Lohn- und Tarifpolitik

Lohn- und TarifpolitikDie meisten Felder der Wirtschaftspolitik sind Aufgabe des Staates. Eine Ausnahme bildet die Tarifpolitik: Über Löhne und Gehälter, Arbeitszeiten und weitere Arbeitsbedingungen entscheiden Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften im Rahmen der verfassungsrechtlich garantierten Tarifautonomie. In den Tarifverhandlungen wird oft heftig über das Ausmaß der Lohnzuwächse gestritten – im Extremfall kommt es zum Streik. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Tarifpartner die Löhne häufig stärker erhöht, als es der Produktivitätszuwachs erlaubt hätte. Erst in der jüngeren Vergangenheit betrieben sie eine maßvolle Tarifpolitik, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen wieder verbesserte und zu einem beispiellosen Beschäftigungsaufbau führte. Neu auftretende Spartengewerkschaften gefährden jedoch zunehmend die moderate Tarifpolitik, weil sie untereinander in scharfem Wettbewerb stehen und mit hohen Lohnabschlüssen um Mitglieder werben.

 

Die rückläufige Tarifbindung hat die Politik dazu veranlasst, in die Tarifautonomie einzugreifen und für immer mehr Branchen Mindestlöhne festzulegen. Diese sollen Geringqualifizierten ein auskömmliches Einkommen sichern. Doch die Rechnung geht nicht auf: Kann ein Arbeitnehmer den Mindestlohn nicht erwirtschaften, droht der Arbeitsplatz wegzufallen. Der Mindestlohn ist der falsche Weg, weil er in erster Linie die Arbeitsplätze Geringqualifizierter gefährdet – ausgerechnet jene Gruppe, die es aufgrund der Globalisierung und des technischen Fortschritts auf dem Arbeitsmarkt ohnehin schwer hat. Wenn das Arbeitseinkommen nicht ausreicht, um das soziokulturelle Existenzminimum zu sichern, sollte der Staat das Einkommen aufstocken.

 

zum Gewerkschaftsspiegel

Mehr zum Thema

1 2 3 4 5 ...
 
IW-Nachrichten
29. Dezember 2011
Niedriglöhne und Einfachjobs: Zwei Seiten einer Medaille
Der Niedriglohnsektor wächst, zum Teil auch in tarifgebundenen Bereichen. Allerdings war diese Entwicklung auch mit vielen neuen Jobs verbunden – vor allem Geringqualifizierte haben dadurch auf dem Arbeitsmarkt erstmals überhaupt eine Chance bekommen. Dies muss bei der Diskussion über Niedriglöhne mit berücksichtigt werden.
mehr
Kolumnen
22. November 2010
Hagen Lesch in der Süddeutschen Zeitung: Neue Konkurrenz
Das Bundesarbeitsgericht hat die Tarifeinheit aufgegeben. Hagen Lesch, Tarifexperte im Institut der deutschen Wirtschaft Köln, schreibt in der Süddeutschen Zeitung: Dies könnte die Löhne nach oben treiben.
mehr
iwd
Nr. 45 vom 10. November 2010
Lohnpolitik: Nachschlagsdebatten fehl am Platz
Auch im Aufschwung besteht kein Anlass, lohnpolitische Nachschlagsdebatten zu führen. Denn die Löhne sind inmitten der Krise kräftig gestiegen – und das, obwohl es in der Industrie einen Produktivitätseinbruch gab, der jetzt erst einmal wieder wettgemacht werden muss. Im weniger von der Wirtschaftskrise getroffenen Dienstleistungssektor ist der Spielraum für die Tarifpartner derzeit größer.
mehr
Interviews
8. Oktober 2010
Hagen Lesch in der Märkischen Allgemeinen Zeitung: Es gibt keinen Nachholbedarf
Hagen Lesch sieht keinen Nachholbedarf bei den Löhnen. Der Tarifexperte im Institut der deutschen Wirtschaft Köln verweist in der MAZ darauf, dass die Löhne in der Krise eigentlich hätten sinken müssen.
mehr
IW-Nachrichten
7. Oktober 2010
Lohnpolitik: Ein schlechter Rat
Der Bundeswirtschaftsminister will offenbar seine Popularitätswerte steigern. Die Devise dazu lautet: Wenn schon die Regierung kein Geld für Steuersenkungen hat, dann sollen die Beschäftigten zumindest ordentliche Lohnerhöhungen bekommen. Der Stahlabschluss mit einem Lohnplus von 3,6 Prozent wird als Vorbild für andere Branchen ins Gespräch gebracht. Spätestens bei den Tarifverhandlungen für den Öffentlichen Dienst wird den Regierenden Brüderles Forderung um die Ohren fliegen.
mehr
1 2 3 4 5 ...
Ansprechpartner
Dr. Hagen Lesch
Telefon:
0
221 4981-778
zum Profil
11.3.2011, Bilderstrecke zu Spartengewerkschaften
Interaktive Grafik: Mindestlöhne in Europa und USA

Mindestlöhne

19.1.2012, Ist Deutschland lohnmagersüchtig?