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Flüchtlingsmigration muss in erster Linie als humanitäre Aufgabe verstanden werden. Foto: Samir Delic/iStock

Angesichts des demografischen Wandels ist Deutschland zunehmend auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen, insbesondere in den Engpassberufen der Industrie und des Gesundheitswesens. Erfreulicherweise leisten ausländische Arbeitskräfte und Zuwanderer bereits heute auf sämtlichen Qualifikationsniveaus – vom Kabelträger bis zum Ingenieur, vom Reiniger des OP-Bestecks bis zum Oberarzt – einen beachtlichen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Als Musterland für Zuwanderung aus Drittstaaten erweist sich Indien, das die zweitmeisten ausländischen Ingenieure und Informatiker hierzulande stellt. Ebenfalls profitiert Deutschland stark von polnischen Pflegekräften und von Ärzten aus der ganzen Welt.

Auch mit der aktuellen Flüchtlingsmigration werden gelegentlich große Hoffnungen verbunden, die demografischen Probleme am Arbeitsmarkt zu lösen. Ein Blick auf die Daten zeigt jedoch, dass Migration aus Afghanistan, Eritrea, Irak und Syrien im Vergleich zu anderen Herkunftsländern deutlich seltener auch in Beschäftigung mündet. Und von den wenigen, die einer Beschäftigung nachgehen, arbeiten die meisten in Helfertätigkeiten.

Etwas anders stellt sich die Situation in den Gesundheitsberufen dar. So ist die Beschäftigung von syrischen Ärzten zuletzt sehr stark gestiegen – mit dem Ergebnis, dass inzwischen jeder 20. ausländische Arzt hierzulande aus Syrien stammt. Syrische Ingenieure sind dagegen der Einzelfall. Während der Fahrzeug- und Maschinenbau oder die Elektrotechnik das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden, ist eine derartige Industrie in den Heimatländern der Flüchtlinge kaum existent. Und so verfügen auch die Flüchtlinge nur selten über industrienah verwertbare Qualifikationen. Auch ist ihr Bildungsstand nicht mit dem hiesigen Niveau zu vergleichen.

Unter dem Strich sollten Flüchtlings- und Arbeitsmigration nicht vermengt werden. Die aktuelle Flüchtlingsmigration muss in allererster Linie als humanitäre Aufgabe verstanden werden, aus der sich auch die gesellschaftliche Aufgabe ableitet, Mittel in die Qualifizierung und die Grundbildung der Betroffenen zu investieren. Ein Großteil der Flüchtlinge sind funktionale Analphabeten, zwei Drittel verfügen über keinerlei berufliche Bildung. Eine reguläre betriebliche Ausbildung für diese Personengruppe dürfte ohne eine mehrere Jahre in Anspruch nehmende Nachqualifizierung kaum möglich sein. Entsprechend wird die Flüchtlingsmigration eine arbeitsmarkt- und qualifikationsorientierte Zuwanderung auch künftig nicht ersetzen können. Um letztere zu stärken, benötigt Deutschland endlich ein transparentes und einfaches Einwanderungssystem, um Arbeitskräfte aus demografiestarken Drittstaaten zu gewinnen und dauerhaft hierzubehalten.

Ansprechpartner

IW-Nachricht, 18. Juli 2017

Oliver Koppel MINT: Fachkräfte verzweifelt gesuchtArrow

Egal ob Digitalisierung, Industrie 4.0 oder Elektromobilität – für die Umsetzung dieser neuen Trends benötigen Unternehmen in Deutschland technisch-naturwissenschaftliches Know-How. Das zeigt sich auch am Arbeitsmarkt: Noch nie waren in den sogenannten MINT-Berufen so viele offene Stellen zu besetzen. mehr

10. Juli 2017

Philipp Deschermeier Achtung, demografischer WandelArrow

Wahr ist, dass es Deutschland derzeit so gut geht wie schon lange nicht mehr: Die Beschäftigung liegt auf Rekordniveau, die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, die staatlichen Haushalte schreiben schwarze Zahlen und die Schulden sinken. Wahr ist aber auch: So wird es nicht bleiben. Die IW-Studie „Perspektive 2035“ zeigt, warum der demografische Wandel das Land vor große Herausforderungen stellt. mehr auf iwd.de

7. Juli 2017

Michael Grömling Arbeitskräftemangel bremst Wachstum aus Arrow

Wie wird sich die deutsche Wirtschaftsleistung im demografischen Wandel entwickeln? Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat dies bis ins Jahr 2035 vorausberechnet. Demnach wird die Produktivität zwar weiter steigen, doch die sinkende Zahl der Erwerbstätigen dämpft das Wachstum spürbar. mehr auf iwd.de