Rund 3,2 Millionen Beschäftigte in Deutschland haben laut Bundesagentur für Arbeit mindestens zwei Jobs. Damit ist die Zahl der Mehrfachbeschäftigten in den vergangenen zehn Jahren um etwa eine Million gestiegen. Im Vergleich zum Jahr 2003 hat sie sich sogar mehr als verdoppelt.

Das Motiv für einen Zweitjob scheint auf den ersten Blick klar zu sein: Einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge verdienen Mehrfachbeschäftigte in ihrem Hauptjob durchschnittlich etwa 570 Euro weniger als Erwerbstätige ohne Nebenjob. Doch ist der Grund nicht nur bei der Entlohnung zu suchen, sondern auch bei unterschiedlichen Arbeitszeiten: Nur etwa die Hälfte der Nebenjobber arbeitet im Hauptjob Vollzeit. Unter Einfachbeschäftigten liegt der Anteil bei 64 Prozent.

Zudem liefern andere Quellen durchaus abweichende Ergebnisse – etwa das Sozio-oekonomische Panel, auf dessen Basis das Institut der deutschen Wirtschaft die Zweitjobber unter die Lupe genommen hat: Danach verdienten Vollzeitbeschäftigte mit Nebenjob im Jahr 2015 mit ihrer Haupttätigkeit durchschnittlich sogar geringfügig mehr als jene ohne Nebenjob. Noch bedeutsamer ist der Unterschied beim Armutsrisiko: Während 5,3 Prozent der Vollzeitbeschäftigten ohne Zweitjob als armutsgefährdet gelten, beträgt der Anteil bei den Nebenjobbern nur 2,8 Prozent.

Das dürfte auch daran liegen, dass Erwerbstätige mit Nebenberuf im Durchschnitt einen höheren Bildungsgrad haben: Rund jeder dritte Nebenjobber hat einen Hochschulabschluss – bei anderen Vollzeitbeschäftigten ist es nur gut jeder Vierte. Dass Nebenjobs auch für Fachkräfte mit ordentlichem Einkommen attraktiv sind, liegt insbesondere an den Hartz-Reformen von 2003: Demnach dürfen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte – das sind rund vier Fünftel der Zweitjobber – nebenbei bis zu 450 Euro hinzuverdienen, ohne zusätzliche Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen.

Darüber hinaus bleibt der Nebenverdienst steuerfrei, wenn der Arbeitgeber einen Pauschalbeitrag entrichtet. Zum Vergleich: Im Hauptjob blieben einem alleinstehenden Durchschnittsverdiener mit 3500 Euro brutto von einer Lohnerhöhung um 450 Euro nur rund 220 Euro übrig.

Ein weiterer Grund für die stark gestiegene Zahl der Zweitjobs ist die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt: Mehr verfügbare Stellen bringen auch mehr Möglichkeiten für Nebenjobber. Zudem verbessert sich angesichts des großen Bedarfs an Fachkräften die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer. Die These, dass vor allem die gute Arbeitsmarktlage für den Anstieg der Nebenjobs verantwortlich ist, wird auch durch eine regionale Betrachtung gestützt: In den ostdeutschen Bundesländern haben gerade einmal 4,1 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen zusätzlichen Minijob. In Westdeutschland, wo der Durchschnittslohn nach wie vor deutlich höher ist, sind es dagegen 9,2 Prozent.

Natürlich befinden sich unter den Nebenjobbern auch Geringverdiener, die nur durch ihren Zweitjob ein ausreichendes Einkommen erzielen. Das dürfte insbesondere Personen betreffen, die unfreiwillig in Teilzeit arbeiten. Den enormen Anstieg der Nebenjobs erklärt das aber nicht: Ob jemand mehrere Jobs hat, hängt meist stärker von für ihn passenden Stellenangeboten ab als davon, wie dringend er auf einen Nebenverdienst angewiesen ist. Dass sich dieses Angebot verbessert hat, spricht für den deutschen Arbeitsmarkt.

Auch wenn die Zunahme von Nebenjobs zunächst einmal kein Problem darstellt – ihre steuerliche Begünstigung ist wirtschaftspolitisch fragwürdig. Wenn zum Beispiel ein Facharbeiter in der Industrie früher Feierabend macht, um im Nebenjob Pizza auszuliefern, dann schadet das der Wirtschaft. Denn er setzt seine Arbeitskraft nicht da ein, wo sie am produktivsten ist. Die Politik sollte deshalb die Regeln zur geringfügigen Beschäftigung, die 2003 unter schwierigen Arbeitsmarktbedingungen beschlossen wurden, noch einmal überarbeiten. Eine generelle Entlastung der Arbeitnehmer wäre deutlich besser als die vollständige steuerliche Befreiung geringfügiger Zweitjobs.