Raues Klima an der Tariffront Image
Das Verhandlungsklima in Tarifverhandlungen ist rauer geworden. Quelle: Maridav Fotolia

Bis Mitte Juni sind schon etwa eine halbe Million Arbeitstage durch Streiks verloren gegangen. Das ist der höchste Wert seit 1993. Zwar kommen solche Streikwellen auch im friedliebenden Deutschland hin und wieder vor – zuletzt 2006 und 2007. Auffallend ist jedoch, dass in diesem Jahr gleich mehrere Großkonflikte für den Anstieg der Ausfalltage verantwortlich sind. In früheren Jahren war meist ein einzelner Konflikt dafür verantwortlich: 2006 gab es mehrwöchige Streiks im Öffentlichen Dienst, ein Jahr später bei der Deutschen Telekom. Diese Konflikte stehen für zwei Drittel bis drei Viertel der 2006 und 2007 durch Streiks verlorenen Ausfalltage. Im ersten Halbjahr 2015 gab es in gleich vier Branchen größere Streikwellen. Zu Jahresbeginn waren es die masssiven Warnstreiks in der Metall- und Elektro-Industrie sowie im Öffentlichen Dienst der Länder, im Frühjahr folgten die unbefristeten Streiks bei den Kitas und bei der Post. Die Dauerkonflikte der Lokführer und Piloten, die das Land seit Sommer 2014 mit insgesamt 20 Streiks überzogen haben, spielen statistisch gesehen nur eine Nebenrolle. Da immer nur vergleichsweise wenige Lokführer oder Piloten an einem Streik beteiligt waren und diese oft nur tageweise stattfanden, fielen im Vergleich zu den Massenstreiks großer Gewerkschaften nur wenige Arbeitstage aus.

Parallel zum Anstieg der Ausfalltage ist schon seit 2005 eine Verlagerung des Streikgeschehens in den Dienstleistungssektor zu beobachten. Während zwischen 1995 und 2004 rund neun von zehn Streiktagen das produzierende Gewerbe trafen, entfallen seit 2005 fast 80 Prozent aller Streiktage auf den Dienstleistungssektor. Wenn Busse und Züge nicht fahren oder Kindergärten geschlossen bleiben, wird das Öffentliche Leben viel stärker beeinflusst als bei einem Streik in der Automobilindustrie.

Wir spüren Arbeitskämpfe heute demnach mehr als vor zwanzig Jahren. Ein Blick auf zwei Gründe der Konflikthäufung lässt befürchten, dass wir uns künftig auf mehr Arbeitskämpfe einstellen müssen. Erstens lässt sich beobachten, dass das Verhandlungsklima in Tarifverhandlungen zuletzt rauer geworden ist. Die Arbeitgeber haben sich angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage lange darauf verlassen können, dass die Gewerkschaften eine besonnene Tarifpolitik verfolgen. Nun hat sich der Arbeitsmarkt aber gedreht. Es gibt immer mehr Firmen, die Personal suchen. Damit steigen aber auch die Ansprüche der Gewerkschaften. Zweitens hat die große Dienstleistungsgewerkschaft Verdi den Streik als ein Instrument entdeckt, mit dem sie Mitglieder gewinnen will. Frei nach der Parole „Kein Tag ohne Streik“ gehen inzwischen drei Viertel aller Streiktage auf das Konto dieser Gewerkschaft.

Ansprechpartner

IW-Report
IW-Report, 22. Mai 2017

Hagen Lesch Mindestlohn und TarifgeschehenArrow

Seit Anfang 2015 gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn. Um die Auswirkungen auf das Tarifgeschehen zu untersuchen, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln Experten aus acht Branchen befragt, die unmittelbar vom Mindestlohn betroffen sind. mehr

IW-Pressemitteilung, 22. Mai 2017

Hagen Lesch Branchenbefragung: Mindestlohn statt TariflohnArrow

Der Mindestlohn hat die Tarifverhandlungen komplizierter gemacht und manchen Tariflohn verdrängt. Wie eine Befragung von acht Branchenverbänden durch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt, sehen einige Verbände darin einen erheblichen Eingriff in die Tarifautonomie. mehr

Arbeitskämpfe – Streikzahlen normalisieren sich
IW-Nachricht, 2. Mai 2017

Arbeitskämpfe Streikzahlen normalisieren sichArrow

Nach der amtlichen Streikstatistik sind 2016 in Deutschland rund 235.000 Arbeitstage durch Arbeitskämpfe ausgefallen. Das ist zwar deutlich weniger als im Jahr zuvor, aber immerhin noch der dritthöchste Wert der vergangenen zehn Jahre. Nordrhein-Westfalen ist Streikland Nummer eins. mehr