Das Bild von Afrika ist oftmals von Armut, bewaffneten Konflikten und anderen Schwierigkeiten geprägt. Das ist zwar nicht falsch, übersieht aber das Wesentliche: Afrika ist ein Kontinent des Nebeneinanders von großen Chancen und großen Problemen. Trotz seines Rohstoffreichtums konnten nur langsame Entwicklungsfortschritte erreicht werden. Ein flächendeckender, substanziell beschleunigter Aufschwung ist derzeit nicht absehbar, auch wenn der Anteil der Menschen außerhalb der absoluten Armut über Jahre hinweg deutlich gestiegen ist.

Unter den größten Volkwirtschaften sticht Angola mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 6,6 Prozent aber nur mit einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von 3.600 Dollar (2010) hervor. Ebenso wie Nigeria ist die Wirtschaft jedoch stark ölabhängig, auch Südafrika hat nennenswerte Anteile in der Rohstofferzeugung. Dies ist jedoch mit besonderen Wachstumsrisiken verbunden. Kaum ein Land konnte basierend auf Rohstoffvorkommen einen nachhaltigen Wohlstand aufbauen, da die Governance-Strukturen zum Zeitpunkt der Funde noch nicht ausreichend entwickelt waren. Hierin, in der Bekämpfung von Korruption, der Verbesserung der Bildungsangebote, der Sicherheit und der Infrastrukturen bestehen zentrale Herausforderungen.

Gleichzeitig ist Afrika ein Kontinent der Gegensätze: So gehören Nigeria, Angola, Botswana, Namibia und die Seychellen zur Gruppe der schnell wachsenden Länder auf einem verhältnismäßig hohen Produktivitätsniveau. Diese Ländergruppe vereinigt 18 Prozent der Bevölkerung Afrikas und 25 Prozent der Wirtschaftsleistung des Kontinents auf sich. Dem gegenüber stehen zwölf Länder, die heute ein unterdurchschnittliches Produktivitätsniveau haben und sich auch besonders langsam entwickeln – oder sogar von Rückschritten geprägt sind. Diese Länder repräsentieren 15 Prozent der Bevölkerung und 8 Prozent des BIP des Kontinents. Aber nicht nur in der Wirtschaftsleistung liegen große Unterschiede.

Die Länder mit dem geringsten Fortschritt haben höhere Korruption, geben größere Teile ihrer Wirtschaftsleistung für Militär und wenig für Forschung und Entwicklung aus, haben große Rückstände bei der Stromversorgung, den Telefonanschlüssen, der Internetinfrastruktur und dem Transportwesen. Dass sich dies in überschaubarer Zeit grundlegend verändert, ist kaum zu erwarten.

Die internationale Politik hat sich diesen Unterschieden angepasst. Die finanzielle Entwicklungshilfe spielt für die größten Volkswirtschaften sowie für die produktivitätsstarken und schnell wachsenden Länder nur noch eine geringe Rolle, was dem wirtschaftlichen Entwicklungsstand entspricht. Gleichwohl wird der Fortschritt alleine kaum ausreichen, um Flüchtlingsbewegungen aus afrikanischen Ländern nach Deutschland oder Europa zu begrenzen. Ein Vergleich der Herkunftsländer von Asylbewerbern und der Ländergruppen zeigt, dass über die Hälfte der 2015 und 2016 in Deutschland angekommenen afrikanischen Asylbewerber aus besonders armen und langsam wachsenden Ländern kam. Hier ist mit einer grundlegenden Veränderung der Lebenssituation in absehbarer Zeit nicht zu rechnen, sodass armutsbedingte Wanderungsgründe weiterhin bedeutsam bleiben werden.

Größere Möglichkeiten, die Fluchtursachen zu bekämpfen, liegen in produktivitätsstarken und wachsenden Ländern. Dabei sind die Fluchtursachen oftmals aber nicht allein wirtschaftlicher Natur. So ist Nigeria das Land mit den meisten Asylbewerbern, die aus Afrika nach Europa kamen. Hier und in anderen Ländern sind Sicherheitsfragen wie Terrorismus, Krieg und Bürgerkrieg eine wesentliche Motivation; auch Korruption ist ein wichtiger Migrationsgrund – und gleichzeitig ein Hemmnis für Wachstum und Wohlstand.