Die Banken im Euroraum befinden sich immer noch in einem Prozess der Bilanzbereinigung. Auch wenn sich die Kreditvergabe aktuell wieder leicht positiv entwickelt, vergaben viele Banken trotz der Fortschritte bei der Rekapitalisierung lange Zeit nur zögerlich Kredite. Gleichzeitig bauten sie ihre Engagements bei Staatsanleihen weiter aus. Auswertungen des IW-Bankenmonitors belegen, dass die Banken in Erwartung auf den Stresstest der Europäischen Zentralbank Kredite abbauten, um ihre regulatorische Eigenkapitalquote zu erhöhen. Es zeigt sich, dass profitable Banken und einlagestarke Banken ihre Kreditvergabe besser aufrechterhalten konnten. Weitere Auswertungen belegen die Relevanz der Profitabilität von Banken hinsichtlich der Stabilität der Kreditvergabe, des Bestehens des Stresstests und der Rekapitalisierungsfortschritte. Wichtig für die Kreditversorgung der Realwirtschaft und die Finanzstabilität sind somit Rahmenbedingungen für die Banken, die ihre Profitabilität wiederherstellen.

Insolvenzrisiken von Banken und Staaten gesunken

Die Bilanzbereinigung der Banken im Euroraum schreitet voran. Dies verdeutlichen die Zahlen des IW-Bankenmonitors, einer Datenbank mit Finanzkennzahlen von großen und systemrelevanten Banken im Euroraum (Demary, 2014). Die Banken konnten ihre regulatorischen Eigenkapitalquoten (Tier-1-Quoten), die das Eigenkapital in Prozent der Risikoaktiva messen, verbessern. Am aktuellen Rand weisen die oberen 10 Prozent der Banken Tier-1-Quoten von über 18 Prozent aus, die unteren 10 Prozent hatten Eigenkapital von bis zu 8 Prozent ihrer Risikoaktiva. Der Median liegt bei 13,1 Prozent. Im Jahr 2008 lag er noch bei 8,4 Prozent, einem Wert, den aktuell nur noch die untersten 5 Prozent der Banken unterschreiten.

Die Entspannung der Banken- und Staatsschuldenkrise im Euroraum wurde in den letzten Monaten von Befürchtungen um einen Grexit, das heißt einem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euroraum, überdeckt. Gemessen an den Prämien auf Credit Default Swaps (CDS) für Bankanleihen und Staatsanleihen sind die Insolvenzrisiken von Banken und Staaten seit dem Beginn des umstrittenen Anleihenkaufprogramms Outright Monetary Transactions (OMT) der Europäischen Zentralbank (EZB) deutlich gesunken. Jedoch lässt sich hieraus nicht notwendigerweise schließen, dass der bisher beobachtete Teufelskreis aus Bankenkrise und Staatsschuldenkrise überwunden ist. Denn beide Indikatoren laufen immer noch im Gleichschritt (Abbildung 1) und statistische Tests finden eine statistisch signifikante Ko-Integrationsbeziehung, die auf eine gemeinsame Dynamik der CDS-Prämien von Banken und Staaten im Verhältnis eins zu eins hindeutet.

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Die parallele Dynamik der Insolvenzrisiken von Banken und Staaten ist auf die folgenden Ursachen zurückzuführen:

  • Steigende Insolvenzrisiken von Staaten führen zu einem Preisverfall bei Staatsanleihen. Dieser muss von den Banken als Bilanzverlust verbucht werden. Diesen Verlusten steht in der EU kein regulatorisches Eigenkapital gegenüber, denn die Bankenregulierung erlaubt es den Banken, Staatsanleihen der Euroländer zu 100 Prozent mit Fremdkapital zu erwerben. Anders als für andere Kreditnehmer besteht bei der Kreditvergabe an Staaten zudem keine Großkreditbeschränkung, die Konzentrationsrisiken vermeiden hilft. Somit bestimmen die Insolvenzrisiken der Staaten zu einem großen Teil die Insolvenzrisiken ihrer heimischen Banken.
  • Höhere Insolvenzrisiken bei Banken signalisieren den Marktteilnehmern, dass Rettungsaktionen der Staaten für ihre Banken wahrscheinlicher werden, wodurch die Insolvenzrisiken der Staaten steigen.

Eine Entkoppelung von Bankenrisiken und Staatsrisiken wurde bereits von der regulatorischen Seite her angegangen. Die EU-Bankenabwicklungsrichtlinie Bank Resolution and Restructuring Directive (BRRD) und die für die Bankenunion relevante Richtlinie über den gemeinsamen Abwicklungsmechanismus Single Resolution Mechanism Directive (SRMD) führen entsprechende Abwicklungsinstrumente ein, die eine Rettung mit Steuergeldern unwahrscheinlicher machen. Vermutlich ist ein Bail-in (Gläubigerbeteiligung) erst dann glaubwürdig durchführbar, wenn die Total Loss Absorbing Capacity (TLAC) für große Banken eingeführt ist. Diese schreibt den Banken vor, wie viel Verlustabsorptionskapital in Form von Eigenkapital und Fremdkapital, das sich im Insolvenzfall leicht in Eigenkapital umwandeln lässt, zu halten ist. Der aktuelle Vorschlag sieht Kapitalanforderungen von 16 bis 20 Prozent der Risikoaktiva und 6 Prozent der Bilanzsumme vor (FSB, 2014).

Als Präventionsmaßnahme ist es der EZB als oberste Bankenaufseherin innerhalb der Bankenunion möglich, den Banken weitere Engagements in Staatsanleihen zu untersagen, wenn die Gefahr eines Staatsbankrotts besteht. Dieses Instrument hat sie bereits in diesem Jahr bei den griechischen Banken angewendet und es hat zu einer Entkoppelung von Staatsrisiken und Bankenrisiken beigetragen. Die Insolvenzrisiken von Staaten sind zudem stärker in den Fokus der Bankenaufseher gerückt. Vonseiten des European Systemic Risk Board (ESRB) wurde empfohlen, eine Eigenkapitalunterlegung von Staatsanleihen gemessen an ihrem Ausfallrisiko einzuführen. Zudem schlug das ESRB eine Großkreditbeschränkung für Staatsanleihen vor (ESRB, 2015). Es ist aber wenig wahrscheinlich, dass diese Reformen von den Staaten umgesetzt werden, denn sie würden die Finanzierungskosten für die Staaten erheblich erhöhen.

Entschuldungsprozesse bremsen noch die Kreditaggregate

Zum einen belastet die Nachfragezurückhaltung der verschuldeten Akteure die Banken im Euroraum. Die hohe öffentliche und private Verschuldung und die damit einhergehenden Entschuldungsprozesse beeinträchtigen weiterhin die Banken. Besonders in Griechenland, Irland, Portugal und Spanien kam es in den letzten Jahren zu keiner nennenswerten Entschuldung, sodass die Schuldenstände von Unternehmen und Haushalten in den kommenden Jahren noch hoch sein werden. Dies bedeutet für die hoch verschuldeten Unternehmen und Haushalte nicht nur, dass die Kreditkosten für sie aufgrund ihrer hohen Insolvenzrisiken und den dadurch von den Banken verlangten Risikoaufschlägen hoch sind, sondern auch, dass sie mit Ablehnungen bei der Kreditbeantragung rechnen müssen. Die hohe Verschuldung von Unternehmen und Haushalten wird sich über diesen Kanal weiterhin auf die Dynamik der Kreditaggregate auswirken. Diese wird zum anderen aufgrund von immer noch hohen Beständen an notleidenden Krediten in den Bankbilanzen auch von der Angebotsseite her gebremst. Bei den im IW-Bankenmonitor erfassten Banken konnte kein Rückgang der notleidenden Kredite nachgewiesen werden. Diese sind stattdessen von 853,1 Milliarden Euro zum 31. Dezember 2012 auf 883,0 Milliarden Euro zum 31. Dezember 2013 und damit um 3,5 Prozent angestiegen.

Die Bilanzbereinigungsprozesse der Banken führen nicht in allen Segmenten zu einer schleppenden Entwicklung der Kreditaggregate. Die Banken im Euroraum haben zwar ihre Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte zurückgefahren (Abbildung 2). Die Kreditvergabe an Staaten – und vor allem an den heimischen Staat – wurde jedoch ausgeweitet. Dieser Home Bias führt zu hohen Konzentrationsrisiken in den Bankbilanzen und kann bei einer Verschlechterung der Solvenz eines Staates die heimischen Banken in die Krise ziehen. Die aktuellen Ereignisse in Griechenland und der dort beobachtbare Abfluss von Einlagen aus dem Bankensystem veranschaulichen diese Risiken. Eine Wiederbelebung der grenzüberschreitenden Kreditvergabe ist aus Sicht der Finanzstabilität geboten. Durch die Einführung einer Großkreditbeschränkung bei Staatsanleihen könnte dieser Home Bias deutlich reduziert werden.

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Einflussgrößen auf die Bankkreditvergabe

Um ein genaueres Bild von den Bilanzbereinigungsprozessen im Bankensektor zu bekommen, werden die Einflussfaktoren auf die Kreditvergabe der Banken auf Basis der Daten des IW-Bankenmonitors für fünf Zeiträume ermittelt:

  • Vor-Krise von 2000 bis 2007,
  • Globale Krise von 2007 bis 2009,
  • Eurokrise von 2009 bis 2011,
  • De-Leveraging von 2011 bis 2012 und
  • Pre-AQR als Zeitraum vor dem Asset Quality Review (AQR) der EZB. Dieser Zeitraum umspannt die Jahre von 2011 bis 2013.

Der Zeitraum vor dem AQR wurde zusätzlich zu dem allgemeinen De-Leveraging untersucht, da die bevorstehende Bilanzprüfung und der Stresstest den Banken weitere Anreize zur Bilanzbereinigung bot, die möglicherweise ein De-Leveraging verstärkten. Der Vorkrisenzeitraum ist für die Analyse relevant, da in diesem Zeitraum die Bankenregulierung weniger streng als heute und das Kreditwachstum vergleichsweise hoch war. Der Zeitraum der Globalen Krise nach der Insolvenz der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers sowie der Zeitraum der Banken- und Staatsschuldenkrise im Euroraum waren beide durch eine Verknappung des Kreditangebots gekennzeichnet. Der Zeitraum vor dem AQR ist zwar durch eine Kreditknappheit vor allem in Irland und Spanien, allerdings auch durch einen neuen Regulierungsrahmen und eine Anpassung der Banken an die Anfordernisse des Stresstests durch die EZB gekennzeichnet. Der Einfluss der beiden Langfristtender mit Vollzuteilung der EZB auf die Bankkreditvergabe spielt für die Analyse auf Einzelbankebene keine Rolle, da die Zentralbankliquidität keinen Engpassfaktor für die Banken darstellt. Dagegen ist die Möglichkeit der Aufnahme von Eigenkapital ein bedeutsamer Engpassfaktor für die Bankkreditvergabe.

Regressionsanalysen zu den Determinanten der Bankkreditvergabe finden sich in Tabelle 1. Eine Ausweitung der Kreditvergabe muss von den Banken mit zusätzlichem Eigenkapital und zusätzlichem Fremdkapital finanziert werden. Die Koeffizienten für das Fremdkapital sind für alle fünf Zeiträume positiv und statistisch signifikant auf einem Fehlerniveau von 1 Prozent. Der Koeffizient für das Eigenkapital ist für den Zeitpunkt der Eurokrise und die Zeit vor dem AQR nicht signifikant. Ein fehlender Zusammenhang zwischen der Ausweitung der Kreditvergabe und einer Ausweitung des Eigenkapitals kann aber auch darauf zurückzuführen sein, dass die Banken Eigenkapital aufgebaut haben, ohne ihre Kreditvergabe auszuweiten. Um einen solchen Effekt zu messen, wurde die Veränderung der Tier-1-Quote gegenüber ihrem Wert im Jahr 2008 als erklärende Variable verwendet. Denn die Banken können diese Quote nicht nur über die Erhöhung ihres Eigenkapitals steigern, sondern auch über den Abbau von Risikoaktiva. Für den Zeitraum 2011 bis 2012 ergibt sich ein negativer Koeffizient, der darauf hindeutet, dass eine Erhöhung der Tier-1-Quote tendenziell mit einem Rückgang der Kreditvergabe verbunden war.

Einen ebenfalls negativen Effekt auf die Kreditvergabe hat der Anteil der kurzfristigen Verschuldung einschließlich Repo-Kredite in Prozent der Bilanzsumme der Bank. Die Kreditvergabe bei Banken, die sich stärker über den Kapitalmarkt refinanzieren, ist also stärker zurückgegangen als bei den eher traditionellen Banken, die sich verstärkt über Kundeneinlagen finanzieren. Für die Zeiträume Vor-Krise, De-Leveraging und Pre-AQR ist die Variable negativ und statistisch signifikant. Während der beiden Krisen ist der Koeffizient nicht statistisch signifikant, da in dieser Zeit der Anspannung auch die einlagestarken Banken vergleichsweise zögerlich Kredite vergaben. Dies kann zum einen darauf zurückzuführen sein, dass sie während der Krisen die Bonität der Kreditnehmer als schlechter einstuften. Zum anderen kann es daran liegen, dass während der beiden Krisen weniger Kredite nachgefragt wurden.

Als statistisch hoch signifikant und positiv zeigt sich der Verlust der jeweiligen Bank im Jahr 2008. Es wird deutlich, wie lange sich die Verluste aus einer Bankenkrise auf die aktuelle Kreditvergabefähigkeit einer Bank auswirken können. Für profitablere Banken ist es hingegen einfacher, ihr Eigenkapital durch die Einbehaltung ihrer Gewinne zu erhöhen. Zudem können sie aufgrund ihrer geringeren Insolvenzrisiken einfacher Eigenkapital und Fremdkapital am Markt aufnehmen.

Die Regressionen aus Tabelle 1 erklären jedoch nur, durch welche Faktoren die Kreditvergabe der Banken eingeschränkt wird. Sie erklären nicht, warum Banken aktuell ihre Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte herunterfahren, aber gleichzeitig Staatsanleihen aufbauen. Tabelle 2 enthält hierzu die Paneldatenregressionen mit aggregierten Daten für die Länder des Euroraums. In diesen Regressionen wurden die Engagements der Banken in Staatsanleihen sowie ihre Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte untersucht. Der Einfluss von Eigenkapital und Reserven ist dabei positiv für die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte als auch für die Engagements der Banken in Staatsanleihen. Es zeigt sich, dass die Koeffizienten für die Kredite an Unternehmen und Haushalte annähernd gleich sind, während der Koeffizient für die Kreditvergabe an Staaten geringer ausfällt. Dieser Effekt kann darauf zurückzuführen sein, dass die Banken Engagements in Staatsanleihen nicht mit Eigenkapital unterlegen müssen, während sie dies für die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte müssen. Der Hypothekenzins hat für die Kredite an Unternehmen und Haushalte ein positives Vorzeichen und für die Staatsanleihen ein negatives. Da der Hypothekenzins mit dem Zins auf Unternehmenskredite korreliert, ist das Vorzeichen bei diesen beiden Kreditaggregaten positiv. Der positive Effekt beruht auf folgender Kausalitätsvermutung: Eine höhere Kreditnachfrage zieht einen höheren Zins und ein höheres Kreditvolumen nach sich. Für die Staatsanleihen stellt der Hypothekenzins Opportunitätskosten dar, worauf auch das negative Vorzeichen des Regressionskoeffizienten hindeutet. Sinken die Hypothekenzinsen und die Unternehmenszinsen, so werden die Banken tendenziell ihr Engagement in Staatsanleihen erhöhen und ihre Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte senken. Neben der regulatorischen Bevorzugung von Staatsanleihen gegenüber Krediten an Unternehmen und Haushalte trägt somit ebenfalls das Niedrig​zinsumfeld dazu bei, dass die Banken eher Kredite an Staaten als an Private Haus​hal​te und Unternehmen vergeben. Die niedrigen Zinsen auf Staatsanleihen schränken die Nachfrage der Banken nach diesen Schuldtiteln allerdings wenig ein, da Banken regulatorische Anreize bekommen, diese Titel zu halten. Dieser Effekt zeigt sich auch in der Teilstichprobe von Januar 2008 bis Januar 2015. Dieser Zeitraum ist durch eine hohe Nachfrage nach als sicher definierten Staatsanleihen gekennzeichnet.

Rekapitalisierungsfortschritte der Banken

Im IW-Bankenmonitor des letzten Jahres wurden bereits Rekapitalisierungsfortschritte der Banken sichtbar (Demary, 2014). Zwar konnten die Banken im folgenden Jahr weiter ihre Tier-1-Quoten verbessern. Die Leverage-Ratio, die nicht risikogewichtete Eigenkapitalquote, stieg im Median hingegen nur leicht von 4,8 Prozent auf 4,9 Prozent an und im unteren Dezil fiel sie von 1,4 Prozent auf​ 1,0 Pro​zent. Das European Systemic Risk Board (ESRB, 2014) kritisierte die Tier-1-Quote als nicht informativ für die Beurteilung der Solvenz von Banken. Sie begründeten dies damit, dass die Tier-1-Quote im Zeitablauf ihre positive Korrelation mit der Leverage Ratio verloren hatte und diese Korrelation sogar negativ wurde. Während in der Vorkrisenzeit (2000 bis 2010) eine hohe Tier-1-Quote mit einer geringen Verschuldung der Banken noch vereinbar war, deutete in den letzten Jahren eine hohe Tier-1-Quote tendenziell auf eine hohe Verschuldung einer Bank hin.

Im Zuge der Einführung von Basel III und der Credit Regulation Directive IV (CRD IV) wurden nicht nur die regulatorischen Eigenkapitalquoten für die Banken erhöht, sondern es fand auch eine neue Definition des Eigenkapitals statt. Hierdurch hat sich der Informationsgehalt für die Tier-1-Quote für die Insolvenzrisiken von Banken wieder erhöht. Dies spiegelt sich in den Daten des IW-Bankenmonitors wider (Abbildung 3). Während die Korrelation zwischen der Tier-1-Quote und der Leverage-Ratio im Jahr 2000 noch bei 0,64 lag, sank sie in den kommenden Jahren kontinuierlich bis auf –0,25 im Jahr 2010 ab. Dieser Effekt wurde auch vom ESRB in seinem Datensatz gefunden (ESRB, 2014). Nach dem Jahr 2010 stieg der Korrelationskoeffizient wieder an und ist aktuell leicht positiv, was aus den Daten des IW-Bankenmonitors ersichtlich ist. Dieser wiederkehrende positive Zusammenhang zwischen beiden Kennzahlen ist auch darauf zurückzuführen, dass die Banken nicht nur ihre Tier-1-Quoten durch einen Abbau von Risikoaktiva erhöht haben, sondern auch die Verschuldung abgebaut und Eigenkapital aufgebaut haben.

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Profitabilität relevant für Robustheit des Bankensystems

Auch wenn die Banken insgesamt recht gute Fortschritte bei ihrer Bilanzsanierung machten, so ergaben sich für einige Banken beim Comprehensive Assessment der EZB Kapitallücken. Tabelle 3 zeigt die Wahrscheinlichkeit für eine aufgedeckte Kapitallücke bei dem letzten Stresstest der EZB. Die abhängige Indikatorvariable nimmt in diesem Probit-Modell den Wert eins an, wenn eine Bank beim EZB-Stresstest eine positive Kapitallücke aufweist, und null, wenn dies nicht der Fall ist. Von den 90 untersuchten Banken sind 19 Banken mit Kapitallücken in der Stichprobe enthalten. Kapitallücken wurden vor allem bei den Banken in Zypern, Griechenland, Portugal, Spanien, Irland, aber auch bei Banken in Österreich, Belgien und Deutschland festgestellt (EZB, 2014, 10).

Das erste Regressionsmodell zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Kapitallücke positiv von dem Anteil der notleidenden Kredite in der Bilanz einer Bank und negativ von ihrer Profitabilität abhängt. Ein hoher Anteil notleidender Kredite und eine mangelnde Profitabilität deuten auf höhere Insolvenzrisiken hin. Sie erschweren es der betroffenen Bank, sich Eigenkapital am Markt zu beschaffen. Zudem können Abschreibungen auf das Eigenkapital aus der Vergangenheit zu einer Kapitallücke führen (Regression 2). Das dritte Regressionsmodell verdeutlicht einen positiven und statistisch signifikanten Effekt des Anteils an kurzfristiger Verschuldung während der Eurokrise. Ein solcher Effekt ist zu vermuten, da Banken, die sich stärker am Kapitalmarkt refinanzieren, während der Stressphase der Eurokrise eher in eine Schieflage geraten. Dieser Effekt verliert seine statistische Signifikanz, wenn die notleidenden Kredite zusätzlich in das Modell aufgenommen werden (Regression 4). Insgesamt deuten die Ergebnisse an, dass robuste Banken dringend auch profitabel sein müssen. Die Profitabilität einer Bank ist eine Grundvoraussetzung für geringe Insolvenzrisiken. Dieser Befund kann zum einen darauf zurückgeführt werden, dass profitable Banken Eigenkapital durch Gewinneinbehaltung aufbauen können. Zum anderen signalisieren sie dem Kapitalmarkt geringe Insolvenzrisiken, weshalb sie sich einfacher Kapital beschaffen können.

Einflussgrößen auf Robustheit und Profitabilität

Die bisher verwendeten erklärenden Variablen sind nicht vollkommen unabhängig voneinander. Beispielsweise kann eine profitable Bank leichter Eigenkapital aufbauen als eine weniger profitable Bank. Um der Korrelation der erklärenden Variablen untereinander Rechnung zu tragen, wurden deshalb noch weitere Regressionsanalysen mit den Bankdaten des IW-Bankenmonitors durchgeführt. Tabelle 4 enthält eine Analyse der Einflussgrößen auf die Gewinne der Banken. Es wird deutlich, dass profitablere Banken weniger notleidende Kredite in ihren Bilanzen aufweisen. Dies unterstützt noch einmal die Ergebnisse des vorherigen Abschnitts. Die positive Korrelation zwischen dem Wachstum des Eigenkapitals und der Profitabilität einer Bank spiegelt zudem wider, dass profitablere Banken leichter ihr Eigenkapital erhöhen können. Zudem zeigt sich, dass Banken mit höheren Tier-1-Quoten profitabler sind. Dieser Effekt kann zum einen darauf zurückgeführt werden, dass Banken mit höheren Tier-1-Quoten dem Markt eine geringere Insolvenzwahrscheinlichkeit signalisieren. Dies erlaubt es ihnen, günstiger Eigenkapital und Fremdkapital aufzunehmen. Zum anderen kann dieser Effekt darauf hindeuten, dass profitablere Banken leichter ihr Eigenkapital durch Gewinneinbehaltung erhöhen konnten. Schließlich konnten Banken mit den höheren Tier-1-Quoten auf riskantere und verlustreichere Geschäfte verzichten.

Tabelle 5 enthält die Einflussfaktoren auf die Höhe der Tier-1-Quote. Hier zeigt sich noch einmal die Bedeutung von Gewinnen für die Höhe des Eigenkapitals. Für die Zeiträume 2011 bis 2012 und 2011 bis 2013 findet sich ein positiver und statistisch signifikanter Zusammenhang, wobei der Koeffizient im ersten Zeitabschnitt höher ausfällt. Vermutlich haben sich die profitablen Banken in diesem Zeitraum über Gewinneinbehaltung rekapitalisiert. Für die beiden Krisenzeitpunkte und die Zeit der Vor-Krise finden sich keine signifikanten Zusammenhänge. Dies kann auch daran liegen, dass die Banken in dieser Zeit keine Gewinne realisierten oder keine Gewinne einbehielten. Für den Zeitpunkt der Eurokrise ergibt sich ein positiver Zusammenhang zwischen dem Wachstum des Eigenkapitals und der Tier-1-Quote. Dieser Zusammenhang kann daraus resultieren, dass bei einigen Banken Abschreibungen auf das Eigenkapital zu niedrigeren Tier-1-Quoten führten und andere Banken zu dieser Zeit mit Kapital von außen rekapitalisert wurden. Insgesamt wird aber die Relevanz der Profitabilität einer Bank für ihre Stabilität deutlich.

Regulatorische Auswirkungen auf die Kreditvergabe

Neben der Bilanzbereinigung der Banken wirken sich ebenfalls die neuen makroprudenziellen Instrumente der Bankenaufsicht auf die Kreditvergabe aus. Hierzu gehört der antizyklische Eigenkapitalpuffer aus Basel III, der das Ziel verfolgt, den Kreditzyklus zu glätten (Drehmann et al., 2012; Drehmann/Tsatsaronis, 2014; Aikman et al., 2015). Der antizyklische Eigenkapitalpuffer wird in Zeiten starken Kreditwachstums aufgebaut und in Zeiten schwachen Kreditwachstums abgebaut. Werden Banken dazu angehalten, den antizyklischen Eigenkapitalpuffer aufzubauen, können sie dies durch die Aufnahme von Eigenkapital oder durch eine Reduktion ihrer Risikoaktiva erreichen.

Die Kalibrierung des antizyklischen Eigenkapitalpuffers erfolgt über die sogenannte Kreditlücke, die als Abweichung von dem Trend in Prozentpunkten gemessen wird. Diese definiert der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht als Bankkredite an Unternehmen und Haushalte in Prozent des Bruttoinlandsprodukts abzüglich des Trends, der mithilfe des Hodrick-Prescott-Filters berechnet wird (BCBS, 2010). Auch wenn der Baseler Ausschuss für die Kalibrierung dieses Eigenkapitalpuffers keine rein mechanische Regel vorschreibt, so ist die mithilfe des Hodrick-Prescott-Filters berechnete Kreditlücke methodisch problematisch und kann den Aufsichtsbehörden einen falschen Eindruck des Kreditzyklus vermitteln (Abbildung 4). Die Abbildung enthält Berechnungen der Kreditlücke zu neun verschiedenen Messzeitpunkten zwischen dem vierten Quartal 2006 und dem vierten Quartal 2014. Dabei gibt die Messung zum vierten Quartal 2006 den Datenstand wieder, welcher der Bankenaufsicht zu diesem Zeitpunkt verfügbar war, und die Messung zum vierten Quartal 2014 einen entsprechend größeren Datenstand. Diese Messung kann somit als revidierte Kreditlücke interpretiert werden. Die Revisionen der Kreditlücke zu verschiedenen Messzeitpunkten resultieren daraus, dass der Hodrick-Prescott-Filter die Endzeitpunkte nicht korrekt erfassen kann (Edge/Meisenzahl, 2011). Das Ausmaß dieser Ungenauigkeit kann aber zu Vorzeichenwechseln bei der Revision führen. Während im Jahr 2006 für das vierte Quartal 2006 eine positive Kreditlücke gemessen wird, zeigt die Revision im Jahr 2008 für dieses Quartal eine negative Kreditlücke an. Für das vierte Quartal 2010 weist die Messung im Jahr 2010 eine negative Kreditlücke aus, während die Revisionen in den Jahren 2012, 2013 und 2014 eine positive Kreditlücke signalisieren. Bei einer positiven Kreditlücke wäre eine Erhöhung des Eigenkapitalpuffers erforderlich gewesen. Dagegen hätte die Bankenaufsicht im Jahr 2010 den Eigenkapitalpuffer gesenkt und damit den bestehenden Kreditboom verstärkt. Aus diesem Grund bedarf die Kalibrierung des antizyklischen Eigenkapitalpuffers dringend einer Revision.

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Politikempfehlungen

Die Analyse liefert wichtige Ergebnisse darüber, von welchen Faktoren die Kreditvergabe der Banken abhängt. Hieraus lassen sich aber nicht nur Erkenntnisse darüber gewinnen, warum die Kreditvergabe der Banken während eines De-Leveraging so niedrig ist, sondern auch, welche Politikmaßnahmen am besten zu ergreifen sind, um die Kreditvergabe der Banken zu stabilisieren. Die Analyse stellt die bedeutende Rolle des Eigenkapitals für die Kreditvergabe der Banken heraus. In einer Krise ist deshalb eine schnelle Rekapitalisierung der Banken hilfreich, um die Kreditvergabe aufrechtzuerhalten. Dies ist der Weg, den die USA nach der Krise im Jahr 2008 gegangen sind. Außerdem wird die Bedeutung der Profitabilität einer Bank für ihre Leistungsfähigkeit, Kredite zu vergeben und Eigenkapital durch Gewinneinbehaltung aufzubauen, deutlich. Reformen im Bankensektor sollten darüber hinaus das Ziel haben, die Profitabilität der Banken zu erhöhen. Da unprofitable Banken nur schwer aus dem Markt austreten können, sind Restrukturierungsmaßnahmen besonders bei den Banken erforderlich, die bei dem Stresstest durchgefallen sind.

Die Analyse zeigt auch, dass der Einsatz makroprudenzieller Instrumente, hier am Beispiel des antizyklischen Eigenkapitalpuffers verdeutlicht, noch unbekannt ist und zu ungewollten Nebenwirkungen führen kann. Die ungewünschten Nebenwirkungen entstehen, wenn die Kreditlücke zum aktuellen Messzeitpunkt auf einen Kreditboom hindeutet und der antizyklische Eigenkapitalpuffer erhöht wird, um diesen Boom zu dämpfen. Wenn die Datenrevision aber anschließend eine negative Kreditlücke zur Folge hat, die eine niedrigere Kalibrierung des antizyklischen Eigenkapitalpuffers erforderlich gemacht hätte, ergibt sich dieses Problem. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht und die EZB sollten daher dringend die Kalibrierung dieses Kapitalpuffers überdenken. Hierzu ist eine robustere Berechnung eines Indikators für den Kreditzyklus erforderlich. Es stellt sich die Frage, ob Interventionen der Bankenaufsicht in die Kreditvergabe der Banken überhaupt erforderlich sind. Letztlich kann die Aufsicht auch nicht besser als der Markt einen Kreditboom identifizieren. Besser wäre es, die Rahmenbedingungen für Banken so aufzustellen, dass diese robust gegenüber Stress sind und ihre Kreditvergabe reibungslos durchführen können. Dafür ist es erforderlich, dass die Banken wieder profitabel werden.

Die regulatorische Privilegierung von Staatsanleihen benachteiligt die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte. Dieser Effekt wird in einer Niedrigzins­phase sogar noch verstärkt, wie die empirische Untersuchung zeigt. Denn in einem Niedrigzinsumfeld ist die Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte weniger profitabel für Banken, während die Kreditvergabe an den Staat aufgrund der fehlenden regulatorischen Eigenkapitalunterlegung weiterhin attraktiv ist. Da Banken in Stresszeiten verstärkt heimische Staatsanleihen nachfragen, entstehen erhebliche Konzentrationsrisiken in den Bankbilanzen bei einer drohenden Staatsinsolvenz. Die Einführung einer risikoabhängigen Eigenkapitalunterlegung von Staatsanleihen scheint unter Stabilitätsgesichtspunkten genauso geboten wie die Einführung einer Großkreditbeschränkung bei Staatsanleihen, die das Engagement für einen einzelnen Schuldner auf 25 Prozent des Eigenkapitals deckelt.

IW-Trends

Markus Demary: IW-Bankenmonitor 2015 – Schleppende Kreditentwicklung trotz oder wegen der Rekapitalisierungsfortschritte?

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Literatur

Aikman, David / Haldane, Andrew / Nelson, Benjamin, 2015, Curbing the Credit Cycle, in: The Economic Journal, 125. Jg., Nr. 585, S. 1072–1109

BCBS – Basel Comittee on Bank Supervision, 2010, Countercyclical Capital Buffer Proposal – Consultative Document, Juli, Basel

Demary, Markus, 2014, IW-Bankenmonitor: Bringt die Bankenprüfung der Europäischen Zentralbank das Vertrauen in den Euroraum zurück?, in: IW-Trends, 41. Jg., Nr. 1, S. 33–48

Drehmann, Mathias / Tsatsaronis, Kostas, 2014, The credit-to-GDP gap and countercyclical capital buffers: questions and answers, in: BIS Quarterly Review, März, S. 55–73

Drehmann, Mathias / Borio, Claudio / Tsatsaronis, Kostas, 2012, Characterising the Financial Cycle: Don't Lose Sight of the Medium Term!, BIS Working Papers, Nr. 380, Bank for International Settlements

Edge, Rochelle / Meisenzahl, Ralf, 2011, The unreliability of credit-to-GDP ratio gaps in real-time: Implications for Countercyclical Buffers, Finance and Economics Discussion Series 2011-37, Federal Reserve Board, Washington D.C.

ESRB – European Systemic Risk Board , 2014, Is Europe Overbanked?, Report of the Advisory Scientific Committee

ESRB, 2015, ESRB Report on the Regulatory Treatment of Sovereign Exposures, März 2015

EZB – Europäische Zentralbank, 2014, Aggregate Report on the Comprehensive Assessment, Oktober 2014, Frankfurt am Main

FSB – Financial Stability Board, 2014, Adequacy of Loss-Absorbing Capacity of Global Systemically Important Banks in Resolution, Consultative Document, 10.11.2014, Basel

Ansprechpartner

Italiens Banken nach Referendum
IW-Nachricht, 5. Dezember 2016

Italien Unsicherheit kann Banken destabilisierenArrow

Die Banca Monte die Pasci di Siena, die drittgrößte Bank Italiens, muss bis zum Ende dieses Jahres einen Großteil ihrer Problemkredite ab- und Eigenkapital aufbauen. Der Ausgang des Referendums macht die Erfüllung dieser EZB-Auflage schwieriger. Andere italienische Banken stehen vor ähnlichen Problemen. mehr

5. Dezember 2016

Referendum „Italien ist ein anderes Kaliber als Griechenland“Arrow

Italien hat sich gegen eine Parlamentsreform entschieden, Ministerpräsident Matteo Renzi ist zurückgetreten. Im Interview spricht Jürgen Matthes, Leiter des Kompetenzfelds Internationale Wirtschaftsordnung und Konjunktur am Institut der deutschen Wirtschaft Köln, über das Wahlergebnis und dessen Folgen. mehr auf iwd.de

Kapitalflucht aus Italien? "Diese Ängste sind überzogen"
Gastbeitrag, 5. Dezember 2016

Jürgen Matthes auf Focus Online Kapitalflucht aus Italien? "Diese Ängste sind überzogen"Arrow

Italien steht am Scheideweg: Verliert Matteo Renzi am Sonntag das Referendum, drohen Rücktritt, Neuwahlen und eine Bankenkrise. Angeblich bringen die Italiener bereits Geld außer Landes. Doch die Interpretation ist falsch, schreibt IW-Experte Jürgen Matthes in seinem Gastkommentar für Focus Online. mehr