre Einkommensposition zu unterschätzen, wobei die Deutschen im internationalen Vergleich besonders pessimistisch sind. Sogar der eingangs genannte Entwurf exemplifiziert am Thema Armutsgefährdung, „dass Wahrnehmung und messbare Realität mitunter auseinandergehen“: Nicht Menschen im Ruhestand weisen ein besonders hohes Armutsrisiko auf, wie zwei von drei Befragten vermuten, sondern ganz im Gegenteil sind es junge Erwachsene – was allerdings die wenigsten dort verorten.

Solche Fehlwahrnehmungen bieten eine Erklärung, warum die mit ihrem Leben wie ihrer Einkommenssituation eigentlich überaus zufriedenen Deutschen laut Umfragen regelmäßig mit deutlicher Mehrheit für stärkere Umverteilung plädieren. Allerdings rücken unsere gleichheitsliebenden Landsleute von dieser Präferenz ab, wenn ihnen klarwird, dass sie selbst dafür aufkommen müssten. Reich sind eben immer nur die anderen. Wobei hier einmal mehr Fakt auf Wahrnehmung trifft, mit jeder Lohnabrechnung: Die Gutverdiener zahlen schon reichlich Steuern. In kaum einem Land wird mehr umverteilt als in Deutschland – beides Fakten, die selten wahrgenommen werden. Es geht also doch, das mit dem Falschliegen.

Da die Einkommensverteilung hinsichtlich der Daten wenig skandalträchtig ist, weisen die Apologeten der Ungleichheitsdebatte gern darauf hin, dass Deutschland zumindest die höchste Ungleichheit privater Vermögen in der gesamten Eurozone aufweise. Zwar bedienen solche Befunde das vorherrschende (Un-)Gerechtigkeitsbild – allerdings sind die Kennzahlen ohne Einordnung in den institutionellen Kontext kaum sinnvoll miteinander zu vergleichen. So werden Rentenansprüche nicht berücksichtigt, und genauso wird die hierzulande hohe soziale Absicherung außer Acht gelassen. Zur Frage nach den Vergleichsmaßstäben gehört zudem, darüber nachzudenken, welches Land denn Vorbild sein soll. Die sozialpolitisch sonst hochgelobten skandinavischen Länder dürften ob ihrer hohen Vermögensungleichheit ausscheiden. Gleichzeitig liefern sie den Beleg, dass selbst Bestwerte bei den Indikatoren Einkommensungleichheit, Bildungsgerechtigkeit und soziale Mobilität keineswegs unweigerlich eine geringe Vermögensungleichheit implizieren. Diese ließe sich übrigens ebenso wenig mit den links-grünen Vermögensteuerplänen erwirken, die avisierte Gruppe der Superreichen ist dafür schlicht zu klein. Um einen merklichen Effekt auf die Ungleichheit zu haben, müssten Kreise weit jenseits dieser Klientel zur Kasse gebeten werden.

Doch Symbolsteuer hin, Umverteilungsforderung her – zu vermuten ist, dass die Änderung eines abstrakten Indikators in Sachen Gleichheit kaum Einfluss auf das primär emotional wirkträchtige Gerechtigkeitsnarrativ hätte. Schon die auf eher schlechte Nachrichten zielende Medienlogik spricht dagegen. So setzen sich Annahmen fest, die der Realität nicht standhalten. In der Folge wird im öffentlichen Diskurs die Erzählung von der immer weiter aufgehenden Schere zwischen Arm und Reich ständig behauptet, wenig hinterfragt und selten gekontert. Dies gilt insbesondere für Medien, die sich nicht am Markt bewähren müssen. Empörung sticht Fakten, die anekdotische Empirie mit ihrer emotionalen Wirkung siegt. Keine Frage, Bedürftigen muss geholfen werden, und selbstverständlich offenbaren Dokumente wie der eingangs zitierte Bericht problematische Entwicklungen und Handlungsbedarf – etwa einen steigenden Anteil verschuldeter Haushalte, mehr Wohnungslose, die Herausforderungen der Flüchtlingsintegration, die Frage, wie sich Armut nachhaltig bekämpfen lässt. Ähnlich gilt es das Unbehagen in Sachen Gerechtigkeit ernst zu nehmen. Dass beiden Ansinnen der teils gefühlige, teils postfaktische Diskurs gerecht wird, muss allerdings bezweifelt werden.

Vor der Macht der Wahrnehmung als Realität zu kapitulieren läuft in der Debatte um Gleichheit und Gerechtigkeit letztlich darauf hinaus, das Modell der Sozialen Marktwirtschaft zu delegitimieren, was von manchem Akteur durchaus gewollt sein kann. Dass im gleichen Zuge selbiges unserem funktionierenden Sozialstaat droht, scheint dabei billigend in Kauf genommen zu werden. Wie sich dem politischen Narrativ „Perception is reality“ begegnen lässt, wird die Gretchenfrage des kommenden Wahljahres. Zahlen, Daten und Fakten sind dafür wichtig. Statistik allein wird aber kaum genügen. Genauso nötig sind Glaubwürdigkeit, Gradlinigkeit und nicht zuletzt Empathie.