Die Frage nach den Zielen des Bildungs- und Qualifizierungsprozesses in einer Volkswirtschaft ist nach wie vor nicht spannungsfrei, insbesondere wenn es um das Verhältnis von Bildung und Arbeitsmarktverwertbarkeit geht. Während aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive der Zusammenhang zwischen Bildung und Beschäftigungsfähigkeit bedeutsam ist, wird aus einer eher pädagogischen Perspektive gelegentlich bestritten, dass dies ein eigenständiges Ziel von Bildungsprozessen sein sollte. Unstrittig ist aber, dass Bildungspolitik ein ganzes Bündel Ziele verfolgt, zum Beispiel die Sicherung der Teilhabechancen, die Reduzierung der Bildungsarmut, die Erhöhung der durchschnittlichen Kompetenzen der Schüler, die Herstellung der Ausbildungsreife und Studierfähigkeit, die Sicherung der Arbeitskräftebasis der Unternehmen sowie der Technologie- und Wachstumsbasis einer Volkswirtschaft.

Zentraler gemeinsamer Anker für diese vielfältigen Ziele ist die Schaffung gerechter Startchancen. Fehlende Startchancengerechtigkeit kann sich auch ökonomisch gleich zweifach auswirken: Zum einen entscheidet Bildung über den Einkommens- und Wachstumspfad einer Volkswirtschaft. Zum anderen ist der Zugang zu Bildung maßgeblich für die Verteilung wirtschaftlichen Wohlstands. Der individuelle Aufstieg auf der Einkommensleiter hängt in hohem Maße vom erreichten Bildungsabschluss ab. Der Bildungsverlauf wiederum wird ganz früh grundgelegt.

Eine besondere Rolle bei der Herstellung von Beschäftigungsfähigkeit spielt in Deutschland das duale Berufsausbildungssystem. Mit dem Ineinanderwirken von Unternehmen als Lehr- und Lernort sowie von Berufsschulen und Kammern garantiert das berufliche Ausbildungssystem in Deutschland durch einheitliche Standards eine hohe Ausbildungsqualität und die Vergleichbarkeit der erworbenen Kompetenzen und Zertifikate, die zu hohen Bildungsrenditen der beruflichen Qualifikationen beitragen. Überdies leistet es auch einen eigenen Beitrag zur derzeit guten Arbeitsmarktsituation, denn neben der Rückgewinnung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit durch eine realistische Lohnpolitik und den Reformen im Zuge der Agenda 2010 ist auch die sektorale Wirtschaftsstruktur in Deutschland mit einem dazu komplementären Ausbildungs- und Qualifizierungssystem ein Erfolgsfaktor. Die Beschäftigungsstruktur ist viel stärker als in allen anderen Volkswirtschaften in Europa von industrieller Wertschöpfung geprägt, sei es direkt in den Wirtschaftszweigen des Verarbeitenden Gewerbes oder indirekt in den mit der Industrie verflochtenen vor- und nachgelagerten Branchen der unternehmensbezogenen Dienstleistungen.

Diese Verflechtung von Industrie und wirtschaftsnahen Dienstleistern macht den wesentlichen Kern des "Geschäftsmodells Deutschland" aus, das auch innerhalb Europas eine Besonderheit darstellt. Solche industriebasierten Geschäftsmodelle sind stärker als andere Formen der Arbeitsteilung abhängig von der Qualität und Verfügbarkeit von Arbeitskräften mit sogenannten MINT-Qualifikationen, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Insbesondere für die Produktion entlang der technologischen Grenze und für ein Geschäftsmodell mit einer starken Exportorientierung und komparativen Vorteilen in den Branchen der hochwertigen Technologien ist das technische Wissen der hochqualifizierten Fachkräfte im MINT-Bereich eine zentrale Basis.

Die Innovationskraft des Geschäftsmodells Deutschland ist also vergleichsweise stark abhängig von der Verfügbarkeit technischer Qualifikationen sowohl im beruflichen als auch im akademischen Bereich. In Branchen, in denen es relativ viele Akademiker mit MINT-Abschlüssen gibt, forschen die Unternehmen mehr, und sie bringen auch mehr Innovationen hervor. Die Verfügbarkeit solcher Fachkräfte ist vor allem in den Hochtechnologiebranchen von besonderer Bedeutung. Dazu gehören etwa EDV und Telekommunikation, die Elektroindustrie, der Fahrzeug- und Maschinenbau, die Chemie- und Pharmaindustrie und bestimmte Dienstleistungen.

Maßgeblich getragen wird die Innovationskraft Deutschlands aber nicht nur von den akademischen Fachkräften, sondern auch von den Stärken der beruflichen Bildung. Diese Erkenntnis ist bisher weniger verbreitet. Sie wird durch neuere Studien gestützt, wonach zur Bewältigung von Komplexität - vor allem in technischer Hinsicht - auch das berufliche Qualifizierungssystem einen zentralen Beitrag leistet. Hier führt gerade die berufliche Aus- und Weiterbildung dazu, dass die Mehrzahl der Beschäftigten in der Lage ist, mit technischen Unwägbarkeiten im betrieblichen Prozess umzugehen. Dies gilt in besonderem Maße für die Industrie 4.0, die mit steigenden Anforderungen an Berufsfelder im Umgang mit technologischen Veränderungen verbunden ist. Diese Fähigkeit stellt eine ganz besondere Ausprägung von beruflichem Arbeitsvermögen dar. Bezeichnenderweise rangieren die IT-Kernberufe, Techniker, Ingenieure und klassische Metallberufe an der Spitze des spezifischen Arbeitsvermögens, das für die Bewältigung technologischer Veränderungen und deren Umsetzung im Betrieb von größter Bedeutung ist.

Eine ausreichend breite technische Qualifikationsbasis durch Berufsausbildung, Weiterbildung und akademische Bildung trägt zur Innovationskraft bei und ist eine Voraussetzung für das Beherrschen von Veränderungsprozessen. Deutschland nimmt bei einem Vergleich der ökonomischen Komplexität seiner internationalen Verflechtung über Handelsströme eine vordere Position ein. Dazu tragen die insgesamt günstigen Bedingungen im deutschen Forschungs- und Innovationssystem maßgeblich bei. So konstatiert das Massachusetts Institute of Technology in den Vereinigten Staaten, dass das häufig mit schrittweisen statt mit radikalen Innovationen arbeitende deutsche Innovationssystem ein vorteilhaftes industrielles "Ökosystem" aufweise: Es zeichne sich durch ein dichtes Netzwerk aus industriellen Forschungszentren, Fraunhofer-Instituten, universitären Forschungskonsortien, technischen Agenturen, eine enge universitätsbasierte Industrieforschung sowie durch die Verfügbarkeit technisch qualifizierter Fachkräfte aus.

Daher sind Befunde über Engpässe an den Arbeitsmärkten bedeutsam für das deutsche Geschäfts- und Innovationsmodell. Die derzeitige Situation ist von schon längerfristig bestehenden Engpässen in den Berufsfeldern Mechatronik, Energie und Elektro sowie Maschinen- und Fahrzeugtechnik geprägt. Über alle Anforderungsniveaus (abgeschlossene Berufsausbildung, Fortbildungsabschluss, Hochschulabschluss) hinweg sind vor allem MINT-Berufe unter den dauerhaften Engpassberufen. Die meisten Engpassberufe setzen eine abgeschlossene Berufsausbildung voraus, acht der zehn Berufe mit den größten Engpässen sind Berufen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung zuzuordnen.

Bei der Sicherung der Qualifikationsbasis für das deutsche Geschäftsmodell sind die duale berufliche Bildung und die akademische Qualifizierung mithin unmittelbar komplementär zueinander. Wegen der Veränderungen im Bildungswahlverhalten junger Menschen zeichnet sich jedoch eine zunehmende Defensive für die berufliche Bildung ab, die sich am besten an zwei Zahlen verdeutlichen lässt: Im vergangenen Jahr haben rund 520000 junge Menschen eine betriebliche Ausbildung begonnen, während sich 507000 für ein Studium entschieden haben. Damit lagen die Zahlen fast gleichauf, während das Verhältnis noch vor weniger als zehn Jahren fast zwei zu eins betrug.

Vor diesem Hintergrund ist in Deutschland eine Debatte um eine vermeintliche "Überakademisierung" entbrannt. Zwar ist vor fünf Jahren mit dem Deutschen Qualifikationsrahmen die grundsätzliche Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Abschlüsse verankert worden. Doch mit dieser formalen Anerkennung der Gleichwertigkeit ist das Problem der Verschiebung im Bildungswahlverhalten junger Menschen von der beruflich-dualen zur akademischen Bildung nicht gelöst. Erstens stellen Bildungsabschlüsse und Zertifikate weiterhin ein Unterscheidungsmerkmal für Schulabgänger und ihre Eltern dar. Zweitens werden Bildungsentscheidungen maßgeblich von finanziellen Aspekten geprägt, einerseits den Kosten der Ausbildung, andererseits ihren Erträgen. Drittens ist das betriebliche Nachfrageverhalten elementar vom Bedürfnis nach bestmöglichen Qualifikationen, Praxisbezug und Passgenauigkeit geprägt.

Erfreulicherweise hat sich der Ordnungsrahmen für Bildungswahlentscheidungen in den vergangenen zehn Jahren stark verändert. Die früher beklagte Versäulung des deutschen Bildungssystems verliert an Bedeutung. Dahinter steht eine ganze Reihe institutioneller Veränderungen mit dem Ziel, die Durchlässigkeit des Bildungssystems zu erhöhen. In deren Zuge hat es schon erhebliche Verbesserungen beim Ziel der Höherqualifizierung gegeben. Die drei wichtigsten Wege zu mehr Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung sind: duale Studiengänge, der Ausbau der Aufstiegsfortbildung und die Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte.

  • Duale Studiengänge: Mit den Berufsakademien in Baden-Württemberg begann die Entwicklung eines Prototyps dessen, was heute als Erfolgsmodell für die Ausdifferenzierung der beruflichen Qualifizierung und der Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung steht. Duale Studiengänge sind ein stark expansives Modell einer passgenauen Qualifizierung. Die Mehrheit der dual Studierenden hat eine Übernahmevereinbarung mit dem abstellenden Betrieb. Knapp 40 Prozent von ihnen wollen nach dem Bachelor weiterstudieren, fast 60 Prozent davon planen, dieses Masterstudium berufsbegleitend durchzuführen. Die Zufriedenheit mit den betrieblichen Studienbedingungen ist hoch. Die berufsintegrierenden wie auch die praxisintegrierenden Formen eines dualen Studiums stellen einen Prototyp für die Entstehung eines neuen, gleichsam hybriden Übergangssystems zwischen beruflicher und akademischer Qualifizierung dar.
  • Aufstiegsfortbildung: Gerade im Bereich von Technikern, Fachwirten oder Meistern können wichtige Abschlüsse durch eine Aufstiegsfortbildung erreicht werden. Um an solch einer Fortbildung teilzunehmen, sind eine abgeschlossene duale Berufsausbildung sowie Berufserfahrung erforderlich. 2014 haben 172000 Frauen und Männer eine Aufstiegsfortbildung begonnen, die eine Alternative zu einem Hochschulstudium ist. Der Erwerb eines solchen Fortbildungsabschlusses ist ein Karriereschritt, der sich auch im Einkommen widerspiegelt. Der Einkommensvergleich zwischen Absolventen einer Aufstiegsfortbildung und Akademikern zeigt nämlich, dass keine der beiden Gruppen durchweg einen Einkommensvorteil aufweist.
  • Hochschulöffnung für beruflich Qualifizierte: Seit dem Beschluss der Kultusminister von 2002 können sich beruflich Qualifizierte ihre Leistungen aus der Berufs- und Aufstiegsfortbildung auf ein Hochschulstudium anrechnen lassen. Seit 2009 gelten überdies Abschlüsse der beruflichen Aufstiegsfortbildungen als allgemeine Hochschulreife. Bewerber mit abgeschlossener Lehre und Berufspraxis können die fachgebundene Hochschulreife durch eine Eignungsprüfung erhalten. Bisher ist aber die Praxis der Anrechnung beruflicher Leistungen bundesweit noch sehr uneinheitlich geregelt. Die mit der Bologna-Reform geschaffene Möglichkeit eines flexiblen Wechsels zwischen Berufstätigkeit und akademischem Lernen wird auch deswegen noch wenig genutzt. Der Anteil der Studienanfänger mit einer beruflichen Qualifikation, aber ohne eine schulische Studienberechtigung, liegt mit 3,5 Prozent nach wie vor auf einem niedrigen Niveau.

Weitere Reformen sind daher nötig. Auf der Seite der Hochschulen hat unlängst der Wissenschaftsrat erfreulich klar Position bezogen. Er erachtet inzwischen für die Versorgung der Gesellschaft mit Fachkräften eine "funktionale Balance" zwischen beruflicher und akademischer Bildung als unverzichtbar. Den Hochschulen falle die Aufgabe zu, die drei zentralen Dimensionen akademischer Bildung - Wissenschaft, Persönlichkeitsbildung und Arbeitsmarktvorbereitung - angemessen zu berücksichtigen. Mit dieser Positionierung wird die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen zu einem zentralen Anliegen für die Hochschulen erklärt. Kriterien für Beschäftigungsfähigkeit sind neben fachlichen und methodischen auch soziale und kommunikative Kompetenzen sowie die Fähigkeit, vorhandenes Wissen auf neue Probleme anwenden zu können.

Gelingt den Hochschulen die Orientierung an der Beschäftigungsfähigkeit noch besser, werden sich die Sorgen vor einer Überakademisierung als gegenstandslos erweisen. Alle Kennziffern für die Akzeptanz von Abschlüssen deuten auf eine weiterhin sehr große Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes für alle Fachkräfte hin. Die Bildungspolitik sollte sich daher daran messen lassen, welche Priorität sie der Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung gibt. Ansetzen sollte die Politik dabei nicht erst an der Hochschule, sondern schon früh in der Bildungsbiographie. Grundbildung und Ausbildungsreife von Schulabsolventen sind durch frühkindliche Bildung, Berufsorientierung und die Förderung von MINT-Fächern zu stärken.

Neue Wege gilt es aber auch zu gehen, um die duale Ausbildung zu stärken. Dazu bedarf es der Qualitätssicherung in den Betrieben und guter Rahmenbedingungen in Form starker Berufsschulen als Partner der Betriebe. Auch braucht es neue Angebote an diejenigen, denen der Zugang zu einer beruflichen Bildung schwerfällt, um die noch immer zu hohe Zahl von Menschen ohne Berufsabschluss zu verringern. Die Anrechnung beruflicher Kompetenzen muss rasch auf eine ländereinheitliche Grundlage gestellt werden. Auch die umgekehrte Richtung einer Anrechnung von an Hochschulen erworbenen Lernleistungen auf eine berufliche Ausbildung ist auszubauen. Für die sich abzeichnende Digitalisierung von Berufsbildern sind Antworten sowohl für die Erstausbildung wie für die Weiterbildung zu finden. Schließlich sind auch die ersten zaghaften Konzepte für eine höhere Berufsbildung zu konkretisieren.

Alles in allem ist das deutsche Bildungssystem sehr viel durchlässiger geworden und daher auch im internationalen Vergleich leistungsfähiger als vielfach vermutet. Gerade das Ineinandergreifen von beruflicher und akademischer Bildung und Qualifizierung durch mehr Berufsbezug im Studium und durch bessere Verzahnung der beruflichen mit der akademischen Bildung erweist sich als eine praktische Antwort eines dezentral aufgestellten Bildungssystems auf technik-, globalisierungs- und generationenbedingt veränderte Bedarfslagen seitens der Bildungsteilnehmer wie auch der Abnehmer der Bildungsabsolventen. Gerade diese pragmatische Lernfähigkeit macht Mut für die Zukunft des deutschen Bildungs- und Qualifizierungssystems.