Ein internationaler Arbeitskampfvergleich weist Deutschland als ein Land mit relativ wenig Arbeitskonflikten aus. Im jährlichen Durchschnitt des Beobachtungszeitraums 1970/99 gingen auf 1.000 Beschäftigte gerechnet 30 Arbeitstage durch Streiks oder Aussperrungen verloren. Weniger Ausfalltage gab es in den Niederlanden, Österreich und der Schweiz. Den Negativrekord hält mit 879 Ausfalltagen Island. In den meisten der 22 hier beobachteten Länder sind die Arbeitskämpfe seit 1970 stetig zurückgegangen. In Deutschland lag das Arbeitskampfvolumen der 90er-Jahre um 77 Prozent unter dem Niveau der 70er-Jahre. Noch deutlicher fielen die Rückgänge in den USA und Großbritannien aus. Die sinkende Streikhäufigkeit ist im Wesentlichen auf den Strukturwandel in Richtung des streikresistenteren Dienstleistungssektors, auf die Erfolge bei der Inflationsbekämpfung und teilweise auch auf den sinkenden gewerkschaftlichen Organisationsgrad zurückzuführen. Allerdings werden die Arbeitskampfaktivitäten auch durch soziale und politische Ziele der Gewerkschaften geprägt. Der Rückgang der streikbedingten Arbeitszeitverluste hat jedoch die individuelle Streikbereitschaft nicht vermindert: Die Zahl der Arbeitstage, die ein Arbeitnehmer in einen Streik „investiert“, war am Ende der 90er-Jahre nicht geringer als 20 Jahre zuvor.

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