Ende Oktober 2016 betrug die Arbeitskräftelücke im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) 212 000 Personen – 8,9 Prozent mehr als im Oktober des Vorjahres. Es sind somit gegenwärtig deutlich mehr Stellen zu besetzen als Personen arbeitslos gemeldet sind, die im MINT-Bereich arbeiten wollen. Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Erhebung keine gute Nachricht. In dieser wurden die Kompetenzen 15-jähriger Schülerinnen und Schüler in den Bereichen „Lesen“, „Mathematik“ und „Naturwissenschaften“ in 73 Ländern erhoben. In Deutschland konnten die Kompetenzen in Mathematik und den Naturwissenschaften im Gegensatz zu früheren Erhebungen nicht weiter gesteigert werden. Sie haben sich sogar leicht rückläufig entwickelt. Bedauerlich ist auch, dass der Anteil der Schülerinnen und Schüler in Deutschland, die nur über sehr geringe Kompetenzen in den Naturwissenschaften bzw. in Mathematik verfügen, jeweils bei 17 Prozent liegt. Jeder sechste Schüler ist somit als nicht ausbildungsreif zu bezeichnen. Für die Bundesländer existiert hier aufgrund der föderalen Ordnung im Bildungswesen ein Anreizproblem, für die nötige Ausbildungsreife bei den Schülern zu sorgen, da die Folgekosten der nachschulischen Qualifizierung in der Regel vom Bund, der Bundesagentur für Arbeit und den Unternehmen getragen werden müssen.

Bei der Interpretation der Pisa-Ergebnisse muss jedoch auch berücksichtigt werden, dass sich die Zusammensetzung der Schülerschaft in den vergangenen Jahren verändert hat und weiter verändern wird. Betrug der Anteil der Jugendlichen mit Zuwanderungshintergrund in der Pisa-Erhebung aus dem Jahr 2006 noch 20 Prozent, so waren es im Jahr 2015 schon 28 Prozent. Die Schülerschaft wird somit heterogener, da sich die Startvoraussetzungen der Kinder zu Schulbeginn stärker unterscheiden. Damit nehmen die Anforderungen bei der Gestaltung des Unterrichts zu. Kinder mit Zuwanderungshintergrund schneiden bei der Pisa-Untersuchung immer noch deutlich schlechter ab als Kinder ohne Zuwanderungshintergrund. Hier spielen die Sprachkenntnisse eine große Rolle. Daher sollten vor allem die Angebote zur Sprachförderung in Kindergärten und Schulen intensiviert werden, um dieKompetenzunterschiede zu verringern.

Gerade in den Naturwissenschaften lassen sich zudem auch deutliche Geschlechterunterschiede feststellen. Jungen weisen in diesen Fächern nicht nur höhere Kompetenzen auf als Mädchen, sie bewerten den Unterricht auch deutlich positiver. Sie haben deutlich mehr Freude am naturwissenschaftlichen Unterricht und sind damit auch motivierter, neue naturwissenschaftliche Inhalte zu lernen. So geben beispielsweise 65 Prozent der Jungen in Deutschland an, dass sie generell Spaß daran haben, naturwissenschaftliche Inhalte zu lernen, bei den Mädchen sagen dies nur 52 Prozent. Zwar gibt es diese geschlechtsspezifischen Unterschiede auch in anderen Ländern, aber nirgendwo sind sie so groß wie in Deutschland und Japan. Folglich können sich auch mehr Jungen vorstellen, später in einem naturwissenschaftlichen Beruf zu arbeiten.

Dies macht sich dann auch bei der Berufswahl bemerkbar. Der Anteil weiblicher MINT-Absolventen von Hochschulen an allen MINT-Absolventen ist immer noch vergleichsweise gering. Im Jahr 2015 betrug der Frauenanteil in den MIN-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften) 38,5 und in den T-Fächern (Ingenieurwissenschaften) nur 22,2 Prozent. Der Frauenanteil in den MINT-Ausbildungsberufen ist nochmals deutlich geringer.

Vor allem in den MINT-Ausbildungsberufen wird es in der Zukunft aber darauf ankommen, mehr junge Menschen für diese Berufe zu gewinnen und weitere Potenziale zu erschließen. Ansonsten nimmt die Fachkräftelücke weiter zu. Daher ist es wichtig, den Schulunterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern so zu gestalten, dass sich auch mehr Mädchen für diese Fächer begeistern und sich eine berufliche Karriere in einem MINT-Beruf vorstellen können.