Die Entgeltunterschiede zwischen Frauen und Männern stehen nicht nur im öffentlichen Interesse, sondern haben bereits eine Vielzahl von Forschern auf nationaler wie internationaler Ebene beschäftigt. Im Zentrum der Diskussion steht die sogenannte unbereinigte bzw. durchschnittliche Entgeltlücke, über deren Höhe und Verlauf regelmäßig berichtet wird (z. B. Eurostat, 2016; Statistisches Bundesamt, 2016). In Politik und Forschung gilt zwar als unumstritten, dass die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern auf einer Vielzahl von Ursachen basiert und sich demnach auch Politikoptionen an diesen Ursachen orientieren sollten. Allerdings ist vor diesem Hintergrund nicht geklärt, ob und ab welchem Ausmaß die Entgeltunterschiede zwischen Frauen und Männern überhaupt einen politischen Handlungsbedarf anzeigen. In der politischen Diskussion wird häufig und ohne diese Prämisse zu hinterfragen auf die unbereinigte Entgeltlücke als Ausgangspunkt der Argumentation abgestellt. Zum Beispiel verweist auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zur Begründung des Gesetzesvorhabens für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern auf die durchschnittliche Lohndifferenz von 21 Prozent (BMFSFJ 2016a,b).

Die Bezugnahme auf die unbereinigte Entgeltlücke ist allerdings unzureichend, um einen politischen Handlungsbedarf zu begründen, weil sie den Beitrag einzelner Faktoren zur Erklärung der durchschnittlichen Entgeltunterschiede ausklammert und damit keinen validen Vergleich in der Entlohnung von Frauen und Männern liefert. Daher sollten aus ökonomischer Perspektive zunächst die Ursachen der Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern identifiziert werden. Die Grundlage für eine solche Untersuchung bilden Lohnregressionen auf Basis individueller Entgeltdaten und einer Vielzahl von lohnrelevanten Merkmalen, um eine bereinigte Entgeltlücke zu schätzen. Zum anderen ist zu prüfen, inwieweit die Ergebnisse überhaupt ein Marktversagen oder Marktunvollkommenheiten anzeigen. So können Entgeltunterschiede aus ökonomischer Sicht dann gerechtfertigt sein, wenn sie die Folge freiwilliger Entscheidungen von Akteuren auf funktionsfähigen Märkten sind. Jüngere Untersuchungen zu den Ursachen der Entgeltunterschiede in Deutschland verdeutlichen, dass vor allem sachgerechte Faktoren, wie zum Beispiel die Berufs und Branchenwahl, Tätigkeitsmerkmale sowie Unterschiede in den Erwerbsbiografien, die Lohndifferenzen zwischen Frauen und Männern weitestgehend erklären können (vgl. Boll/Leppin, 2015; Hammermann/Schmidt, 2015). Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, den Fokus auf die internationale Ebene zu richten und die Befunde für Deutschland im Zusammenhang mit den Ergebnissen für andere Länder einzuordnen.

Um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, greift die vorliegende Studie daher auf den EU-SILC-Datensatz (European Union Statistics on Income and Living Conditions) zurück. In einem ersten Schritt wird auf Basis neuer empirischer Auswertungen die Frage untersucht, warum die durchschnittliche Entgeltlücke nicht als Indikator für eine ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern herangezogen werden kann. In einem zweiten Schritt wird für eine Vielzahl europäischer Staaten die bereinigte Entgeltlücke für den Untersuchungszeitraum 2009 bis 2013 ermittelt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Frage, ob die bereinigte Entgeltlücke als Entgeltdiskriminierung interpretiert werden darf. In einem dritten Schritt werden ausgewählte (institutionelle) Rahmenbedingungen in Beziehung zur bereinigten und unbereinigten Entgeltlücke gesetzt, um Anhaltspunkte für Interdependenzen aufzuzeigen. In einem letzten Schritt wird diskutiert, ob regulierende Eingriffe des Staates in die wirtschaftliche Freiheit im Allgemeinen eher in einem positiven oder negativen Zusammenhang mit den Entgeltunterschieden von Frauen und Männern stehen. Die Studie kann daher auch erste Indizien liefern, ob das geplante Gesetzesvorhaben zur Lohngerechtigkeit in Deutschland den von der Politik erhofften Effekt auf die Entgeltungleichheit entfalten kann.

Nach einigen Bemerkungen zur Datenquelle und -aufbereitung in Abschnitt zwei werden diese Forschungsfragen in den Abschnitten drei bis sechs näher untersucht. Abschließend werden in Abschnitt sieben die zentralen Ergebnisse zusammengefasst.

IW-Report

Jörg Schmidt: Die Entgeltlücke zwischen Frauen und Männern im internationalen Vergleich – empirische Befunde auf Basis des EU-SILC

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IW-Report, 15. Juli 2016

Andrea Hammermann / Jörg Schmidt / Oliver Stettes A web tool-based equal gender pay analysis for a competitive EuropeArrow

The equal pacE web tool is an interactive software application that informs the user about the extent of gender pay gaps in his or her organisation. In this IW-Report the researches present the tool's features and give an overview about the lessons learned from using the tool. mehr

Lohnlücke
IW-Pressemitteilung, 13. Juni 2016

Lohnlücke Der Staat muss nicht handelnArrow

Frauen verdienen in Deutschland durchschnittlich rund 21 Prozent weniger als Männer. Die Bundesregierung findet das besorgniserregend und will mit einem „Lohngerechtigkeitsgesetz“ gegensteuern. Doch eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt: Die gesamtwirtschaftliche Lohnlücke ist wesentlich kleiner als gedacht, ein staatlicher Eingriff nicht gerechtfertigt. mehr