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Die Struktur einer jeden Wirtschaft ist ständigen Veränderungen unterworfen. Zum einen beeinflussen sogenannte Megatrends die Wirtschaftssektoren, Branchen, Unternehmen und Märkte. Darunter werden langfristige Veränderungsprozesse verstanden, die umfassend sind und in weite Teile von Wirtschaft und Gesellschaft hineinwirken. Zum anderen werden die Megatrends selbst durch verschiedene Faktoren getrieben, die dementsprechend auch als Treiber des strukturellen Wandels bezeichnet werden können. Diese können ursächlich für die Megatrends sein oder sie verstärken. Der Strukturwandel ist ebenso wie die Megatrends und ihre Treiber dynamisch und verändert sich im Zeitablauf. Darum müssen sich Wirtschaft und Gesellschaft immer wieder aufs Neue auf die sich verändernden Rahmenbedingungen einstellen. Es stellt sich die Frage, ob unterschiedliche Volkswirtschaften diese Herausforderungen mit dem gleichen Erfolg meistern oder ob es Faktoren gibt, die einen erfolgreichen Umgang mit Strukturwandel verursachen oder begünstigen können. Dieser Frage geht der vorliegende Strukturbericht des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) nach, der sich damit in eine lange Historie der Strukturberichterstattung in Deutschland einreiht.

Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute beschäftigen sich schon lange mit Fragen des Strukturwandels. Eine systematische, regelmäßige Strukturberichterstattung gab es vor allem in den 1980er Jahren. Im Jahr 1978 vergab die Bundesregierung erstmals eine Reihe an Aufträgen für solche Gutachten (Deutscher Bundestag, 1984). Beteiligt waren das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das ifo Institut für Wirtschaftsforschung, das Institut für Weltwirtschaft (IfW), das damalige Hamburgische Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI). Die Institute nahmen für den Zeitraum seit 1960 „eine längerfristige, gesamtwirtschaftlich konsistente Analyse der strukturellen Entwicklung der deutschen Wirtschaft“ vor (Deutscher Bundestag, 1981, 3). Dabei wurden Themen wie technischer Fortschritt, private Investitionen oder Einkommensverteilung betrachtet. Auf Basis der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen und der damit verzahnten Statistiken wurden Indikatoren abgeleitet, die Ursachen und Wirkungen des Strukturwandels belegen sollten. Eine solche Berichterstattung war zum damaligen Zeitpunkt national wie international neu (Deutscher Bundestag, 1981). Vorangegangene Strukturberichte (zum Beispiel Deutscher Bundestag, 1969) waren wenig datenbasiert sowie nicht so systematisch und so umfassend, sondern vor allem ordnungspolitisch ausgerichtet. Die neuen Berichte boten eine Gesamtsicht, welche die Partialanalysen der vorangegangenen Strukturberichte nicht ermöglichen konnten (Schaden, 1999).

Zum einen verfassten die beteiligten Institute unabhängig voneinander einen Kernbericht zum Strukturwandel. Dieser wurde zunächst gleichzeitig vorgelegt; ab 1988 gab es eine sukzessive Veröffentlichung (Härtel et al., 1989). Zum anderen wurden Spezialberichte erstellt, die sich mit Fragestellungen befassten, die im Rahmen des Strukturwandels von speziellem Interesse waren. Dazu gehörten etwa Analysen einzelner Sektoren, die von einem Wandel ihrer Struktur in besonderem Maße betroffen waren, zum Beispiel die Abfallwirtschaft (RWI, 1995). Andere Spezialberichte hatten internationale Strukturfragen als Thema (Härtel et al., 1989).

Ende der 1980er Jahre wurde auch die Wirtschaftsstruktur der DDR im Rahmen der Strukturberichterstattung analysiert (DIW, 1990). Vorrangiges Ziel war es dabei, vor dem Hintergrund der bevorstehenden Wiedervereinigung Ansatzpunkte und Herausforderungen für eine schrittweise Anpassung der Wirtschaftsstruktur hin zu einer Marktwirtschaft zu identifizieren. In den 1990er Jahren entstanden weitere solche Analysen zur Struktur der ostdeutschen Wirtschaft. Dazu beauftragte zum Beispiel der Bundesminister für Wirtschaft das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) mit der Erstellung einer Expertise (Dietrich et al., 1998). Besonders zu Beginn der 1990er Jahre stellte dabei die Datenverfügbarkeit für Ostdeutschland das wesentliche Problem dar (DIW, 1992). Auch das IW Köln legte in den 1990er Jahren eine umfangreiche Studie zum Transformationsprozess der ostdeutschen Wirtschaft und zu den strukturpolitischen Leitlinien vor (Lichtblau, 1995).

Die Bundesregierung verfolgte eine regelmäßige Strukturberichterstattung – mit einigen Umstellungen des Berichtssystems (Schaden, 1999) – bis zum Jahr 2001 (Springer, o. J.). Daneben haben sich Forschungsinstitute auch mit weiteren Analysen zum Strukturwandel präsentiert – wie zum Beispiel das IfW (Klodt et al., 1997). Im Jahr 2015 wurde erneut ein Strukturbericht durch das Bundesministerium für Wirtschaftund Energie (BMWi) ausgeschrieben. Schwerpunkt des BMWi-Berichts ist die Industrie und eine Prognose zu deren Entwicklung bis zum Jahr 2030.

Der vorliegende erste IW-Strukturbericht nimmt die Gesamtwirtschaft in den Fokus und orientiert sich somit an der bisherigen deutschen Strukturberichterstattung. Dabei baut das IW Köln auf einer langen eigenen Erfahrung in der Beschreibung und der Analyse von Strukturwandelprozessen auf. Bereits 1996 wurde eine Untersuchung veröffentlicht, die den globalen Strukturwandel betrachtete (Grömling et al., 1996). Dem folgte im Jahr 1998 eine umfassende Studie zum Strukturwandel und zur Globalisierung (Grömling et al., 1998). Die besondere Bedeutung der Industrie und des Verbunds aus Industrie und unternehmensnahen Dienstleistungen für Deutschland wurde ebenfalls 1996 herausgearbeitet (Lichtblau et al., 1996). Die Renaissance der Industrie in Deutschland und die Bedeutung der Industrie zur Lösung globaler Probleme wurden eine Dekade später untersucht (Grömling/Lichtblau, 2006; Grömling/ Haß, 2009). An diese lange Tradition der Strukturforschung im IW Köln knüpft der vorliegende Strukturbericht an.

Strukturwandel kann einen positiven Effekt auf Wachstum und Wohlstand haben. Im Folgenden geht es deshalb vornehmlich darum, zu ergründen, welche Faktoren mit diesem Effekt in Zusammenhang stehen. Besonderer Fokus liegt dabei auf Deutschland. Ziel dieser Studie ist es, die folgenden Fragen zu beantworten:

  • Was sind Gründe für den Strukturwandel?
  • Wie wirkt Strukturwandel auf Wachstum und Wohlstand?
  • Wie stellt sich Deutschlands Position hinsichtlich der für den Strukturwandel maßgeblichen Treiber im internationalen Vergleich dar?

Für den internationalen Vergleich werden neben Deutschland 22 Industrieländer herangezogen, um die Wettbewerber Deutschlands zu berücksichtigen. Die dafür ausgewählten Länder sind Belgien, China, Dänemark, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal, Österreich, Schweden, Schweiz, Spanien, Südkorea, Tschechien, USA und Vereinigtes Königreich.

In Kapitel 2 wird zunächst aufgezeigt, dass Wachstum auch für die entwickelten Volkswirtschaften zukünftig möglich sein wird und welche Gründe es dafür gibt. Im Anschluss daran thematisiert Kapitel 3 die Frage, wie Wirtschaftsstruktur, Strukturwandel und Wachstum miteinander zusammenhängen. Dabei wird diese Frage neben einer theoretischen Herangehensweise auch empirisch geprüft. Kapitel 4 beleuchtet dann Deutschlands Position und Performance im internationalen Vergleich in Bezug auf die wesentlichen Megatrends und deren Entwicklung im Zeitablauf. Besonderer Schwerpunkt dieser Studie ist die Digitalisierung als ein Treiber des Strukturwandels, welcher in Kapitel 5 in seiner Bedeutung für den deutschen Arbeitsmarkt untersucht wird. Kapitel 6 stellt dar, wie gut das Verarbeitende Gewerbe bereits auf das Thema Industrie 4.0 vorbereitet ist. Schließlich werden in Kapitel 7 die Reformdynamik der deutschen Wirtschaftspolitik vor dem Hintergrund des Strukturwandels analysiert und Handlungsempfehlungen für die Politik vorgestellt.

IW-Studie

Hubertus Bardt / Roman Bertenrath / Vera Demary / Manuel Fritsch / Michael Grömling / Hans-Peter Klös / Galina Kolev / Rolf Kroker / Karl Lichtblau / Jürgen Matthes / Agnes Millack / Axel Plünnecke / Oliver Stettes: Wohlstand in der digitalen Welt – Erster IW-Strukturbericht

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IW-Kurzbericht, 1. Dezember 2016

Oliver Stettes Gute Arbeit: Höhere Arbeitszufriedenheit durch mobiles ArbeitenArrow

Digitale Technologien ermöglichen die Flexibilisierung von Arbeitsort und Arbeitszeit und vergrößern damit den Spielraum für ein selbstbestimmtes Arbeiten. Die IW-Beschäftigtenbefragung 2015 bestätigt, dass mobiles Arbeiten in der Tat mit mehr Zeitsouveränität im Job einhergeht. Die Arbeitszufriedenheit von Beschäftigten, die mobil arbeiten, ist auch aus diesem Grund signifikant höher als die ihrer Kollegen, die nie mobil arbeiten. mehr

30. November 2016

Digitalisierung Digital und mobil für die FamilieArrow

Immer mehr Menschen in Deutschland arbeiten digital und mobil. Das führt zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie – wenn die Unternehmen die Chancen der Digitalisierung ergreifen. mehr auf iwd.de