Inklusion in der Berufsausbildung ist bereits heute in vielen Unternehmen Realität. Knapp ein Viertel aller ausbildungsaktiven Unternehmen hat in den letzten fünf Jahren Auszubildende mit Behinderung beschäftigt. Etwa 12 Prozent bilden aktuell Auszubildende mit Behinderung aus, die meisten Jugendliche mit einer Lernbehinderung. Der überwiegende Teil der Unternehmen bildet Jugendliche mit Behinderung in drei- bis dreieinhalbjährigen Berufen aus, ein Viertel auch in zweijährigen Berufen. Nur etwa ein Zehntel nutzt die theoriereduzierte Ausbildung für Menschen mit Behinderung im Rahmen einer Fachpraktikerausbildung. Erfahrungen mit der Zielgruppe sind wichtig: So bilden Unternehmen, die bereits einen Mitarbeiter mit Behinderung beschäftigten, mit einer um gut 40 Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit auch Jugendliche mit Behinderung aus als Unternehmen ohne Beschäftigte mit Behinderung. Doch selbst 80 Prozent der Unternehmen, die bereits Menschen mit Behinderung ausbilden, sehen in fehlenden Bewerbungen dieser Zielgruppe das größte Hemmnis für ein größeres Engagement. Zudem wünschen sich drei Viertel dieser Unternehmen mehr Unterstützungsangebote zum Beispiel durch sozialpädagogische Betreuung und feste externe Ansprechpartner, die bei allen Fragen rund um die Ausbildung von Menschen mit Behinderung weiterhelfen.

Die Ausbildungs- und Arbeitsmarktsituation von jungen Menschen mit Behinderung

Im Zuge des demografischen Wandels sind Themen wie Gesundheitsmanagement, betriebliches Eingliederungsmanagement und barrierefreie Arbeitsplätze für ältere Mitarbeiter in vielen Unternehmen bereits gelebter Alltag. Angesichts zunehmender Fachkräfteengpässe gewinnt jedoch die berufliche Integration von jungen Menschen mit Behinderung an Bedeutung. Für junge Menschen – mit oder ohne Behinderung – ist der erfolgreiche Abschluss einer Berufsausbildung zentral, da dieser entscheidenden Einfluss auf die späteren Teilhabechancen am Arbeitsmarkt hat (Flake et al., 2014).

Aktuell haben 1,9 Prozent aller jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren eine Schwerbehinderung mit einem Behinderungsgrad von mindestens 50 (Statistisches Bundesamt, 2014c). Hinzu kommen diejenigen Jugendlichen, die über einen Grad von weniger als 50 oder keine anerkannte Behinderung verfügen, aber dennoch Förderbedarf aufweisen. Dies sind beispielsweise Jugendliche mit einer Lernbehinderung, die häufig in der Statistik nicht erfasst werden. Aufschluss über den Umfang dieser für den Ausbildungsmarkt relevanten Gruppe gibt die Schulstatistik: Im Jahr 2013 haben 36.751 Schüler Förderschulen für Menschen mit Behinderung verlassen; dies waren 4,1 Prozent aller Schulabgänger. Die Mehrzahl von ihnen erwirbt einen Förderschulabschluss für Menschen mit einer Lernbehinderung oder einer geistigen Behinderung (Statistisches Bundesamt, 2014a). Immerhin knapp 30 Prozent von ihnen verlassen die Schule mit mindestens einem Hauptschulabschluss. Der Gesamtanteil von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Klassenstufen 1 bis 10 beträgt insgesamt aktuell 6,5 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2014b). Von den Absolventen mit sonderpädagogischem Förderbedarf münden 16.400 Jugendliche nach ihrem Abschluss in einer berufsvorbereitenden Maßnahme, 3.500 nehmen eine duale Berufsausbildung auf und 14.900 Absolventen starten eine außerbetriebliche Berufsausbildung (Euler/Severing, 2014). Eine bedeutsame Rolle in der beruflichen Erstausbildung nehmen hierbei die Berufsbildungswerke ein, die knapp 15.000 Menschen in mehr als 230 Ausbildungsberufen außerbetrieblich ausbilden. Diese öffentlich geförderte Ausbildung ist zwar kostenintensiv, weist aber hohe Übergangsquoten in Beschäftigung auf. Laut einer IW-Studie sind 68 Prozent der Absolventen eines Berufsbildungswerks später erwerbstätig. Damit tragen Berufsbildungswerke entscheidend zur Integration von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt bei. Hierbei hilft zunehmend auch die verzahnte Ausbildung mit Betrieben (Neumann/Werner, 2012). Dieses Know-how der Bildungswerke sollte künftig noch stärker für Unternehmen in Modellen wie der kooperativen oder verzahnten Ausbildung erschlossen werden, in denen Auszubildende bis zur Hälfte ihrer Ausbildungszeit in einem Ausbildungsbetrieb verbringen.

Dass aktuell dennoch Verbesserungsbedarf besteht, zeigt ein Blick in die Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen. Hier sind 34,6 Prozent aller Menschen mit einem Grad der Behinderung von mindestens 30 ohne einen beruflichen Abschluss. Bei Menschen ohne Behinderung liegt dieser Anteil nur bei 16,7 Prozent (FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, 2009). Bei der Interpretation dieser Zahlen ist allerdings zu berücksichtigen, dass viele Menschen ihre Behinderung erst nach der Ausbildungsphase erfahren.

Die Datenlage zur Ausbildungssituation von jungen Menschen mit Behinderung ist lückenhaft, da das Merkmal „Behinderung“ in der Berufsbildungsstatistik nicht erfasst wird (Gericke/Flemming, 2013). Um diese Lücke zu schließen und evidenzbasiert sowohl Maßnahmen zur Förderung von jungen Menschen mit Behinderung als auch fundierte Empfehlungen für ausbildungswillige Unternehmen ableiten zu können, wurde eine Unternehmensbefragung durchgeführt. Dabei wurde neben der Ausbildungssituation von Jugendlichen mit Behinderung auch erhoben, welche Faktoren aus Unternehmenssicht deren Ausbildung begünstigen oder erschweren.

Menschen mit Behinderung in der betrieblichen Ausbildung

Gegenwärtig beschäftigen 11,9 Prozent aller ausbildungsaktiven Unternehmen Auszubildende mit Behinderung. Betrachtet man die letzten fünf Jahre, waren in 23,3 Prozent aller ausbildungsaktiven Unternehmen Auszubildende mit Behinderung beschäftigt (Abbildung 1). Dabei zeigt sich, dass mit zunehmender Unternehmensgröße mehr Unternehmen Jugendliche mit Behinderung ausbilden. Dies liegt daran, dass mit der Unternehmensgröße die Anzahl der Auszubildenden insgesamt steigt und damit die Wahrscheinlichkeit, dass unter den Auszubildenden auch junge Menschen mit Behinderung sind. Ein knappes Viertel der kleinen und ein Drittel der mittelgroßen ausbildungsaktiven Unternehmen haben in den letzten fünf Jahren Jugendliche mit Behinderung ausgebildet, bei den großen Unternehmen ist es jedes zweite.

IconRohdaten als Download | XLS

Dieses stärkere Engagement von größeren Unternehmen zeigt sich ebenfalls in der repräsentativen Unternehmensbefragung von Enggruber und Rützel (2014), auch wenn sich dort der Anteil der Unternehmen, die Menschen mit Behinderung ausbilden, mit 24,1 Prozent auf alle ausbildungsberechtigten und nicht wie in der vorliegenden Studie auf alle ausbildungsaktiven Unternehmen bezieht. 15,9 Prozent aller ausbildungsaktiven Unternehmen haben in den letzten fünf Jahren junge Menschen mit einer Lernbehinderung, wie einer Rechtschreibschwäche oder Dyskalkulie, ausgebildet. Diese Beispiele wurden in den Fragebogen aufgenommen, um den vieldeutigen Begriff der Lernbehinderung greifbar zu machen. Somit stellt dieser Behinderungstyp die größte Gruppe dar (Tabelle 1). Am zweithäufigsten qualifizieren Unternehmen Auszubildende mit einer körperlichen Behinderung, zum Beispiel einer Lähmung von Gliedmaßen oder einer Funktionseinschränkung von Organen (7,9 Prozent). Etwa gleich viele Unternehmen bilden Jugendliche mit einer psychischen Behinderung, wie Schizophrenie oder Zwangserkrankung, aus. Deutlich weniger Unternehmen beschäftigen Auszubildende mit einer geistigen Behinderung, wie Hirnschädigungen oder dem Down-Syndrom. Sie sind nur in gut 1 Prozent der Unternehmen zu finden. Menschen mit geistiger Behinderung sind häufig in Werkstätten für Menschen mit Behinderung beschäftigt (BAG WfbM, 2014). Tabelle 1 verdeutlicht, dass es sich bei jungen Menschen mit Behinderung um eine heterogene Gruppe mit verschiedenen Hintergründen und Bedürfnissen handelt.

IconRohdaten als Download | XLS

Duale Ausbildungsberufe sind in Deutschland bundeseinheitlich geregelt. Sie unterscheiden sich aber nach inhaltlicher Komplexität und Dauer. Zwei-, drei- und dreieinhalbjährige Ausbildungsberufe stellen dabei den Normalfall dar. Zweijährige Ausbildungsberufe haben häufig einen fachlich reduzierten Inhalt. Nach erfolgreicher Absolvierung vieler zweijähriger Ausbildungsberufe (z. B. Verkäufer) kann in einem weiteren Jahr ein dreijähriger Ausbildungsberuf (z. B. Einzelhandelskaufmann) unter Anrechnung der bereits erworbenen Kompetenzen erlernt werden. Zusätzlich existieren in Deutschland spezielle Ausbildungen für Menschen mit Behinderung nach § 66 Berufsbildungsgesetz und § 42 m Handwerksordnung. Zielgruppe dieser Fachpraktikerausbildungen (z. B. Fachpraktiker im Verkauf) sind junge Menschen, die aufgrund der Art und Schwere ihrer Behinderung keinen anderen Ausbildungsberuf absolvieren können.

Die Befragung zeigt, dass Unternehmen, die sich für die Ausbildung von Menschen mit Behinderung entschieden haben, dies in der Regel in einem regulären Ausbildungsberuf tun. Zum einen bilden 88,5 Prozent diese Zielgruppe in den komplexeren drei- oder dreieinhalbjährigen Ausbildungsberufen aus. Zum anderen bildet jedes fünfte Unternehmen, das Ausbildungserfahrung mit dieser Zielgruppe hat, diese in zweijährigen Ausbildungsberufen aus. Viele Unternehmen bilden auch parallel in zwei-, drei- oder dreieinhalbjährigen Berufen aus. Insgesamt wurden im Jahr 2013 auf alle neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge bezogen 8,6 Prozent in zweijährigen Berufen abgeschlossen (BIBB, 2015). Die Anzahl der Ausbildungsverträge wurde in der vorliegenden Erhebung nicht abgefragt. Fachpraktikerausbildungen spielen bei der Integration in Ausbildung und Beschäftigung nur eine untergeordnete Rolle. Sie sind in lediglich 9 Prozent aller in der Ausbildung von Menschen mit Behinderung engagierten Unternehmen vorzufinden.

Einflussfaktoren der betrieblichen Ausbildung von Menschen mit Behinderung

Die Entscheidung für eine betriebliche Ausbildung variiert mit verschiedenen Strukturvariablen wie der Unternehmensgröße und der Branche (BIBB, 2015). Es wird anhand logistischer Regressionen geprüft, welche Unternehmensmerkmale die Entscheidung, einen jungen Menschen mit Behinderung auszubilden, begünstigen. In Tabelle 2 sind die marginalen Effekte dargestellt. Positive (negative) Werte stehen hier für eine zunehmende (abnehmende) Wahrscheinlichkeit, einen Menschen mit Behinderung auszubilden. Die Werte geben die Prozentpunkte an, mit der sich die Wahrscheinlichkeit im Vergleich zur Referenzgruppe ändert.

IconRohdaten als Download | XLS

Modell A umfasst den Einfluss von grundlegenden Strukturvariablen. Es zeigt sich, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) signifikant seltener Menschen mit Behinderung ausbilden als große Unternehmen. Gleichfalls aktiver in der Ausbildung von Menschen mit Behinderung sind Unternehmen mit Betriebsrat sowie Unternehmen, die große Probleme bei der Besetzung offener Stellen haben. Fachkräfteengpässe scheinen unter sonst gleichen Bedingungen die Beschäftigungschancen von Menschen mit Behinderung zu verbessern.

In Modell B werden zusätzlich weitere Variablen mit den folgenden Ergebnissen betrachtet:

  • Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung – als Mitarbeiter oder als Praktikant – erweist sich als stärkster signifikanter Begleiter einer Ausbildung von Menschen mit Behinderung. Erfahrungen sind ein Türöffner. Wer einen Menschen mit Behinderung beschäftigt, scheint auch für den Fachkräftenachwuchs mit Behinderung offener zu sein. Zum einen bauen Unternehmen durch die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung Erfahrungswissen auf. Zum anderen haben Menschen mit Behinderung eigene Kontakte, die von Unternehmen zur Gewinnung von Fachkräften genutzt werden können.
  • Unternehmen, die bereits Jugendliche mit Migrationshintergrund oder sozial benachteiligte Jugendliche als Auszubildende beschäftigen, bilden auch häufiger Jugendliche mit Behinderung aus. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Rekrutierung von Menschen mit Behinderung für viele Unternehmen Teil einer breiteren Strategie ist, Jugendliche aus unterschiedlichen Zielgruppen für eine Ausbildung zu rekrutieren.
  • Unternehmen wurden nach neun gängigen Maßnahmen zur Qualitätssicherung der Ausbildung gefragt. Hierzu gehörten beispielsweise eine gezielte Prüfungsvorbereitung, eine Unterstützung bei privaten Herausforderungen oder ein regelmäßiges Feedback. Die zugrunde liegende Hypothese war, dass Unternehmen, die viele dieser Maßnahmen praktizieren, eher Menschen mit Behinderung ausbilden, da sie bereits Unterstützungsmaßnahmen aufgebaut haben, von denen diese Zielgruppe profitieren könnte. Zwar bieten 43,7 Prozent der ausbildungsaktiven Unternehmen acht oder neun der abgefragten Qualitätssicherungsmerkmale an, im Modell zeigte sich aber kein signifikanter Effekt der Ausbildungsqualität auf die Ausbildungsaktivität von Menschen mit Behinderung.
  • Unternehmen, die angeben, dass Ausbildung bei ihnen Tradition hat, bilden Jugendliche mit Behinderung zu 9 Prozentpunkten häufiger aus. Aber auch personalwirtschaftliche Motive spielen hinsichtlich der Ausbildungsentscheidung eine Rolle. So bilden Unternehmen, die angeben, offen für neue Ideen von Auszubildenden zu sein oder die Ausbildung als Mittel zur Attraktivitätssteigerung sehen, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auch Jugendliche mit Behinderung aus.
  • Unternehmen mit einer positiven Umsatzprognose bilden signifikant seltener Menschen mit Behinderung aus. Dies könnte dadurch bedingt sein, dass diese Unternehmen kurzfristig auf zusätzliche Arbeitskräfte angewiesen sind und daher eine stärkere Rekrutierung von bereits qualifizierten Fachkräften über den externen Arbeitsmarkt anstreben.

In dem erweiterten Modell wird der Effekt der Unternehmensgröße insignifikant. Möglicherweise differieren KMU und große Unternehmen vorrangig bei der Berücksichtigung unterschiedlicher Zielgruppen für die Ausbildung. Auch die Existenz eines Betriebsrats und bestehende Rekrutierungsprobleme haben keinen Einfluss mehr.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die unternehmerische Entscheidung, Jugendliche mit einer Behinderung auszubilden, nicht vorrangig durch vorhandene Engpässe auf dem Ausbildungs- oder Arbeitsmarkt oder durch betriebswirtschaftliches Kalkül beeinflusst wird. Noch wichtiger sind ein unternehmerisches Bekenntnis zu Tradition und Vielfalt sowie Offenheit für neue Ideen. Als entscheidender Faktor für die Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung erweist sich zudem die Erfahrung mit Menschen mit Behinderung im Betrieb. Ein Ansatzpunkt wäre es, die Durchlässigkeit zwischen unterschiedlichen Ausbildungs- und Beschäftigungsorten wie Berufsbildungswerken, Werkstätten für Menschen mit Behinderung und Unternehmen weiter zu verbessern. Auch sollten Unternehmen ihre Mitarbeiter dazu ermuntern, mit einer Behinderung offen umzugehen und gegebenenfalls als Vorbild für junge Menschen mit Behinderung einzutreten.

Hemmnisse für das Ausbildungsengagement von Unternehmen

Die Ausbildung von Menschen mit Behinderung ist mit spezifischen Herausforderungen verbunden. Dabei ist zwischen Unternehmen mit und ohne Ausbildungserfahrung mit der Zielgruppe zu unterscheiden. Als größtes Hemmnis sehen diejenigen Unternehmen, die bereits über Ausbildungserfahrung mit Menschen mit Behinderung verfügen, die mangelnde Anzahl an entsprechenden Bewerbungen an (Tabelle 3). Damit korrespondiert, dass Unternehmen ohne solche Erfahrungen als zweithäufigsten Grund den fehlenden Kontakt zu Jugendlichen mit Behinderung nennen. Ein vermehrter Kontakt wird langfristig im Zuge der Inklusion hergestellt, wenn die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich ist. Da jedoch der Anteil der jungen Menschen mit Behinderung an einem Jahrgang auf Basis der vorliegenden Schätzungen deutlich unter 10 Prozent liegt, ist auch zukünftig nicht zu erwarten, dass alle Unternehmen Menschen mit Behinderung ausbilden oder beschäftigen.

IconRohdaten als Download | XLS

An den nachfolgend genannten Hemmnissen sollte angesetzt werden, um die Inklusion von Menschen mit Behinderung in eine duale Ausbildung zu erleichtern. So hemmt die fehlende räumliche und technische Ausstattung knapp drei Viertel aller Unternehmen, die keine Menschen mit Behinderung beschäftigten oder ausbilden, bei der Einrichtung behinderungsgerechter Ausbildungsplätze. Dies stellt jedoch kein strukturelles Hemmnis dar, denn in der Regel kann dank zahlreicher Fördermöglichkeiten ein barrierefreier Arbeitsplatz geschaffen werden. Knapp zwei Drittel der Unternehmen mit entsprechender Ausbildungserfahrung oder aktueller Ausbildungstätigkeit sehen sich nicht dazu in der Lage, mehr Ausbildungsplätze für Menschen mit Behinderung anzubieten. Vielen fällt die Integration in den betrieblichen Alltag schwer, zum Beispiel, weil schlanke Produktionsabläufe wenig geeignete Lerngelegenheiten bieten, Jugendliche mit Behinderung einen höheren Betreuungsaufwand erfordern oder genügend qualifizierte Ausbilder fehlen. Deshalb sollten geeignete Unterstützungsmaßnahmen dabei helfen, positive Anreize für Unternehmen zu setzen, sich stärker in der Ausbildung von Menschen mit Behinderung zu engagieren. So könnten Unternehmen Zugang zu kostenlosen Fortbildungsmöglichkeiten für ihre Ausbilder erhalten.

Für etwa jedes zweite Unternehmen ohne Ausbildungserfahrung scheinen fehlende Informationen über Unterstützungs- und Fördermaßnahmen von Menschen mit Behinderung ein wichtiges Hemmnis zu sein. Grundsätzlich stehen ihnen vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung. Dafür liegt unter www.rehadat.de ein umfangreiches Informationsangebot zu behinderungsgerechten Arbeitsplatzanpassungen und Fördermöglichkeiten vor. Solche Informationen scheinen jedoch längst nicht allen Unternehmen bekannt zu sein. Zudem befürchten die Unternehmen ohne Erfahrungen mit der Zielgruppe signifikant häufiger Mehrbelastungen aufgrund des erhöhten Urlaubsanspruchs und des umfangreicheren Kündigungsschutzes oder höhere krankheitsbedingte Fehlzeiten. Erfahrungen mit der Zielgruppe scheinen hier zu einem positiveren Bild zu führen. Dies könnte auch noch vorhandene Unsicherheiten im Umgang mit Menschen mit Behinderung von Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern verringern.

Eine offene Frage bleibt, ob Menschen mit Behinderung bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz anders vorgehen als Menschen ohne Behinderung. Möglicherweise suchen sie von Beginn an weniger den Kontakt zu Unternehmen und weichen bewusst auf schulische Angebote aus. In diesem Fall könnte es sinnvoll sein, Jugendliche mit Behinderung stärker zu ermutigen, den Weg in eine betriebliche Ausbildung zu suchen und entsprechende Anreizsysteme zu schaffen. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf.

Nutzung und Einschätzung von Unterstützungsangeboten

Betriebe gestalten die duale Ausbildung nicht allein. Neben der Berufsschule als zweitem Lernort existieren zudem verschiedene externe Unterstützungsangebote, von denen die Unternehmen zwei als besonders hilfreich einstufen (Abbildung 2). Gut 60 Prozent der Unternehmen bewerten eine fachliche Nachhilfe für Auszubildende, beispielsweise durch Förderunterricht an der Berufsschule oder bei einem privaten Bildungsträger, als sehr hilfreich und genauso viele Unternehmen nutzen sie auch. Etwa 42 Prozent der Unternehmen stufen die sozialpädagogische Begleitung von Auszubildenden als sehr hilfreich ein, 37 Prozent nutzen sie tatsächlich. Auf Basis dieser Einschätzung ist die „Assistierte Ausbildung“, die Sozialpartner, Bund und Länder in der gemeinsamen „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ ins Leben gerufen haben, zu begrüßen (BMWi, 2014). Sie beinhaltet die konkrete Vorbereitung auf einen Beruf bei einem Bildungsdienstleister und eine anschließende sozialpädagogische Begleitung der Jugendlichen während der Ausbildungszeit.

IconRohdaten als Download | XLS

Für das Ausbildungsjahr 2015/2016 stehen bis zu 10.000 Plätze zur Verfügung. Die sozialpädagogische Betreuung der Auszubildenden, die themenspezifische Qualifizierung sowie das Mentoring und Coaching der Ausbilder werden von den Unternehmen häufiger als sehr hilfreich eingeschätzt, jedoch tatsächlich weniger genutzt. Das kann mehrere Gründe haben. Zum einen könnte der tatsächliche Bedarf an Unterstützung geringer sein als die grundsätzliche Bewertung dieser Angebote. Zum anderen könnte es sich hier aber auch nur um einen abgerufenen Teil handeln, der deutlich unter dem tatsächlichen Bedarf liegt. Mögliche Gründe für diese Diskrepanz können der bürokratische Aufwand, die Unkenntnis über zuständige Ansprechpartner oder ein fehlendes Angebot vor Ort sein. Beratungen zum Thema Gesundheitsmanagement und die Unterstützung bei der Beantragung von Fördermaßnahmen werden hingegen öfter genutzt, als dass sie als sehr hilfreich empfunden werden. Dies könnte darin begründet sein, dass diese Maßnahmen nicht spezifisch für die Ausbildung von Menschen mit Behinderung ausgerichtet sind. Bei einem Vergleich der Antworten von Unternehmen mit und ohne Ausbildungserfahrung zeigen sich weitere Unterschiede. So bewerten Erstere fachliche Nachhilfe für Auszubildende häufiger als sehr hilfreich. Unterstützung bei der Beantragung von Fördermaßnahmen wird hingegen von erfahrenen Unternehmen seltener als hilfreich eingeschätzt. Möglicherweise ist diese Maßnahme zu Beginn der Ausbildung von Menschen mit Behinderung wichtiger und verliert mit zunehmendem Kompetenzerwerb der Ausbilder durch praktische Erfahrung an Bedeutung.

Bereits heute sind zahlreiche Unterstützungsangebote vorhanden, die von Unternehmen geschätzt und aktiv genutzt werden. Zugleich geben 39 Prozent der ausbildungsaktiven Unternehmen an, dass sie keine geeignete Unterstützung erhalten und mehr als die Hälfte aller nicht ausbildenden Unternehmen beklagt mangelnde Informationen. Dies deutet einerseits darauf hin, dass die vorhandenen Angebote nicht zu den Personalverantwortlichen vordringen. Andererseits wird es aufgrund der Vielzahl der Behinderungsarten nicht in jeder Region ein ausreichendes, passendes Angebot geben. Folglich bewerten 77,8 Prozent der Unternehmen einen festen Ansprechpartner während der Ausbildungszeit als hilfreich (Tabelle 4). Die assistierte Ausbildung mit ihren Möglichkeiten der sozialpädagogischen Begleitung wird daher sicher große Resonanz erfahren. Ein „One-Stop-Shop“ für Unternehmen, bei dem ein externer Ansprechpartner für alle organisatorischen und institutionellen Fragen zur Verfügung steht und eine Lotsenfunktion übernimmt, wird von drei Viertel der Unternehmen als förderlich erachtet. Auf lokaler Ebene gibt es mehrere Angebote mit entsprechender Ausrichtung, zum Beispiel die Inklusionslotsen des Programms Wirtschaft Inklusiv oder die Inklusionsberater der IHK. Inwiefern die Unternehmen diese Angebote kennen oder wahrnehmen, ist nicht bekannt. Möglicherweise wäre hier eine stärkere Zentralisierung auf Bundes- oder Landesebene von Vorteil.

IconRohdaten als Download | XLS

In eine andere Richtung geht die dritthäufigste Nennung bei der Frage nach der Unterstützung im institutionellen Bereich – die Verfügbarkeit von geeignetem Ausbildungsmaterial. Gerade da Unternehmen oftmals Menschen mit einer Lernbehinderung ausbilden, verspricht diese Maßnahme ein großes Erfolgspotenzial. Aber auch Menschen mit einer geistigen Behinderung könnten von Ausbildungsmaterialien in leichter Sprache profitieren.

Rund sechs von zehn der befragten Unternehmen sehen in Maßnahmen zur Flexibilisierung (60,8 Prozent) oder zur Durchlässigkeit (56,1 Prozent) von Ausbildungsgängen eine Möglichkeit, den Erfolg einer Ausbildung von Menschen mit Behinderung zu unterstützen. Dies ist bemerkenswert, da die große Mehrheit der Unternehmen Menschen mit Behinderung in drei- oder dreieinhalbjährigen Ausbildungsberufen ausbildet. Daher könnte hier ein zusätzliches Potenzial für umfangreicheres Ausbildungsengagement liegen, wenn sie flexiblere Modelle zur Verfügung hätten. Ansatzpunkte sind die vom Forschungsinstitut betriebliche Bildung entwickelten Ausbildungsbausteine. Diese bieten für die Zusammenarbeit zwischen Berufsbildungswerken und Unternehmen neue Möglichkeiten, wenn beispielsweise ein oder zwei Ausbildungsbausteine in einem Unternehmen absolviert werden, der Rest der Ausbildung aber im Berufsbildungswerk stattfindet. Dies könnte gerade für kleine und mittlere Unternehmen der Einstieg in eine Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung sein.

IW-Trends

Christoph Metzler / Sarah Pierenkemper / Susanne Seyda: Menschen mit Behinderung in der dualen Ausbildung – Begünstigende und hemmende Faktoren

IconDownload | PDF

Mehr Informationen zu einer inklusiven Personalpolitik und zur dualen Berufsausbildung finden Sie auf dem Informationsportal für kleine und mittlere Unternehmen www.kofa.de.

Literatur

BAG WfbM, 2014, Anzahl der wesentlichen Behinderungsarten in den Mitgliedswerkstätten zum 1. Januar 2014

BIBB – Bundesinstitut für Berufsbildung, 2015, Datenreport zum Berufsbildungsbericht 2015 – Informationen und Analysen zur Entwicklung der beruflichen Bildung, Bonn

BMWI – Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Hrsg.), 2014, Allianz für Aus- und Weiterbildung 2015–2018, Berlin

Enggruber, Ruth / Rützel, Josef, 2014, Berufsausbildung junger Menschen mit Behinderungen. Eine repräsentative Befragung von Betrieben. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh

Euler, Dieter / Severing, Eckart, 2014, Inklusion in der beruflichen Bildung – Daten, Fakten, offene Fragen, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh

FDZ – Forschungsdatenzentren der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, 2009, Mikrozensus 2009, eigene Berechnung, Wiesbaden

Flake, Regina / Malin, Lydia / Middendorf, Lena / Seyda, Susanne 2014, Qualifizierung von An- und Ungelernten - Eine empirische Bestandsaufnahme der Lebenssituation und Potenziale, IW-Analysen, Nr. 100, Köln

Gericke, Naomi / Flemming, Simon, 2013, Menschen mit Behinderungen im Spiegel der Berufsbildungsstatistik – Grenzen und Möglichkeiten, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Bonn

Neumann, Michael / Werner, Dirk, 2012, Berufliche Rehabilitation behinderter Jugendlicher: Erwerbs­integration und Teilhabe der Absolventen von Berufsbildungswerken, IW-Analysen, Nr. 81, Köln

Oliver, Michael, 1990, The politics of disablement, A sociological approach, London

Statistisches Bundesamt, 2014a, Bildung und Kultur Allgemeinbildende Schulen, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2014b, Schulen auf einen Blick, Ausgabe 2014, Wiesbaden

Statistisches Bundesamt, 2014c, Statistik der schwerbehinderten Menschen, Wiesbaden

WHO – World Health Organisation, 2001, International Classification of Functioning, Disability and Health, Genf

Ansprechpartner

Flüchtlinge
IW-Nachricht, 25. August 2016

Flüchtlinge Sprachkenntnisse sind der SchlüsselArrow

Die Integration von Flüchtlingen in das deutsche Bildungssystem wird nicht billig. Dennoch sollte die Politik mehr Geld in die Sprachförderung stecken, denn nur mit guten Deutschkenntnissen haben Flüchtlinge eine Chance auf dem Arbeitsmarkt, wie aktuelle Studien zeigen. Dafür muss aber auch das Personal in Schulen und Kitas besser geschult werden. mehr

Kinderbetreuung
IW-Nachricht, 21. Juli 2016

Kinderbetreuung Noch ein weiter WegArrow

Im März 2016 besuchten 721.000 unter Dreijährige eine Kindertageseinrichtung oder -pflege. Damit gab es noch nicht einmal jene 750.000 Betreuungsplätze, auf die sich die Politik beim Krippengipfel 2007 verständigt hatte. Gleichzeitig ist der Bedarf in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – laut Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ergibt sich aktuell eine Lücke von rund 165.000 Betreuungsplätzen. mehr