Menschen zu den Jobs - nicht umgekehrt Image
Quelle: Fotolia

Die Volkswirtschaften in der südlichen Peripherie des Euro-Raums befinden sich in einer dramatischen Anpassungskrise. Steuererhöhungen und Rentenkürzungen, Entlassungen im Öffentlichen Dienst und emporschnellende Arbeitslosenzahlen. Viele setzen angesichts dieser Lage auf ausländische Investitionen - nicht zuletzt aus Deutschland -, damit die Krisenländer neue Wachstumsimpulse erhalten. Realistischer scheint ein anderes Szenario: dass viele junge Menschen aus den "Club-Med-Ländern" ihrer Heimat den Rücken kehren und im Norden ihr Glück suchen.

Auch innerhalb Deutschlands ist die Wirtschaftskraft sehr unterschiedlich verteilt. Beispiel Saarland: Obwohl das erste neue Bundesland massiv vom Finanzausgleich profitiert, zählt es nach wie vor zu den Armenhäusern. Die Jungen haben längst die Konsequenz gezogen. Sie ziehen dorthin, wo sie sich bessere Lebensverhältnisse versprechen. Quer durch die Republik lässt sich dasselbe beobachten. Die wirtschaftlichen Zentren entfalten ungebremste Anziehungskraft. Die ländlichen Räume entvölkern sich stetig.

So ist es in der Wirtschaftsgeschichte immer gewesen. Die Jobs sind nicht dorthin gegangen, wo die Menschen waren. Sondern die Menschen sind dorthin gegangen, wo es Jobs gab. Natürlich gehen wie zu allen Zeiten am ehesten die gut Ausgebildeten und die Leistungsträger. Das bedeutet für die Heimatländer einen schwerwiegenden Verlust. Aber besser, als zu Hause dauerhaft in der Arbeitslosigkeit zu verharren oder sich dort unter (Bildungs-)Niveau verdingen zu müssen, ist der Fortzug in die Wachstumsregionen allemal.

Deutschland beispielsweise leidet schon heute in zahlreichen Berufen und in vielen Regionen unter akutem Fachkräftemangel. Nicht umsonst hat sich die Bundesregierung darauf verständigt, die Einkommensgrenzen für den Zuzug von Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Ländern deutlich zu senken. Vor diesem Hintergrund sind gut ausgebildete Spanier, Portugiesen und Griechen in deutschen Unternehmen hochwillkommen.

Für die deutsche Wirtschaft ist der Zuzug eine Chance, qualifikatorische Engpässe zu überwinden und ihre Position auf den internationalen Märkten nachhaltig zu stärken. Davon profitieren letztlich auch wieder die Herkunftsländer der Auswanderer. Seit Jahren ist Deutschland das Zentrum wirtschaftlicher Dynamik in Europa. Damit übt es einen unmittelbaren Sog auch auf die Peripherie aus.

Die Rolle Deutschlands als Wachstumslokomotive wird in den nächsten Jahren mehr denn je gefragt sein, wenn die derzeitigen Krisenländer wieder eigenständiges wirtschaftliches Wachstum erreichen wollen. Zudem ist nur ein wirtschaftlich starkes Deutschland in der Lage, den politischen Erwartungen gerecht zu werden, die man allerorten in Europa an uns stellt. Der Exodus von Fachkräften aus dem Süden nach Norden kann dabei nur helfen.

Artikel im Original
IconDownload | PDF

Ansprechpartner

The Future of Mercorsur: What’s at stake for the EU?
Veranstaltung, 16. Oktober 2017

Debate The Future of Mercorsur: What’s at stake for the EU?Arrow

The Cologne Institute for Economic Research (IW Köln) and the German Institute for International and Security Affairs – Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) are kindly inviting you to a jointly organised expert exchange on the on-going negotiations for a new trade agreement between the EU and Mercosur. mehr

11. Oktober 2017

Matthias Diermeier Wohlstand: Ohne die Hauptstadt meist geringerArrow

Berlin ist sexy, aber nach wie vor relativ arm – würde man die Hauptstadt und ihre Bewohner herausrechnen, wäre das deutsche Bruttoinlandsprodukt je Einwohner um 0,2 Prozent höher. Im übrigen Europa sieht das Bild jedoch ganz anders aus. mehr auf iwd.de

Gastbeitrag, 28. September 2017

Daniel Bendel und Markus Demary auf Focus Online Hebt die EZB die Zinsen an, bekommen 800.000 Unternehmen ProblemeArrow

Mit ihren niedrigen Zinsen hat die EZB vielen Unternehmen geholfen, die Krise zu überwinden - aber nicht allen. Würden die Zinsen steigen, hätten vor allem Firmen aus Italien, Griechenland und Frankreich ein Problem, schreiben die IW-Ökonomen Daniel Bendel und Markus Demary in einem Gastbeitrag auf Focus Online. mehr