Seit der großen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2009 haben sich die Regionen in Deutschland unterschiedlich entwickelt. Die Gründe für die divergierende regionale Entwicklung liegen in der Innovationsaktivität, der Internationalisierung und der Vernetzung der Regionen. Auf Basis des IW-Regionalrankings 2016 weisen die Automobilstandorte Wolfsburg, Dingolfing-Landau und Ingolstadt die beste Dynamik auf. Diese Regionen haben zugleich auch ein hohes Leistungsniveau. Das IW-Regionalranking, das Niveau und Entwicklung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit berücksichtigt, kann wichtige Informationen für die regional unterschiedlichen Stärken liefern, um mit besonderen Herausforderungen zurechtzukommen, zum Beispiel mit der Flüchtlingsintegration.

Regionen vor großen Herausforderungen

Seit der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise 2009 haben sich viele Regionen Deutschlands positiv entwickelt. Die Arbeitslosenquote sank in den letzten sieben Jahren um 1,7 Prozentpunkte auf 6,4 Prozent – den niedrigsten Wert seit über 20 Jahren (BA, 2016a). In weiten Teilen Bayerns und Baden-Württembergs, im Westen von Rheinland-Pfalz oder im Südwesten Niedersachsens wird mit Arbeitslosenquoten von unter 4 Prozent nahezu Vollbeschäftigung erreicht.

Dabei zeigen besonders die Regionen Resilienz, die eine hohe Dichte an innovativen, international agierenden und in Innovationsnetzwerken eingebundenen Unternehmen aufweisen. Wissensintensive Industrie- und Dienstleistungsbranchen haben in den letzten sieben Jahren mit einem Plus von insgesamt 
12,7 Prozent rund doppelt so stark zum Beschäftigungswachstum beigetragen als nicht wissensintensive Bereiche mit 8,7 Prozent (BA, 2016b). Die Profiteure dieser Entwicklung stehen auch im Regionalranking ganz weit vorn. Sie gehören zu den leistungsfähigsten Regionen Deutschlands.

Gleichzeitig sehen sich derzeit viele Regionen Deutschlands vor großen Herausforderungen durch die Flüchtlingszuwanderung. Die Unterbringung und Integration wird an viele Regionen zumindest am Anfang hohe finanzielle Herausforderungen stellen. Zudem hängt die Integration in den Arbeitsmarkt von dessen Aufnahmefähigkeit ab. Diese beiden Faktoren – finanzielle Leistungsfähigkeit der Kommunen und eine geringe Arbeitslosigkeit – stehen in einem statistisch signifikanten Zusammenhang.

Drei Argumentationslinien werden vor diesem Hintergrund in dem vorliegenden Artikel aufgegriffen und verfolgt:

  • Innovationen und Netzwerke führen zum Erfolg. Studien belegen, dass innovative und in Wissensnetzwerke eingebundene Unternehmen erfolgreicher arbeiten als andere (IW Consult, 2012; Zimmermann, 2015). Die immer intensivere Arbeitsteilung im Rahmen des globalisierten Wettbewerbs und die damit einhergehende Spezialisierung bedürfen kontinuierlicher Innovationen und der Einbindung in Netzwerke. Die dafür erforderlichen hochqualifizierten Arbeitskräfte bevorzugen attraktive und dynamische Regionen.
  • Erfolg und finanzielle Leistungsfähigkeit sind in Deutschland regional heterogen verteilt. Deutschland als Flächenstaat besteht auf der einen Seite aus einer Vielzahl sehr erfolgreicher Regionen und auf der anderen Seite aus Regionen, die schon heute nur mit einem begrenzten Handlungsspielraum agieren können. Das Regionalranking zeigt eindrücklich die große ökonomische Spannbreite, die interregional besteht.
  • Flüchtlinge bieten wirtschaftlich erfolgreichen Regionen Chancen. Unternehmen in wirtschaftlich erfolgreichen Regionen sehen sich bereits Fachkräfteengpässen ausgesetzt. Dabei werden nicht nur hochqualifizierte Akademiker, sondern auch Menschen mit beruflicher Bildung gesucht, die nicht sofort fließend Deutsch sprechen können, zum Beispiel LKW-Fahrer oder Bäcker (Bußmann, 2015). Gleichzeitig sind die erfolgreichen Regionen eher in der finanziellen Lage, die notwendigen Integrationsmaßnahmen zu schultern.

Der Fokus des diesjährigen Rankings zielt deshalb auf die aktuelle Flüchtlingszuwanderung. Durch die Zuwanderung ist mit Kosten von 55 Milliarden Euro zu rechnen (Hüther/Geis, 2016). Die Chancen, die sich daraus ergeben, hängen von einer zügigen Integration in den Arbeitsmarkt ab. Die Ergebnisse des Rankings dienen als erster Hinweis dafür, welche Regionen leichter Flüchtlinge integrieren können, weil die finanzielle Ausstattung und die Arbeitsmarktchancen besser ausfallen als in wirtschaftlich schwächeren Regionen (s. auch Geis/Orth, 2016).

Bedeutung des IW-Regionalrankings

Das IW-Regionalranking bietet eine aussagekräftige Basis für eine Reihe von wirtschaftspolitischen Entscheidungen (Bahrke/Kempermann, 2014):

  • Es werden Indikatoren ermittelt, die zum bisherigen Erfolg einer bestimmten Region maßgeblich beitragen. Damit lassen sich relevante Themenfelder adressieren und regionsspezifische Analysen durchführen. Indikatoren wie Gewerbesteuerhebesätze, Arbeitsplatzwanderungen, Gewerbesaldo oder die Anteile von Hochqualifizierten lassen sich von regionalen Akteuren beeinflussen. Bei den Arbeitsplatzwanderungen handelt es sich um die Salden der Altersgruppe der 25- bis 50-Jährigen, die ihren Arbeitsplatz wechseln. Der Gewerbesaldo ist die Differenz aus Gewerbean- und -abmeldungen.
  • Es können erfolgreiche Standorte ermittelt und deren Erfolgsfaktoren genauer bestimmt werden. Die Herausforderung besteht darin, die identifizierten Maßnahmen zu regionalisieren, also individuell auf das Profil einer Region zuzuschneiden.
  • Als weiteren Vorteil bietet das Ranking eine hohe Transparenz beim Vergleich der Regionen. Diese erhalten so die Möglichkeit, sich mit ihrem Umfeld oder mit ähnlichen Regionen zu messen. Durch den Benchmarkcharakter werden Handlungsnotwendigkeiten offensichtlich, die ohne solche Vergleiche nicht zu identifizieren wären.

Methodik des IW-Regionalrankings

Das IW-Regionalranking leistet durch seine tiefgreifende Datenanalyse einen wichtigen Beitrag zur Bewertung von Regionen. Diese können sowohl nach ihrem Niveau (Erfolgswert) als auch nach ihrer Dynamik (Entwicklung) beurteilt werden. Daran schließt sich die Beantwortung der Frage an, welche Maßnahmen zu positiven Veränderungen der Regionen geführt haben.

Die Analyse von Erfolg beruht dabei auf einer möglichst hohen Kaufkraft als Proxy für Wohlstand und auf einer möglichst geringen Arbeitslosigkeit als Proxy für Partizipation. Diese beiden Indikatoren werden auch in anderen Publikationen als Maßstab zur Identifizierung von Regionstypen verwendet (Schwengler/​​Bennewitz, 2013) und bilden gleichgewichtet den Erfolgsindex.

Durch multiple Regressionsmodelle wurde der Einfluss diverser ökonomischer Indikatoren auf diesen Erfolgsindex untersucht. Hierfür wurden zunächst 55 Einzelindikatoren ausgewählt, die strukturelle Faktoren der Regionen in verschiedenen Themenbereichen quantifizieren. Diese Einzelindikatoren wurden in einem weiteren Schritt in drei Cluster oder Themenbereiche unterteilt: Lebensqualität, Wirtschaftsstruktur und Arbeitsmarkt. Anschließend wurde für jedes Cluster untersucht, welche Indikatoren dieses Themenbereichs den Erfolgsindex signifikant erklären, und dementsprechend nicht signifikanten Indikatoren ein Gewicht von null zugeordnet.

Im Rahmen der Regression wurden 14 Indikatoren identifiziert, die einen signifikanten Einfluss auf den Index der beiden Zielvariablen haben (Tabelle 1). Von diesen entfallen vier auf den Themenbereich Wirtschaftsstruktur, drei auf den Bereich Arbeitsmarkt und sieben auf die Lebensqualität. Insgesamt haben diese 14 Indikatoren zusammen ein Bestimmtheitsmaß von 0,907. Der Erfolg einer Region, gemessen an einer geringen Arbeitslosenquote und hohen Kaufkraft, wird demnach maßgeblich von diesen Indikatoren bestimmt.

Die Themenbereiche wurden gemäß ihres Erklärungsgehalts für den Erfolgsindex gewichtet. Die Regressionsergebnisse induzieren, dass 49 Prozent des regionalen Erfolgs durch Faktoren der Lebensqualität bestimmt werden, weitere 35 Prozent durch die Wirtschaftsstruktur und 16 Prozent durch Faktoren des Arbeitsmarkts. Dies verdeutlicht, dass der ökonomische Erfolg nicht nur von der regionalen Wirtschaftsstruktur, sondern auch von der Wohn- und Lebensqualität bestimmt wird. Besonders Hochqualifizierte und andere stark nachgefragte Arbeitskräfte können ihren Arbeitsort mit Blick auf die Lebensqualität wählen.

Den einzelnen Indikatoren wurden nach ihrem Erklärungsgrad (Beta im Regressionsmodell) entsprechende Gewichte innerhalb ihres Clusters zugeordnet, die mit den Clustergewichten zu einem Gesamtgewicht verknüpft wurden. So wird sowohl der Bedeutung der Cluster als auch der Einzelindikatoren Rechnung getragen. Die auf Basis der Regressionsmodelle gewichteten Einzelindikatoren werden standardisiert, um sie in ein vergleichbares Zielsystem zu überführen.

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Folgende Einzelindikatoren haben die größte Bedeutung für das Regionalranking:

  • Die gemeindliche Steuerkraft, die Ergebnis wettbewerbsfähiger Unternehmen am Standort ist, hat im Bereich Wirtschaftsstruktur das größte Gewicht und geht mit 14,9 Prozent in den Gesamtindex ein.
  • Die private Überschuldung, gemessen am Anteil der überschuldeten Privatpersonen, ist der einflussreichste Faktor des Bereichs Lebensqualität und geht mit einem Gewicht von 13,3 Prozent negativ in das Regionalranking ein.
  • Die Beschäftigungsrate der Frauen fließt mit 8,2 Prozent als wichtigster Faktor des Bereichs Arbeitsmarkt in den Gesamtindex ein.
  • Die Regression ergab zudem, dass sich hohe Gewerbesteuersätze mit einem Gewicht von 7,6 Prozent negativ auf den Erfolg von Regionen auswirken.
  • Dagegen erhöht eine gute Ärzteversorgung die Lebensqualität und geht mit 7,3 Prozent als positiver Faktor in das Regionalranking ein.

Diese fünf Indikatoren bestimmen 51,4 Prozent des IW-Regionalrankings. Ihre Bedeutung für den Erfolgsindex ist dementsprechend hoch. Werden jedoch lediglich diese fünf Indikatoren als erklärende Variablen in einem Sensitivitätstest berücksichtigt, sinkt der Erklärungsgehalt des Modells gemessen anhand des korrigierten R² von 0,907 auf 0,740. Dies verdeutlicht, dass die zusätzlichen Indikatoren einen nicht zu vernachlässigenden Erklärungsbeitrag leisten. In der Konsequenz kann eine Vielzahl wirtschaftspolitischer Einflussfaktoren für das Setzen von Erfolgsimpulsen aufgezeigt werden.

Im Dynamikindex des IW-Regionalrankings werden die Entwicklungen der genannten Indikatoren für den Zeitraum 2009 bis zum aktuellen Rand, der größtenteils die Jahre 2014 und 2015 abdeckt, abgebildet. Allerdings bestehen je nach Verfügbarkeit der Daten kleinere Abweichungen. Der Ausgangspunkt 2009 wurde gewählt, weil er den Tiefpunkt der globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise markiert. Das Dynamikranking zeigt somit, wie sich die Regionen seit der Krise entwickelt haben.

Die Ergebnisse des Regionalrankings werden im Folgenden in einer Niveau- und einer Dynamikkarte grafisch dargestellt. Um regionale Unterschiede und gleichlaufende Effekte herauszustellen, werden die Standorte in fünf Bewertungsklassen eingeteilt. Die Schwellenwerte wurden anhand des jeweiligen Mittelwerts und der jeweiligen Standardabweichung der beiden Rankings ermittelt. Dadurch sind die Klassengrößen innerhalb als auch im Vergleich der beiden Rankings unterschiedlich groß:

  • Zu der erfolgreichsten Klasse gehören die Regionen, die eine Punktzahl von mindestens einer Standardabweichung über dem Mittelwert erzielen.
  • Der zweiterfolgreichsten Klasse werden die Regionen zugeordnet, die eine Punktzahl von mindestens einer halben Standardabweichung über dem Mittelwert erzielen.
  • Gleiches gilt für die beiden unterdurchschnittlichen Klassen.
  • In der durchschnittlichen Klasse sind die Regionen, die mit weniger als einer halben Standardabweichung über und unter dem Mittelwert liegen. Die durchschnittliche Klasse ist aufgrund der angewandten Methodik in beiden Rankings die am stärksten besetzte. Die Klassengrößen werden so gewählt, dass die Übersichten den Blick auf die Regionen lenken, die besonders stark vom Mittelwert abweichen. Im Niveauvergleich haben 141 von 402 Regionen ein durchschnittliches Ergebnis, im Dynamikvergleich sind es 165 Regionen.

Ergebnisse des Niveaurankings

Auf Basis der vorgestellten Methodik ist der Landkreis München die erfolgreichste Region Deutschlands (Abbildung 1). Dieser besetzt damit auch die Spitzenposition innerhalb der dominierenden deutschen Wirtschaftsregion München, zu der in den Top 10 auch die angrenzenden Landkreise Starnberg (Rang 2) und Ebersberg (Rang 7) und die Landeshauptstadt München (Rang 4) zählen. Der Landkreis München profitiert dabei von seiner absoluten Dominanz bei den Kennzahlen zur Wirtschaftsstruktur. Ausdruck dieser Stärke findet sich unter anderem in der Steuerkraft, die aus der hohen Leistungsfähigkeit und zugleich niedrigen Steuersätzen resultiert.

Unter den Top-Regionen Deutschlands ähnlich stark vertreten ist ansonsten nur noch die Wirtschaftsregion Frankfurt, wenngleich deren Ausstrahlungseffekte geringer sind. Mit dem Main-Taunus-Kreis, dem Hochtaunuskreis und der kreisfreien Stadt Frankfurt am Main befinden sich drei Vertreter in den Top 10. Die drei „Autostandorte“ Landkreis Dingolfing-Landau, Ingolstadt und Wolfsburg vervollständigen die Top 10.

Am unteren Ende der Rangliste zeigen sich ähnliche Konzentrationen. Allein fünf Städte aus dem Ruhrgebiet finden sich hier, von denen Duisburg und Gelsenkirchen die beiden letzten Plätze belegen. Mit den Städten Wilhelmshaven, Neumünster, Flensburg und Bremerhaven befinden sich vier Regionen aus Norddeutschland unter den zehn schwächsten Regionen. Mit der Stadt Dessau-Roßlau gehört nur noch eine Region aus Ostdeutschland dazu.

Ergebnisse des Dynamikrankings

Die Top 10 des Dynamikrankings fallen in ihrer räumlichen Konzentration heterogener aus (Abbildung 2). Sieger dieses Vergleichs, der die Entwicklung der Standorte seit dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise des Jahres 2009 abbildet, ist die Stadt Wolfsburg. Rang eins bei der Veränderung der Wirtschaftsstruktur und Rang zwei bei der Arbeitsmarktentwicklung (hinter Würzburg) zeugen von der enormen Dynamik, die Wolfsburg in den letzten Jahren genommen hat. Im Fahrwasser Wolfsburgs gelingt es auch dem benachbarten Landkreis Gifhorn (Rang 8), sich unter den dynamischsten deutschen Standorten einzureihen.

Auf den Rängen zwei und drei folgen mit dem Landkreis Dingolfing-Landau und Ingolstadt zwei Regionen, die wie Wolfsburg von einem einzelnen Unternehmen aus der Automobilindustrie geprägt sind. Bezüglich der regionalen Verteilung fällt auf, dass in den Top 10 nur Vertreter aus den Bundesländern Bayern und Niedersachsen vertreten sind.

Auf den letzten Rängen des Dynamikvergleichs finden sich mit Frankfurt (Oder) und Cottbus zwei brandenburgische Standorte. Beim Blick auf das Dynamikranking fällt auf, dass mit den Städten Duisburg, Wilhelmshaven, Gelsenkirchen, Neumünster, Oberhausen und Hamm sechs Städte vertreten sind, die auch beim Niveauvergleich zu den zehn schwächsten Regionen zählen. Die schwachen Regionen laufen demnach Gefahr, sich in einer Negativspirale abzukoppeln und den Anschluss zu verlieren.

Niveau und Dynamik im Vergleich

Eine Stärke des IW-Regionalrankings besteht in der Möglichkeit, Niveau und Dynamik einer Region simultan miteinander vergleichen und somit Gefahrenpotenziale erkennen zu können (Tabelle 2). In einer 2x2-Matrix werden die folgenden Kombinationen identifiziert:

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  • Outperformer: Hier ist der Rang sowohl beim Niveau als auch bei der Dynamik hoch. Als Beispiel kann der Bodenseekreis oder die Stadt Regensburg genannt werden. Insgesamt gehören hierzu 152 der 402 Regionen.
  • Aufsteiger: Diese Regionen fallen durch ein schwaches Niveau und eine starke Dynamik auf. Beispiele hierfür sind der Landkreis Wittmund in Ostfriesland und die Stadt Würzburg. Zu dieser Gruppe zählen 44 Regionen.
  • Absteiger: Hier liegt zwar ein starkes Niveau, aber zugleich auch eine relativ schwache Dynamik vor. Als Beispiele für die 48 Regionen können der Landkreis Ludwigsburg oder das oberfränkische Coburg dienen.
  • Underperformer: Diese Regionen schneiden beim Niveau und bei der Dynamik schwach ab. Beispiele hierfür sind die Städte Neumünster und Kaiserslautern. Mit 158 Regionen ist diese Gruppe am stärksten besetzt.

Die letzten beiden Gruppen benötigen eine erhöhte Aufmerksamkeit, da ihnen in den letzten Jahren im Vergleich mit den anderen Regionen wirtschaftliche Dynamik fehlte. Gerade bei den Absteigern besteht die Gefahr, sich zu lange auf den Erfolgen der Vergangenheit auszuruhen und die entscheidenden Weichenstellungen für eine erfolgreiche zukünftige Entwicklung zu verpassen.

Dagegen sind die 152 Outperformer sehr erfolgreich und können mit einem leistungsfähigen Arbeitsmarkt punkten. Diese Regionen weisen zum Großteil die wichtigsten Erfolgsmerkmale auf: Die Unternehmen vor Ort sind international wettbewerbsfähig und exportstark, hochinnovativ und vernetzt (Bahrke/Kempermann, 2014). Das IW-Regionalranking bietet somit insgesamt eine leistungsfähige Analysebasis, um erfolgreiche Projekte und Maßnahmen zu identifizieren. Es wird deutlich, wie auf der regionalen Ebene durch geeignete Maßnahmen der wirtschaftliche Erfolg und die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden können.

Integration schafft Chancen – das Beispiel Erlangen

Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen – zu denen die Integration von Flüchtlingen gehört – können die Ergebnisse des IW-Regionalrankings ebenfalls eine gute Ausgangsbasis bieten. Regionen, die sowohl beim Niveau- als auch beim Dynamikvergleich gut abschneiden, haben in der Regel auch eine solidere finanzielle Ausstattung, die erweiterte Handlungsspielräume ermöglicht. Die Outperformer können möglicherweise verstärkt integrative Maßnahmen anbieten und gleichzeitig in besonderem Maß von Flüchtlingen bei Fachkräfteengpässen profitieren. Es spricht viel dafür, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bei der Verteilung von Flüchtlingen zu berücksichtigen (Geis/Orth, 2016).

Die Ergebnisse des Niveauvergleichs zeigen, dass Erlangen neben München eine erfolgreiche Region Deutschlands ist. Erlangen belegt beim Niveauranking den Platz 26 unter den 402 Regionen. Beim Dynamikranking hält die Stadt den 
59. Platz. Der Erfolg des fränkischen Hightech-Standorts ist eng mit dem 
Siemens-Konzern verbunden, da zahlreiche Abteilungen hier ihren Sitz haben.

Die dynamische Entwicklung der gesamten Stadt, die auch stark den Erfolg des gesamten regionalen Umfelds prägt, ist aber auch auf eine umsichtige und strategische Kommunalpolitik zurückzuführen. Zu den Haupthandlungsfeldern der letzten Jahre zählen dabei die Themen Bildung und Integration. Hiermit setzen die Verantwortlichen ihre Schwerpunkte – mit der Aktivierung und Integration von Arbeitskräftereserven – in Feldern, die die zukünftige Entwicklung der Unternehmen maßgeblich beeinflussen. Gerade an wirtschaftsstarken Standorten wie Erlangen liegen in der Sicherung der Arbeitskräfteversorgung die größten zukünftigen Herausforderungen. Dabei bietet auch der momentane Zustrom an Flüchtlingen ein großes Potenzial, sofern es gelingt, diese durch geeignete Maßnahmen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

In Erlangen werden Maßnahmen in den Bereichen Bildung und Integration vorwiegend in Form von Kooperationsprojekten zwischen der Stadt, den Unternehmen, privaten Initiativen und Vereinen durchgeführt. Insgesamt führt die Vielzahl an Maßnahmen mit passgenauen Angeboten für die jeweilige Zielgruppe zu hohen Partizipationsraten und einem zweiten Platz im Teilbereich Arbeitsmarkt des Niveaurankings. Folgende Beispiele geben einen Einblick in den vielfältigen Maßnahmenmix:

  • Die „Deutsch-Offensive“ vernetzt die Träger von Sprachkursen über die Stadtteile hinweg. Ziel ist es, geeignete Maßnahmen zur Sicherung eines flächendeckenden Angebots zu entwickeln und Konzepte für Deutschkurse zu erstellen, die den verschiedenen Altersgruppen und den jeweiligen Lebensumständen gerecht werden. Besonders Frauen wird die Teilnahme durch das Angebot einer Kinderbetreuung während der Kurse ermöglicht, um sie in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt integrieren zu können.
  • Eine schnelle Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt wird durch ein Kooperationsprojekt der Stadt Erlangen mit Siemens aus dem Jahr 2015 forciert. Das Unternehmen stellt im Zuge der Kooperation zehn Praktikumsstellen für Flüchtlinge zur Verfügung, die durch die Stadt Erlangen vermittelt werden.
  • Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg stellt mit einem Angebot des Fördervereins zur Internationalisierung der Universität ebenfalls ein speziell auf die Integration von Flüchtlingen zugeschnittenes Projekt bereit. So werden Beratungsangebote und Sprachkurse für Flüchtlinge angeboten, die der Vorbereitung eines Studiums dienen sollen.
  • „Bildungspaten“ unterstützen Jugendliche bei der Berufsorientierung, Bewerbung, der Praktikums- und Ausbildungsplatzsuche und sie geben schulische Nachhilfe. Ziel dieser kompensatorischen Bildungsmaßnahme ist die bessere Eingliederung von Jugendlichen und Migranten in den Arbeitsmarkt.
  • Das Integrationsprogramm „Begleiter“ unterstützt Schüler während des Übergangs von der Schule in das Berufsleben. Mittels Förderunterricht und Bildungspatenschaften zielt die Stadt Erlangen mit dem Programm darauf ab, Jugendliche wirkungsvoll in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
  • Ähnlich verläuft das Projekt der „Familienpaten“, das von dem Netzwerk „Erlanger Bündnis für Familien“ geleitet wird. Hier stehen ehrenamtliche Mitglieder Familien bei der Kindererziehung oder anderen Angelegenheiten unterstützend zur Seite.
  • Eine weitere familienergänzende Maßnahme der Stadt Erlangen sind die „Lernstuben“ des Stadtjugendamtes. Die Kindertageseinrichtungen fördern Schüler und Schülerinnen von der ersten bis zur zehnten Klasse, die aus sozial und oft auch materiell benachteiligten Familien stammen.
  • Der vom städtischen Wirtschaftsreferat initiierte Verein Jugend, Arbeit, Zukunft (JAZ) führt eine Übergangsbegleitung von Schülern der Erlanger Mittelschule durch. Neben dem Übergangsmanagement dient der Verein, dessen Geschäftsstelle die Abteilung Wirtschaftsförderung und Arbeit der Stadt Erlangen innehält, als Schnittstelle zwischen Bewerbern und Ausbildungsbetrieben und unterstützt die Jugendlichen auf ihrem Weg ins Erwerbsleben.
  • Die „AzubiAkademie“, ein Kooperationsprojekt, das vom Bund der Selbständigen gegründet wurde, bietet kostenfreie Seminare an, in denen sich Auszubildende neben dem regulären Berufsschulunterricht zusätzliche Qualifikationen aneignen können. Unter dem Grundsatz des gegenseitigen Gebens und Nehmens bietet jedes an der „AzubiAkademie“ beteiligte Unternehmen ein Seminar an. Dadurch profitieren einerseits die Auszubildenden von der Weiterqualifizierung und andererseits die Unternehmen, die dadurch qualifizierte Arbeitskräfte erhalten. Im Landkreis Erlangen-Höchstadt ist das bayernweite Projekt 2015 in die dritte Durchführungsrunde gestartet.
  • Zur Verbesserung der Integration auf dem Arbeitsmarkt wurde durch die städtische Dienstleistungsgesellschaft GGFA (Gesellschaft zur Förderung der Arbeit AöR), die sich mit der Betreuung und Vermittlung von SGB-II-Empfängern befasst, ein umfangreicher Maßnahmenkatalog eingeführt. Die Maßnahmen umfassen, neben den für alle Antragsteller zugänglichen Unterstützungszentren Werkakademie und Bewerbungszentrum, auch zielgruppenorientierte Angebote für Jugendliche, Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende und Menschen mit Migrationshintergrund. Die GGFA wurde bereits im Jahr 1988 gegründet und leistet nach dem Prinzip „Fördern und Fordern“ einen entscheidenden Beitrag zur Integration von Langzeitarbeitslosen in den ersten Arbeitsmarkt. Die Stadt Erlangen war eine der ersten sogenannten Optionskommunen, die diesen Bereich nicht in überregionale Hände abgaben.

Erlangen hat eine gute wirtschaftliche Basis, um Integrationsleistungen anzubieten. Die Stadt ist aber auch ein Beispiel für Best Practices und sie zeigt, dass sich mit bürgerschaftlichem Engagement und einer guten Zusammenarbeit von Verwaltung und Unternehmen viele arbeitsmarktpolitische und integrative Maßnahmen ohne große Investitionsvolumina stemmen lassen.

IW-Trends

Michael Bahrke / Hanno Kempermann / Katharina Schmitt: Große Unterschiede in der Leistungsfähigkeit – Ergebnisse des IW-Regionalrankings 2016

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Literatur

BA – Bundesagentur für Arbeit, 2016a, Arbeitsmarkt nach Zahlen, Nürnberg

BA, 2016b, Beschäftigtenstatistik, Nürnberg

Bahrke, Michael / Kempermann, Hanno, 2014, Regionen im Wettbewerb – Ergebnisse des IW-Regionalrankings, in: IW-Trends, 41. Jg., Nr. 1, S. 17–32

Bußmann, Sebastian, 2015, Fachkräfteengpässe in Unternehmen: Der Ausbildungsmarkt für Engpassberufe, Gutachten für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Studie, Nr. 3, Köln

Geis, Wido / Orth, Anja Katrin, 2016, Flüchtlinge regional besser verteilen – Ausgangslage und Ansatzpunkte für einen neuen Verteilungsmechanismus, Gutachten für die Robert Bosch Stiftung, Köln

Hüther, Michael / Geis, Wido, 2016, Zu den gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der aktuellen Flüchtlingsmigration, Köln

IW Consult, 2012, Wertschöpfungsketten und Netzwerkstrukturen in der deutschen Industrie – welche Veränderungen sind zu erwarten?, im Auftrag der Verbände VCI, VDMA und WV Stahl, Köln

Schwengler, Barbara / Bennewitz, Emanuel, 2013, Arbeitsmarkt- und Einkommensindikatoren für die Neuabgrenzung des GRW-Regionalfördergebietes ab 2014, Gutachten im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" (GRW), Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, IAB-Forschungsbericht, Nr. 13, Nürnberg

Zimmermann, 2015, Was zeichnet langfristig erfolgreiche Unternehmen aus? KfW-Research, Fokus Volkswirtschaft, Nr. 113, Dezember, Frankfurt am Main

Ansprechpartner

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