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Mehr als die Hälfte der Deutschen ist überzeugt, dass die Einkommensunterschiede im Land zu groß sind. Das ist das Ergebnis der Befragung zur sozialen Ungleichheit des International Social Survey Programme (ISSP) von 2009, der jüngsten länderübergreifenden Erhebung zum Thema. In den USA, die sich durch eine deutlich höhere Einkommensungleichheit auszeichnen, gilt das für weniger als ein Drittel der Befragten. Auch im Vergleich weiterer Länder zeigt sich nahezu kein empirischer Zusammenhang zwischen der tatsächlichen Verteilung der Einkommen und deren Bewertung durch die Bevölkerung.

Wesentlich besser eignet sich die subjektive Wahrnehmung der gesellschaftlichen Ungleichheit, um zu erklären, wie kritisch die Bevölkerung Einkommensunterschiede bewertet - und wie stark sie den Staat in der Verantwortung sieht, die Ungleichheit zu reduzieren.

Die wahrgenommene Ungleichheit lässt sich aus einer Frage im ISSP zur vermuteten Gesellschaftsform ermitteln. Anders als Fragen zur Einschätzung von Lohnunterschieden setzt die Antwort eine Vorstellung der Befragten über die Verteilung der Bevölkerungsanteile auf sieben Gesellschaftsschichten voraus. Demnach sind 54,2 Prozent der Deutschen der Meinung, dass der Großteil der Bevölkerung hierzulande in den unteren Gesellschaftsschichten verortet ist (s. Grafik). Fasst man alle Antworten für die fünf zur Auswahl gestellten Gesellschaftsformen zusammen, gleicht die Wahrnehmung der Deutschen einer Pyramide mit einer kleinen Elite oben, mehr Menschen in der Mitte und den meisten unten.

Soll nun diese subjektive Einschätzung mit der Realität verglichen werden, bietet sich dafür die tatsächliche Einkommensverteilung an. Wobei hier die Einteilung der Gesellschaft in "unten", "Mitte" und "oben" natürlich nicht eindeutig zu treffen ist. Die Abgrenzung ist aber auch nicht beliebig: Verteilungsforscher definieren die Einkommensmittelschicht konventionell um das mittlere Einkommen (Medianeinkommen).

Studien für Deutschland kommen trotz unterschiedlicher Abgrenzungen der Schichten immer wieder zum gleichen Ergebnis: Die meisten Menschen leben in der (Einkommens-)Mittelschicht, weniger Menschen im unteren Einkommensbereich und am oberen Ende gibt es eine langgestreckte Spitze des Reichtums. Eine solche "Mittelschichtsgesellschaft" wird bei Abgrenzungen nach soziokulturellen Merkmalen wie Beruf oder Bildungsniveau bestätigt und auch, wenn sich die Befragten selbst einer Schicht zuordnen.

In anderen europäischen Ländern vermuten die Befragten ebenfalls mehr Menschen in den unteren Gesellschaftsbereichen, als es der tatsächlichen Einkommensverteilung entspricht. Besonders pessimistisch ist die Wahrnehmung der Ungleichheit in einigen osteuropäischen Ländern. In Ungarn beispielsweise vermuten beinahe 90 Prozent der Bevölkerung einen Großteil der Bevölkerung im unteren Bereich. Entsprechend verwundert es nicht, dass dort 77,5 Prozent der Bevölkerung die Einkommensunterschiede als deutlich zu groß bewerten - obwohl das Land eine der geringsten Einkommensungleichheiten in Europa besitzt.

Die Vorstellung einer pyramidenförmigen Gesellschaft dominiert aber nicht in allen Ländern: Die Einkommen in Skandinavien sind sehr gleichmäßig verteilt, die Einkommensmittelschicht deshalb sehr groß - und dessen sind sich die Bewohner durchaus bewusst. Die meisten Norweger beispielsweise sehen ihre Gesellschaft als idealtypisches Mittelschichtsmodell.

Die Einkommen konzentrieren sich aber nicht überall um das mittlere Einkommen. In den USA ist die Einkommensverteilung deutlich polarisierter. Trotzdem ist die Wahrnehmung dort optimistisch: Die USA sind das einzige betrachtete Land, in dem die Ungleichheit unterschätzt wird. Durch diesen empirischen Befund drängt sich nun die Frage auf: Warum nehmen die Amerikaner ihre Gesellschaft eher als Mittelschichtsmodell wahr als viele Europäer? Unabhängig davon bieten die Ergebnisse eine mögliche Erklärung dafür, weshalb Umverteilungsprogramme in vielen europäischen Staaten einfacher Mehrheiten finden als in den USA.

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