Verkehrte Welt Image
Quelle: Fotolia

Die Krise ist vorbei, der Aufschwung bei uns läuft, und der Arbeitsmarkt reagiert früher als gewöhnlich. Da staunen selbst Ökonomen, die nicht mit einer lang anhaltenden Depression gerechnet haben. Der Fachkräftemangel in der Industrie erklärt einiges von der guten Lage am Arbeitsmarkt, aber nicht alles.

Jede Krise ist ein Robustheitstest für die volkswirtschaftlichen Strukturen und Trends eines Landes - die vergangenen wegen ihrer Härte erst recht. Wenn das stimmt, dann zeichnen sich mit den international unterschiedlichen Mustern der Erholung zugleich die Chancen der Staaten für eine längere Prosperität ab.

Vor der Finanz- und Wirtschaftskrise trieben zwei große Trends die weltwirtschaftliche Dynamik: die Aufholjagd der Schwellen- und Entwicklungsländer einerseits, der brachiale Entwicklungsschub der Finanzmärkte andererseits. Beides waren Facetten der Globalisierung: die räumliche Ausweitung der Arbeitsteilung hier, das Fortschreiten der Risikodiversifizierung dort. Natürlich waren beide Vorgänge miteinander verbunden. Globales Investieren schuf den Druck, das Risikomanagement weiterzuentwickeln.

Ich verstehe die große Krise als Finanzmarktkrise und nicht als globale Überinvestitionskrise. Das bedeutet zugleich eine asymmetrische Betroffenheit der beiden Globalisierungsformen. Tatsächlich hat sich die finanzielle Sphäre von der industriellen Welt durch den aufgeblähten Handel mit redundanten Instrumenten abgekoppelt. Die Finanzbranche ist, das haben die Stresstests deutlich gemacht, unverändert von den Anpassungs- und Konsolidierungsnöten infolge der Krise geprägt. Die Eigenkapitalausstattung der Banken ist keine theoretische Frage, der sich lediglich die Regulierer und Aufseher widmen müssen. Sie bestimmt direkt die Stabilitätsaussichten des Finanzsystems, und trotz aller Lichtblicke geht die Verbesserung noch nicht weit genug.

Die Verzerrungen in der internationalen Arbeitsteilung dagegen hielten sich offenbar in Grenzen. Anders ist die rasche Erholung des Welthandels kaum zu erklären. Zwar war der Einbruch hier ebenso tief und schmerzlich wie bei der Industrieproduktion, doch lagen die Ursachen dafür nicht in der Struktur der Arbeitsteilung selbst.

Es scheint, als könne die Industrie unberührt von den anhaltenden Schwächen des Finanzsektors einen eindrucksvollen Expansionskurs fahren. Eine verbesserte Eigenkapitalausstattung und die Erfahrung, den tiefen Absturz gemeistert zu haben, helfen ihr. Die Stärke der deutschen Industrie kontrastiert eindrucksvoll mit weit verbreiteter Skepsis, die in den vergangenen Jahren laut wurde. Die im angelsächsischen Raum gepflegte Bewertung als „Old Economy“ hat sich nun in ihr Gegenteil verkehrt.

Die unterschiedliche Entwicklung am Arbeitsmarkt bei uns und in den Vereinigten Staaten spricht dafür. Während in Deutschland selbst die großen Unternehmen wieder mehr einstellen als freisetzen, gilt in den USA das Gegenteil. Dort führen zweifelhafte Absatzperspektiven die Unternehmen dazu, das in der Krise durch Entlassungen erreichte Produktivitätsniveau zu halten.

Wie zu Beginn der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist wieder „beschäftigungsloses Wachstum“ (Jobless Growth) das Thema in den USA. Der Abbau von Arbeitsplätzen hat sich zwar verlangsamt, wie die wöchentlichen Meldungen der Arbeitslosenstatistik zeigen. Das Entstehen neuer Arbeitsplätze aber bleibt hinter dem in einer dynamischen Volkswirtschaft zurück. Die Frage nach dem passenden Geschäftsmodell richtet sich nun an Nordamerika, während die entsprechenden Stimmen bei uns weitgehend verstummt sind. Die Erfolge sind zu deutlich.

So stehen die deutschen Autohersteller, wie diese Woche zu hören war, vor allem im Premiumbereich vor einem Rekordabsatz und guten Gewinnaussichten. Vor knapp zwei Jahren schienen hier die Lichter auszugehen. Die Kritik war allfällig: falsche Modelle, unzureichende Innovationskraft. Man habe kurz gefasst die ökologischen Signale nicht erkannt. Doch keine andere Branche außer den Automobilisten hat selbst in der Krise die Investitionspläne hochgefahren. Nachhaltiger Erfolg ist nur noch möglich, wenn man die Effizienzwünsche der Kunden erkennt.

Die Sorge, dass der Aufschwung ausbleibt, hat sich zu der Sorge verändert, dass der Aufschwung nicht ökologisch, nicht grün genug wird. Doch der Rückblick auf die letzten vier Jahrzehnte macht eigentlich Hoffnung. Die Zeichen der Zeit in Form von Preissignalen sind immer erkannt worden. Chancen für gute Geschäfte mit mehr Effizienz und geringerem Ressourcenverbrauch wird sich ein guter Unternehmer auch jetzt nicht entgehen lassen. Dafür sind industrielle Erfahrung und Erfolg entscheidend. Das dürfte die deutsche Wirtschaft auf absehbare Zeit tragen.

IWF-Kritik: Suche nach einer Geschichte
Gastbeitrag, 19. Juni 2017

Michael Hüther im Wirtschaftsdienst IWF-Kritik: Suche nach einer GeschichteArrow

Folgt man der Berichterstattung, dann muss man den Eindruck gewinnen, der Internationale Währungsfonds (IWF) habe sich in seinem Deutschland-Bericht (Artikel IV Konsultationen) vom Mai 2017 ausschließlich mit dem Leistungsbilanzüberschuss beschäftigt, um daraus die Empfehlung höherer staatlicher Kreditaufnahme abzuleiten. mehr

Deutsche Investitionen im Fokus der internationalen Politik
IW-Kurzbericht, 7. Juni 2017

Michael Grömling Deutsche Investitionen im Fokus der internationalen PolitikArrow

Die hohen deutschen Leistungsbilanzüberschüsse werden heftig kritisiert. Als Erklärung wird unter anderem eine zu schwache Investitionstätigkeit in Deutschland angeführt. Dieser Zusammenhang ignoriert jedoch die Internationalisierung der Investitions- und Produktionsstandorte sowie intertemporale Spar- und Investitionsentscheidungen. mehr

IW-Briefing
IW-Briefing, 2. Juni 2017

Tobias Hentze / Jochen Pimpertz Kein Raum für expansive SozialpolitikArrow

Auch wenn der Staatshaushalt 2017 und 2018 in der Summe Überschüsse erzielt, weisen die Haushalte der Renten- und Krankenversicherungen Defizite auf. Spielräume für eine expansive Sozialversicherungspolitik bestehen deshalb nicht. mehr