Kaum eine westeuropäische Volkswirtschaft ist gegenüber konjunkturellen Störungen so anfällig wie die deutsche. Dies ist nicht auf ihre hohe Exportintensität zurückzuführen, sondern auf ihre unzulängliche Wachstumsdynamik. Denn ein empirischer Test belegt, dass mit abnehmendem Wirtschaftswachstum die konjunkturelle Störanfälligkeit zunimmt. Deshalb ist davon auszugehen, dass die externen Nachfrage- und Kostenschocks, die von der erlahmenden US-Konjunktur und den stark gestiegenen Preisen auf den Weltenergiemärkten ausgehen, die deutsche Wirtschaft stärker treffen als andere europäische Industrieländer. Folglich mussten die diesjährigen Konjunkturprognosen in Deutschland stärker nach unten korrigiert werden als in anderen europäischen Volkswirtschaften. Aus heutiger Sicht scheint hierzulande im Jahr 2001 nur noch ein Wirtschaftswachstum von 1¾ Prozent erreichbar zu sein. Diese Prognose beruht allerdings auf der Erwartung, dass die Ausrüstungsinvestitionen ihre konjunkturstützende Funktion behalten. Da die Investoren wohl damit rechnen, dass die Konjunkturdelle nur von kurzer Dauer und wenig ausgeprägt sein wird, ist dies nicht unwahrscheinlich. Außerdem muss sich der Verbraucherpreisanstieg rasch wieder unter die 2½ Prozent-Marke zurückbilden. Andernfalls reicht die Kaufkraft der privaten Haushalte trotz Steuerreform nicht aus, um ein reales Konsum-Plus von 1½ Prozent zu erreichen. Für das Jahr 2002 zeichnet sich wieder ein Wirtschaftswachstum von deutlich über 2 Prozent ab. Doch auch mit dieser Rate wird sich Deutschlands Position im internationalen Wachstums-Ranking nicht verbessern. Denn nach wie vor mangelt es hierzulande an einer wachstumspfleglichen Wirtschafts- und Ordnungspolitik, die internationalen Vergleichsmaßstäben standhalten könnte.

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