Die Mittelschicht steht vor wichtigen Wahlen immer besonders im Fokus – schließlich werden sie in der Mitte gewonnen. Doch die Mitte schrumpft angeblich stetig, wie immer wieder zu hören und lesen ist. Zuletzt hat unter anderem der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in einem Gastbeitrag bei ZEIT ONLINE diese These vertreten. Demnach verkleinere sich die Mittelschicht seit 1995, auch nach 2005 habe sie weiter abgenommen. Insgesamt sei ihr Anteil an der Bevölkerung zwischen 1995 und 2015 von 48 Prozent auf 41 Prozent gesunken. Doch so eindeutig, wie diese Zahlen es suggerieren, ist die Entwicklung längst nicht.

Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Definition. In den Sozialwissenschaften wird die Mittelschicht häufig über Faktoren wie Bildung oder Wertevorstellungen definiert. Wenn Ökonomen von der Mittelschicht reden, meinen sie hingegen in der Regel die Bevölkerungsgruppe mit mittlerem Einkommen. Die Festlegung der Einkommensgrenzen ist dabei jedoch sehr unterschiedlich. Dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zufolge gehört zur Mittelschicht, wer mehr als 60 Prozent, aber weniger als das Doppelte des mittleren Einkommens – des sogenannten Medianeinkommens – verdient. Mit anderen Worten: Jeder, der weder armutsgefährdet noch besonders reich ist. Im Jahr 2014 traf das auf gut drei Viertel der Menschen in Deutschland zu.