Die VI. Wissenschaftliche Tagung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln und des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung (MPIfG) widmete sich dem Thema Steuerungs- und Kontrollprobleme im Finanzsektor. Im ersten Vortrag thematisierten Detlef Fetchenhauer (Universität zu Köln) Dominik Enste (IW) das Dilemma zwischen Kontrolle und Vertrauen in der Finanzindustrie. Fetchenhauer betonte, insbesondere unklare Verantwortungsstrukturen und die Eigennützigkeit im Bankensektor machten Kontrollen des Finanzsektors notwendig. Aus einer verhaltensökonomischen Perspektive blickte Enste auf das Vertrauen, das Kunden und Staat den Banken heute entgegenbringen. Wollte man den Finanzsektor auf Unternehmensebene regulieren, seien hier gerade die Unternehmenskultur und die Konkurrenz im Bankensektor ausschlaggebend. Die Lösung bestünde daher auch darin, ethische Haltungen zu stärken und nicht nur Regeln zu schaffen. Ziel müsse es sein, die Interessen von Prinzipal und Agent anzugleichen. In seinem Koreferat reflektierte Benjamin Braun (MPIfG) die systematische Ebene des Vertrauensproblems. Er argumentierte, komplexe Finanzmarktstrukturen seien sowohl Ursache als auch Resultat des sinkenden Kundenvertrauens.

Im folgenden Vortrag ging Olivier Godechot (Max Planck Sciences Po Center on Coping with Instability in Market Societies, MaxPo) der Frage nach, ob Finanzialisierung verantwortlich für steigende Ungleichheit in OECD-Gesellschaften sei. Er unterstrich zum einen, dass die Prozesse der Vermarktlichung (marketization) und Verbriefung (securitization) zu einer tief greifenden Transformation des Finanzsektors geführt haben. Dies habe nicht nur einen zunehmenden Beitrag des Finanzsektors am Bruttoinlandsprodukt zur Folge, sondern auch finanzielle Aktivitäten realwirtschaftlicher Unternehmen. Zum anderen verdeutlichte er, dass das Wachstum des Finanzsektors die anwachsende Ungleichheit insbesondere in Einkommensspitzengruppen gestärkt habe. In ihrer Replik analysierte Judith Niehues (IW) Korrelationen zwischen Einkommensentwicklung von Spitzenverdienern und gesellschaftlicher Wohlstandverteilung sowie sektoraler Entwicklungen in der Finanzindustrie.

In seinem Vortrag zu Zeitregimen in Finanzmärkten befasste sich IW-Direktor Michael Hüther mit dem Realzins und diskutierte dessen makroökonomische und finanzwirtschaftliche Bedeutung. Der Realzins ermögliche es durch die Diskontierung zukünftiger Werte auf ihren Gegenwartswert, intertemporales Geschehen – die zeitlichen Entscheidungen über Konsum und Investition – anzuzeigen. Die Debatten um säkulare Stagnation (Larry Summers), demografischen Wandel und den Mangel an sicheren Anlagen in der Schuldenkrise ordnete Hüther in den Kontext der sinkenden Realzinsentwicklung ein und wog die Konsequenzen des Wandels der dominierenden Zeitpräferenz für Konsum und Investitionen gegeneinander ab. In seinem Koreferat ging Jens Beckert, Direktor am MPIfG, auf das sich wandelnde Konzept von Zukunft für das wirtschaftliche Geschehen in modernen kapitalistischen Gesellschaften ein. In der Diskussion wurde dann – im Lichte von demografischem Wandel und säkularer Stagnation – die Bedeutung des Staates in der Postwachstumsgesellschaft als möglicher Impulsgeber besprochen.

Zuletzt präsentierte Cornelia Woll (Siences Po) Aspekte der Finanzmarktregulierung nach 2008. Sie konstatierte, dass durch die strukturelle Position und das Ausnutzen von Machtunterschieden durch den Finanzsektor eine Abkopplung zwischen Regierung und Finanzindustrie stattgefunden habe. Sie zeigte, dass nach der Finanzkrise als Antwort darauf zwei Arten von Kontrollinstrumenten eingeführt wurden: Ex-ante-Informationsbeschaffung und Ex-post(Straf-)Verfolgung von Regelverletzungen (non-compliance) in der Industrie. In seinem Koreferat erläuterte Markus Demary (IW) die prinzipielle Bedeutung des Finanzsektors für wirtschaftliche Aktivität und diskutierte Aspekte möglicher Regulierung. Insbesondere Eigenkapitalanforderungen für Staatsanleihen seien geeignet, um Regierungen zu disziplinieren und um Finanzmärkte zu stabilisieren.

Im Anschluss an die Vorträge wurden die Bedeutung von Compliance-Regeln und Möglichkeiten, diese Regeln sowohl durch die Finanzindustrie als auch durch staatliche Institutionen durchzusetzen, kontrovers diskutiert. Die vielschichtigen Argumente verdeutlichten, dass ein interdisziplinärer Austausch einen wertvollen Beitrag zum besseren Verständnis der Problematik zwischen Kontrolle und Vertrauen leistet.

Programm

VI. Wissenschaftliche Tagung: Faire Finanzindustrie?

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Präsentationen

Prof. Dr. Dominik H. Enste, Leiter Kompetenzfeld Verhaltensökonomik und Wirtschaftsethik im Institut der deutschen Wirtschaft Köln sowie Geschäftsführer der IW Akademie GmbH und Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer, Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln: Finanzindustrie – Das Dilemma zwischen Kontrolle und Vertrauen

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Dr. Benjamin Braun, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung: Korreferat zum Vortrag "Finanzindustrie: Das Dilemma zwischen Kontrolle und Vertrauen" von Prof. Dr. Enste und Prof. Dr. Fetchenhauer

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Prof. Dr. Olivier Godechot, Co-Direktor Max Planck Sciences Po Center, Paris: Is Financialization Responsible for Rising Inequality? (Paper)

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Dr. Judith Niehues, Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten: Financialization and income inequality – the case of Germany

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Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln: Zeitregime in den Finanzmärkten? – Wirtschaftshistorische und ökonomische Anmerkungen

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Prof. Dr. Cornelia Woll, Co-Direktorin Max Planck Sciences Po Center, Paris: Die Finanzmarktregulierung nach 2008

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Prof. Dr. Markus Demary, Senior Economist im Bereich Geldpolitik und Finanzmarktökonomik: Die Finanzmarktregulierung nach 2008 - Zuviel Staat, zu wenig Markt?

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Ansprechpartner

Mit einer neuen Regionalpolitik gegen Armut
Veranstaltung, 5. Dezember 2016

Pressekonferenz Mit einer neuen Regionalpolitik gegen ArmutArrow

Wenn es um Armut in Deutschland geht, werden in der öffentlichen Diskussion nicht selten pauschale oder fehlerhafte Argumente genutzt. So gilt häufig der Osten Deutschlands als arm, der Westen hingegen eher als reich. Doch so einfach ist es nicht. mehr

Ungleichheit
IW-Nachricht, 28. November 2016

Ungleichheit Keine Gefahr für das WirtschaftswachstumArrow

Obwohl die Ungleichheit in Deutschland steigt, hat das keine negativen Konsequenzen für das Wirtschaftswachstum. Der Zusammenhang zwischen den beiden Variablen ist alles andere als eindeutig. Mögliche negative Effekte auf die wirtschaftliche Entwicklung sind eher in Entwicklungsländern und in Ländern mit einer extrem hohen Ungleichheit zu erwarten als in Deutschland. mehr

Europäische Bankenunion
IW-Nachricht, 8. November 2016

Europäische Bankenunion Noch viele BaustellenArrow

Die europäische Bankenunion soll den Euro krisenfest machen, denn die Währungsunion ist anfällig für einen Teufelskreis aus Banken- und Staatsschuldenkrise. In dieser Woche wurden deren Vertreterinnen vor der Eurogruppe in Brüssel angehört und es zeigt sich, dass noch viel zu tun ist. Dabei sollte die Reduzierung der Staatsschulden und der notleidenden Kredite in den Bankbilanzen höchste Priorität haben. mehr