Mit jahresdurchschnittlich drei Ausfalltagen je 1.000 Beschäftigten gehört Deutschland nach wie vor zu den OECD-Ländern mit den stabilsten Arbeitsbeziehungen. Im Vereinigten Königreich fielen seit 2010 im Durchschnitt 26 Tage pro Jahr aus, in Frankreich 139 Tage. Dass im Ausland mehr gestreikt wird, hängt auch mit den politischen Massenstreiks zusammen, die im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise zugenommen haben. In Deutschland ging die Krise nur mit wenigen Ausfalltagen einher, Regierung und Gewerkschaften näherten sich sogar wieder an. Insgesamt hat sich das Streikgeschehen hierzulande in den Dienstleistungssektor verlagert. Seit 2005 entfallen mehr als drei Viertel aller arbeitskampfbedingten Arbeitsausfälle auf den tertiären Sektor. Mit dieser Tertiarisierung des Streiks ist auch die Anzahl der Streikenden je bestreikten Betrieb von 583 (1995/1999) auf 64 (2010/2014) zurückgegangen. Dafür nahm die Streikdauer von durchschnittlich 0,9 Tagen auf 2,8 Tage zu.

Statistische Quellen und Messkonzepte

Der soziale Friede ist ein Markenzeichen des Standorts Deutschland. Aus der amtlichen Streikstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA, 2015) geht allerdings hervor, dass die Anzahl der durch Streiks und Aussperrungen verlorenen Arbeitstage – ausgehend von einem sehr geringen Niveau – seit 2010 gestiegen ist. Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden untersucht, wie sich wichtige Streikindikatoren seit der Deutschen Einheit entwickelt haben und ob strukturelle Änderungen des Arbeitskampfs zu beobachten sind. Anschließend werden die nationalen Entwicklungen mit den internationalen Trends verglichen.

Zur Analyse des Streikgeschehens in Deutschland stehen zwei Datenquellen zur Verfügung:

  • Die BA veröffentlicht jährlich eine Streikstatistik, die auf den nach § 320 Abs. 5 SGB III abzugebenden Meldungen der Arbeitgeber basiert (BA, 2015). Diese Statistik erfasst Arbeitskämpfe, an denen mindestens zehn Arbeitnehmer beteiligt waren und die mindestens einen Tag dauerten oder durch die ein Verlust von mehr als 100 Arbeitstagen entstanden ist. Darüber hinaus werden seit 2008 auch Bagatellstreiks ausgewiesen. Das sind Streiks, die unterhalb der genannten Schwellenwerte liegen. Veröffentlicht wird die Anzahl der bestreikten Betriebe, die Anzahl der Streikenden und die Anzahl der ausgefallenen Arbeitstage. Die Angaben werden nach Wirtschaftszweigen und nach Bundesländern differenziert.
  • Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut in der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) veröffentlicht seit 2004 eine alternative Streikstatistik, die auf Angaben der Gewerkschaften und auf Presseberichten beruht. Die Statistik informiert über die Anzahl der Arbeitskämpfe, über die Anzahl der Streikenden und über die Anzahl der ausgefallenen Arbeitstage. Eine regionale Differenzierung fehlt, sektoral wird lediglich der Anteil des Dienstleistungssektors an den Ausfalltagen ausgewiesen (Bewernitz/Dribbusch, 2014; WSI, 2015).

Für internationale Streikvergleiche stehen zwei Datenbanken der International Labour Organisation (ILO) – bis 2008 laborsta, ab 2009 ILOSTAT database – zur Verfügung, die zum Teil aber nur unvollständige Informationen enthalten (ILO, 2008; 2015). Es ist daher ergänzend notwendig, die ILO-Angaben mit nationalen Quellen abzugleichen und entsprechend zu ergänzen. Das European Trade Union Institute (ETUI, 2015) bietet dazu für die europäischen Länder Links zu den nationalen Quellen an. Weitere Angaben sind in den Analysen von Eurofound zu finden (Carley, 2003; 2008; 2013). Die verschiedenen Statistiken informieren über die Anzahl von Streiks und Aussperrungen, über die verlorenen Arbeitstage und über die Anzahl der Streikenden. Anders als bei der BA wird in anderen OECD-Ländern nicht die Anzahl der betroffenen Betriebe erfasst, sondern die Anzahl der Arbeitskämpfe.

Das bekannteste Messkonzept ist das Arbeitskampfvolumen. Es gibt die Anzahl der durch Streiks und Aussperrungen verlorenen Arbeitstage an (Gärtner, 1989). Bei internationalen Vergleichen ist es sinnvoll, die verlorenen Arbeitstage zu normieren, um Größeneffekte zwischen den einzelnen Volkswirtschaften auszugleichen. Um ein differenzierteres Bild über das Arbeitskampfgeschehen zu erhalten, bieten sich weitere Messkonzepte wie Streikhäufigkeit, Streikumfang und Streikdauer an (Gärtner, 1989; Aligisakis, 1997). Der Streikumfang wird durch die durchschnittliche Teilnehmerzahl pro Streik gemessen. Die Streikdauer gibt die im Durchschnitt verlorenen Arbeitstage pro Streikteilnehmer an und die Konflikthäufigkeit die Anzahl der Streiks und Aussperrungen.

Entwicklung des Arbeitskampfvolumens in Deutschland

In Abbildung 1 sind die durch Arbeitskämpfe ausgefallenen Arbeitstage für den Zeitraum 1990 bis 2014 abgetragen. Dabei fallen die großen Abweichungen zwischen den Daten der BA und des WSI auf. Im Durchschnitt liegen die WSI-Schätzungen um das 3,7-Fache über den amtlichen Angaben der BA. Vor allem die länger zurückreichenden BA-Daten, aber auch die WSI-Daten zeigen, dass das Arbeitskampfvolumen deutlich schwankt. Es gibt konfliktreiche Jahre mit mehr als 300.000 Ausfalltagen (1992, 2002 und 2006), aber auch konfliktarme Jahre mit weniger als 20.000 Ausfalltagen (1998, 2000 und 2005). Einen großen Einfluss haben Großkonflikte, zum Beispiel 1992 und 2006 im Öffentlichen Dienst sowie 2002 in der Metall- und Elektro-Industrie. Die im Rahmen dieser Auseinandersetzungen jeweils verlorenen Arbeitstage stehen für zwei Drittel bis drei Viertel aller in den betroffenen Kalenderjahren durch Streiks und Aussperrungen verlorenen Arbeitstage.

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Aufgrund des Einflusses von Großkonflikten ist es beim intertemporalen Vergleich sinnvoll, einzelne Jahre zu Perioden zusammenzufassen (Abbildung 2). Bildet man Fünfjahres-Zeiträume, zeigt sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ein deutlicher Rückgang von 577.000 auf 99.000 Tage. Im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2009 fielen mit 191.000 Tagen fast doppelt so viele Arbeitstage aus wie im Zeitraum 1995 bis 1999. In der letzten Teilperiode 2010 bis 2014 ist die Anzahl der Ausfalltage wieder auf das Niveau der zweiten Hälfte der 1990er Jahre gesunken. Innerhalb dieses Zeitraums nahmen sie aber stetig zu. Dieser Trend wird sich nach ersten Schätzungen für 2015 verstärkt fortsetzen.

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Strukturelle Veränderungen in Deutschland

Eine sektorale Unterscheidung nach Produzierendem Gewerbe und Dienstleistungssektor zeigt, dass sich das Streikgeschehen hierzulande in den Dienstleistungssektor verlagert hat. In den frühen 1990er Jahren lagen die jeweiligen Anteile der beiden Sektoren noch relativ nah beieinander. In den beiden folgenden Teilperioden stieg der Anteil des Produzierenden Gewerbes auf 85 und 94 Prozent. Seit 2005 zeigt sich ein umgekehrtes Bild (Abbildung 3): Rund vier Fünftel aller Ausfalltage gingen im Dienstleistungssektor verloren. Auffallend bei dieser Tertiarisierung des Arbeitskampfs ist, dass es auch vor 2006 immer wieder einzelne Jahre gab, in denen im Dienstleistungssektor mehr Tage arbeitskampfbedingt verloren gingen als im Produzierenden Gewerbe. Seit 2006 hat sich dieser Tertiarisierungstrend jedoch verfestigt.

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Berechnungen zur Streikdauer und zum Streikumfang weisen auf weitere strukturelle Veränderungen des Arbeitskampfs hin. In den frühen 1990er Jahren befand sich ein Streikender im Durchschnitt 1,8 Tage im Ausstand. Wie Tabelle 1 zeigt, hat sich dieser Wert in den späten 1990er Jahren zunächst halbiert. Seit 2005 ist wieder eine Zunahme zu sehen. Zwischen 2010 und 2014 befand sich ein Streikteilnehmer im Durchschnitt 2,8 Tage im Ausstand. Die Streikdauer des Einzelnen ist demnach dreimal so lang wie zur Jahrtausendwende. Eine sektorale Differenzierung zeigt, dass ein Streikender im Dienstleistungssektor zuletzt im Durchschnitt 3,6 Tage streikte – also doppelt so lange wie ein Streikender im Produzierenden Gewerbe. Zwischen 2005 und 2009 befand sich ein Streikender im Dienstleistungssektor sogar im Durchschnitt 5,4 Tage im Ausstand, neunmal so lange wie im Produzierenden Gewerbe und fünfmal so lange wie in den Jahren 2000 bis 2004.

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Während ein Streikender die Arbeit zuletzt länger niederlegte als vor 20 Jahren, zeigt sich beim Streikumfang ein Abwärtstrend (Tabelle 1). Während sich in den späten 1990er Jahren im Durchschnitt 583 Arbeitnehmer an einem Arbeitskampf beteiligten, ging diese Anzahl auf zuletzt 64 zurück. Eine sektorale Unterscheidung zeigt für beide Sektoren einen Rückgang. Zudem ist der Streikumfang – trotz erheblichen Rückgangs am aktuellen Rand – im Produzierenden Gewerbe größer. Da das Streikgeschehen im Produzierenden Gewerbe weitgehend durch die Metall- und Elektro-Industrie bestimmt wird, dürfte der zuletzt starke Rückgang des Streikumfangs vor allem darauf zurückzuführen sein, dass die IG Metall zwischen 2010 und 2014 – anders als in den Jahren davor – in der Metall- und Elektro-Industrie nur einmal im Jahr 2013 zu umfassenden Warnstreiks aufgerufen hat. Bei solchen Warnstreiks sind die Mobilisierung und damit auch der Streikumfang hoch.

Zusammenfassend lassen sich für Deutschland folgende Befunde festhalten:

  • Das Arbeitskampfvolumen nimmt seit 1990 tendenziell ab.
  • Das Streikgeschehen hat sich in den Dienstleistungssektor verlagert.
  • Streiks dauern länger und sie werden kleinteiliger.

Dass die Streikdauer zunimmt, der Streikumfang aber abnimmt, hängt mit der Tertiarisierung des Arbeitskampfs zusammen. In vielen Dienstleistungsbereichen wie im Einzelhandel, im Öffentlichen Dienst oder in Branchen mit Spartengewerkschaften (Luftfahrt, Schienenverkehr, Krankenhäuser) wurde kleinteiliger gestreikt als in der Industrie.

Arbeitskampfvolumen im internationalen Vergleich

Beim Vergleich internationaler Arbeitskampfdaten ist zu berücksichtigen, dass sich die Erfassung von Streiks in den einzelnen OECD-Ländern unterscheidet (ILO, 1993; Sweeny/Davies, 1996; Carley, 2008; 2013; Lesch, 2010). Um große und kleine Volkswirtschaften vergleichen zu können, werden die arbeitskampfbedingt verlorenen Arbeitstage normiert und je 1.000 Beschäftigte angegeben (Salowsky, 1986; Schnabel, 1995; Aligisakis, 1997). Tabelle 2 fasst das normierte Arbeitskampfvolumen von insgesamt 23 OECD-Ländern seit 1990 zusammen. Außerdem enthält die Tabelle Angaben zur Sreikhäufigkeit. Zur besseren Orientierung werden wiederum Fünfjahres-Durchschnitte berechnet. Am aktuellen Rand werden – soweit verfügbar – Daten bis 2014 berücksichtigt.

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Beim Niveau des Arbeitskampfvolumens ist eine große Spannbreite erkennbar:

  • Zu den Ländern mit in einzelnen Perioden mehr als 100 Ausfalltagen je 1.000 Beschäftigte gehören Australien (1990/94), Dänemark (1995/99, 2005/09, 2010/13), Finnland (1990/94, 1995/99), Frankreich (1995/99, 2005/09, 2010/12), Irland (1990/94, 1995/99), Italien (1990/94, 2000/04), Kanada (alle Teilperioden außer 2010/14) und Spanien (1990/94, 1995/99, 2000/04).

  • Zu den Ländern, die durchweg weniger als 20 Ausfalltage je 1.000 Beschäftigte aufweisen, zählen neben Deutschland (3 bis 18 Tage) noch Japan (0 bis 3 Tage) und die Schweiz (1 bis 5 Tage). Polen, Schweden und die Slowakische Republik weisen seit 1995 konstant weniger als 20 Tage auf (Polen: 1 bis 8 Tage, Schweden: 7 bis 16 Tage, Slowakische Republik: jeweils 0 Tage), in den Niederlanden und in Ungarn ist dies mit Ausnahme der Periode 1995/99 und in Österreich mit Ausnahme der Periode 2000/04 der Fall.
  • Neben den angelsächsischen Ländern Neuseeland, Vereinigtes Königreich und USA befinden sich auch Belgien, Norwegen und Portugal im Mittelfeld, sie kommen in der Regel auf 20 bis 99 Ausfalltage.

Ein Rückgang des Arbeitskampfvolumens lässt sich vor allem in den angelsächsischen Ländern beobachten. So sank die Anzahl der je 1.000 Beschäftigten verlorenen Arbeitstage im Vergleich des Zeitraums 1990/1994 mit 2010/2014 in Kanada von 220 auf 83, in Australien von 157 auf 17, in Neuseeland von 99 auf zwölf, in Irland von 136 auf zehn, im Vereinigten Königreich von 37 auf 26 und in den USA von 43 auf vier. Deutlich verbessert hat sich die Bilanz auch in Spanien (von 471 auf 61), Polen (von 79 auf 1), Schweden (von 55 auf 4) und – nicht ganz so ausgeprägt – in Portugal (39 auf 24). Soweit verfügbare Daten vorliegen, galt dies auch für Italien (238 auf 46). Aufgrund fehlender Daten ab 2009 lässt sich aber nicht überprüfen, ob dieser Trend auch in den letzten Jahren angehalten hat. Die Entwicklung der Streikhäufigkeit liefert ein ähnliches Bild. Sie ging vor allem in den angelsächsischen Ländern, aber auch in Portugal und Schweden zurück. Abgesehen von Frankreich (1990 bis 2004) und Spanien (2000 bis 2013) lässt sich in keinem OECD-Land über einen längeren Zeitraum hinweg eine steigende Streikhäufigkeit beobachten. In Deutschland stieg zwischen 1995 und 2009 die Anzahl der bestreikten Betriebe an. Sie war aber immer noch deutlich geringer als in den Jahren 1990 bis 1994.

Insgesamt bestätigt sich der Befund früherer Untersuchungen, wonach die Streikaktivitäten im Zeitablauf allgemein sinken, dabei aber signifikante Unterschiede zwischen einzelnen Ländern bestehen bleiben (Lesch, 2010; Vandaele, 2011). Zudem sind in fast allen Ländern einzelne Jahre mit erheblichen Ausschlägen zu beobachten, die durch große Konflikte – zum Teil durch politische Streiks – verursacht wurden (Gall, 2012, 673). Da sich die Arbeitsbeziehungen in vielen Ländern stabilisiert haben, geht den Ländern mit traditionell stabilen Arbeitsbeziehungen (Deutschland, Japan, Niederlande, Schweiz, Österreich) ein wichtiger Standortvorteil verloren. Dagegen verschlechtern sich die Standortbedingungen in Belgien, Frankreich und einigen skandinavischen Ländern (Dänemark, Finnland, Norwegen), weil sich die Arbeitskampfaktivitäten dort verfestigt haben.

Eine sektorale Betrachtung der verlorenen Ausfalltage für den Zeitraum 1990 bis 2013 zeigt in den untersuchten Ländern ein eher uneinheitliches Bild (Tabelle 3). Es gibt nach wie vor eine Reihe von Volkswirtschaften, in denen – je 1.000 Arbeitnehmer gerechnet – im Produzierenden Gewerbe mehr Tage durch Streiks und Aussperrungen ausfallen als im Dienstleistungssektor. Durchgängig lässt sich dies für Australien, Belgien, Italien (Daten nur bis 2008), Kanada, Portugal (Daten nur bis 2007) und Spanien beobachten. In Finnland und in den USA gilt dies immerhin für vier der fünf betrachteten Perioden. Daneben gibt es eine kleinere Ländergruppe, in der tendenziell mehr Arbeitstage im Dienstleistungssektor ausgefallen sind. Hierzu gehören Österreich, Schweden, Ungarn und das Vereinigte Königreich. Am aktuellen Rand hat sich die Relation in Österreich und in Schweden allerdings zum Produzierenden Gewerbe hin verschoben. In einer dritten Gruppe, bestehend aus Frankreich, Irland, Japan, Norwegen, Polen, der Schweiz und der Slowakischen Republik, gibt es keine eindeutige Tendenz. Bei drei Ländern war zuletzt eine Trendwende zu beobachten. In Dänemark, Deutschland und in der Niederlande gingen in den drei Teilperioden zwischen 1990 und 2004 im Produzierenden Gewerbe deutlich mehr Arbeitstage verloren als im Dienstleistungssektor. Seit 2005 ist es umgekehrt. Seitdem fallen in Dänemark und in Deutschland im Dienstleistungssektor mehr Arbeitstage durch Arbeitskämpfe aus, in den Niederlanden halten sich die Ausfalltage beider Sektoren die Waage.

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Die in Deutschland beobachtbare Tertiarisierung des Arbeitskampfs – also die Verschiebung der durch Arbeitskämpfe verlorenen Arbeitstage in den Dienstleistungssektor – hat auch in einer Mehrzahl anderer Länder stattgefunden, sie ist aber kein generelles Phänomen (Bordogna/Cella, 2002). Es gibt nach wie vor Volkswirtschaften, in denen der Anteil des Produzierenden Gewerbes an allen Ausfalltagen konstant bei knapp 50 Prozent und mehr liegt (Tabelle 4). Hierzu gehören Australien, Italien (Daten bis 2008), Spanien und Portugal (Daten bis 2007). Außerdem gibt es Volkswirtschaften, in denen in mindestens zwei der fünf Perioden deutlich mehr Arbeitszeitverluste im Produzierenden Gewerbe angefallen sind. Das gilt seit 2000 für Finnland, zwischen 1990 und 2004 für die Niederlande, von 1995 bis 2004 für Norwegen, zwischen 1995 und 1999 und am aktuellen Rand für Polen sowie von 1995 bis 1999 und von 2005 bis 2009 für die USA.

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Einen besonders hohen Anteil an verlorenen Arbeitstagen im Dienstleistungssektor weisen Frankreich, Irland, Schweden (abgesehen vom Zeitraum 2010 bis 2013), Ungarn (Daten bis 2009) und das Vereinigte Königreich auf. In Frankreich entfallen seit 1995 zwischen 76 und 89 Prozent aller Ausfalltage auf den tertiären Sektor, im Vereinigten Königreich zwischen 82 und 97 Prozent. Ähnlich sieht es in Österreich und Schweden aus. Dort hat sich die Relation seit 2010 allerdings umgekehrt. Auch in Japan fallen Arbeitstage arbeitskampfbedingt vor allem im Dienstleistungssektor aus, allerdings auf einem sehr geringen Streikniveau. Eine signifikante Verschiebung der Arbeitskampfaktivitäten in den Dienstleistungssektor ist über den gesamten Zeitraum hinweg in Dänemark und nach der Periode 2000 bis 2004 in Australien, Deutschland und in der Niederlande feststellbar. So stieg der Dienstleistungsanteil in Australien von einem Drittel auf die Hälfte, in Dänemark von 18 auf mehr als 90 Prozent, in Deutschland von 6 (2000/2004) auf 73 Prozent (bezogen auf 2010 bis 2013 und 78 Prozent bezogen auf 2010 bis 2014) und in den Niederlanden von 32 (2000/2004) auf zuletzt 88 Prozent.

Bei den beiden Indikatoren Streikumfang und Streikdauer ist das Bild ebenfalls heterogen (Tabelle 5). Die Anzahl der an einem Ausstand Beteiligten folgt in einer Mehrheit von Ländern keinem Trend. Eine rückläufige Anzahl lässt sich nach 1995/1999 für Deutschland, die USA und für Ungarn beobachten und nach 2000/2004 für die Schweiz und für Spanien. Für die beiden letztgenannten Länder lag der Streikumfang ebenso wie in Ungarn zuletzt auf einem deutlich niedrigeren Niveau als in den übrigen Perioden. Eine steigende Anzahl an Streikenden je Ausstand lässt sich über alle Perioden hinweg für das Vereinigte Königreich beobachten. Irland, Polen und Kanada weisen von der Tendenz her ebenfalls steigende Teilnehmerzahlen je Arbeitskampf auf, allerdings wurde dieser Trend in der Periode 2005/2009 unterbrochen. In Polen und Kanada sank die Beteiligung vorübergehend, in Irland stieg sie erheblich an.

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Auch bei der Anzahl der Streiktage je Streikenden (Streikdauer) ist bei einer Mehrheit von Ländern kein eindeutiger Trend erkennbar. Eine rückläufige Anzahl zeigt sich im Vereinigten Königreich, in Irland, der Slowakischen Republik, nach 1995/1999 auch in Japan und nach 2000/2004 in Schweden. Im Vereinigten Königreich nahm die Anzahl der Streiktage je Streikenden von 3,7 auf 1,1 Tage ab, in Irland von 9,9 auf 1,6 und in der Slowakischen Republik von 9,1 auf 0 Tage. Eine tendenziell steigende Streikdauer lässt sich in Spanien und seit dem Zeitraum 2000/2004 auch in Deutschland und der Schweiz beobachten. Während Streiks in Deutschland ebenso wie in der Schweiz kleinteiliger werden, dafür aber etwas länger dauern, werden sie im Vereinigten Königreich und in Irland umfassender, aber kürzer. Dass sich die beiden Streikindikatoren Streikbeteiligung und Streikdauer in mehreren Ländern eher unstetig entwickeln, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass es nicht nur in den südeuropäischen Ländern und in Frankreich, sondern auch in Österreich (2003), Irland (2009), Belgien (2012) und im Vereinigten Königreich (2011) zu politisch motivierten Massenstreiks kam. Dabei mobilisierten die Gewerkschaften viele Arbeitnehmer für eine kurze Zeit (Nowak/Gallas, 2014).

Strukturwandel und politische Streiks

Die Streikaktivität wird durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt. Neben makroökonomischen Einflüssen spielen politisch-institutionelle Faktoren, länderspezifische Besonderheiten und der historische Kontext eine entscheidende Rolle (Batstone, 1985; Lesch, 2002; Goerke/Madsen, 2004; Ludsteck/Jacobebbinghaus, 2006; Vandaele, 2011). In den streikfreudigen südeuropäischen Ländern und in Frankreich ist der Streik oft Ausdruck politischen Protests. Das Gewerkschaftssystem ist fragmentiert (Richtungsgewerkschaften mit unterschiedlicher politisch-ideologischer Ausrichtung) und die Tarifautonomie ist so schwach ausgeprägt, dass der Staat etwa über Allgemeinverbindlicherklärungen in die Tarifverhandlungen eingreifen muss. In den nordischen Ländern und in Belgien ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad vergleichsweise hoch, weil die Gewerkschaften bei der Verwaltung der Arbeitslosenversicherung mitwirken (Ghent-System). Dadurch werden Tarifverhandlungen noch weitgehend autonom geführt, politische Proteste sind seltener. In den mittel- und osteuropäischen Volkswirtschaften haben Gewerkschaften ein weniger ausgeprägtes "militantes" Selbstverständnis als in vielen südeuropäischen Ländern (Vandaele, 2011, 22).

Zwar wurde die Streikbereitschaft durch den schwierigen Transformationsprozess der Volkswirtschaften zunächst erhöht. Die schwierige Arbeitsmarktlage und die Entwicklung tripartistischer Strukturen (Staat und Tarifparteien) fingen diese Entwicklung aber schnel​l wieder ein. Es ist auffallend, dass in den hier untersuchten drei mitteleuropäischen Ländern im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise keine politischen Streiks auftraten. Es gab in Polen und Ungarn lediglich auf bestimmte Sektoren konzertierte Ausstände, während Slowenien seit 2008 so gut wie keine Ausfalltage zu verzeichnen hatte (Carley, 2013).

In den Ländern mit einem wachsenden Anteil an Ausfalltagen im Dienstleistungssektor werden Streiks für die Allgemeinheit spürbarer, weil sie das Gemeinwohl ummittelbarer beeinträchtigen als Ausstände in der Industrie. Der Indikator Arbeitskampfvolumen verliert daher an Aussagekraft, während der Indikator Streikhäufigkeit wichtiger wird (Vandaele, 2011, 33). Die zum Teil beobachtbare Tertiarisierung des Streiks hängt mit der Deindustrialisierung zusammen. Hier spielt der Bedeutungsverlust von Industrien wie dem Bergbau und der Schwerindustrie, die früher maßgeblich für Arbeitskämpfe verantwortlich waren, ebenso eine Rolle wie die Internationalisierung der Produktion und das Anwachsen der Beschäftigung im Dienstleistungssektor (Bordogna/Cella, 2002, 600). Der Rückgang der Industriebeschäftigung hat in Ländern mit überdurchschnittlicher Streikaktivität im Produzierenden Gewerbe dazu geführt, dass auch die Ausfalltage abnahmen. Dieser Struktureffekt hatte in den 1980er Jahren seinen Höhepunkt. Danach nahm er deutlich ab (Lesch, 2010, 43). Die zuletzt in Deutschland und in anderen Ländern beobachtbare Tertiarisierung muss also andere Ursachen haben als den sektoralen Strukturwandel. Eine mögliche Erklärung ist die Zunahme politischer Streiks. Eine andere wäre eine wachsende Streikbereitschaft im Dienstleistungssektor.

Tatsächlich hat sich die Anzahl der politischen Streiks infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 deutlich erhöht (Gall, 2012; Nowak/Gallas, 2014). Im Zeitraum 1980 bis 1989 gab es in den 15 Ländern, die vor der EU-Ost-Erweiterung Mitglied in der Europäischen Union (EU) waren, und in Norwegen insgesamt 18 politisch motivierte Generalstreiks. Diese Anzahl stieg zwischen 1990 und 1999 auf 26, zwischen 2000 und 2009 auf 27 und zwischen 2010 und Mai 2014 auf 38 an. Die Hälfte dieser 38 politischen Streiks entfiel auf Griechenland, sechs entfielen auf Italien, fünf auf Portugal, vier auf Spanien und drei auf Frankreich (Nowak/Gallas, 2014, 308). Die statistische Erfassung politischer Massenstreiks ist zwar nicht immer zuverlässig und vollständig (Gall, 2012, 680). Dennoch erklären sie, warum es in einzelnen Jahren zu Streikspitzen kam. Damit haben sie entscheidend zu der beobachteten Tertiarisierung des Streiks beigetragen, da sie vielfach auf den öffentlichen Sektor und das Transportwesen konzentriert waren. Zudem erhöhen politische Streiks den Streikumfang, während die Streikdauer verkürzt wird. Punktuell zeigen sich aber auch Ansätze einer wachsenden Streikbereitschaft im Dienstleistungssektor, besonders im Zusammenhang mit Deregulierungen und Privatisierungen (Carley, 2013).

Fazit

Die in Deutschland beobachtbare Tertiarisierung des Arbeitskampfs geht mit einer längeren Streikdauer und einem sinkenden Streikumfang einher. Arbeitskämpfe werden kleinteiliger. Eine gegenläufige Entwicklung fand im Vereinigten Königreich und in Irland statt. Dort war die Streikdauer rückläufig, während sich die Anzahl der Streikenden je Ausstand tendenziell erhöhte. In den anderen OECD-Ländern, für die eine Tertiarisierung beobachtet wird, entwickelten sich Streikdauer und Streikumfang eher unstetig. Dies hängt vielfach mit der Zunahme politischer Massenstreiks zusammen. Während sich die Sozialpartnerschaft in Deutschland während der Krisenjahre 2008 bis 2010 bewährt hatte, es kaum zu arbeitskampfbedingten Arbeitsausfällen kam und sich Politik und Gewerkschaften mit den Instrumenten Kurzarbeit und Konjunkturprogramme auf eine gemeinsame Strategie zur Krisenbewältigung verständigten, stießen politische Reformen und Austeritätsprogramme in vielen südeuropäischen Ländern, in Belgien, in Frankreich und in Irland auf Protest. Trotzdem nahm das Arbeitskampfvolumen vielerorts weiter ab. Dabei zeigt sich eine zunehmende Konvergenz, wenngleich länderspezifische Niveauunterschiede signifikant bleiben. Durch die Tertiarisierung werden Arbeitskämpfe für die Öffentlichkeit viel spürbarer. Während die Tertiarisierung der Streiks in Deutschland eine Folge tarifpolitischer Auseinandersetzungen ist, ist sie im Ausland meist eine Folge politisch motivierter Massenstreiks. Steigen Ausfalltage und Konflikthäufigkeit in Deutschland weiter an, droht ein wichtiger Standortvorteil verloren zu gehen.

IW-Trends

Hagen Lesch: Strukturwandel des Arbeitskampfs: Deutschland im OECD-Ländervergleich

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Literatur

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