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Moralische Werte sind von einer Gesellschaft befürwortete Verhaltensregeln. Moralisch zu handeln bedeutet also, sich sozial erwünscht zu verhalten. Häufig scheint jedoch der eigene Vorteil, den wir aus unmoralischem Verhalten ziehen, größer zu sein als der Nutzen, den wir aus sozial erwünschtem Verhalten schöpfen – unmoralisches Verhalten ist oft bequemer. So gibt es diverse Techniken, um unmoralisches Tun zu rechtfertigen. Hinzu kommt, dass ein unmoralisches Umfeld moralisches „Abrutschen“ begünstigt. Denn nicht nur der eigene Charakter, auch die Situation beeinflusst das Verhalten.

Welche Möglichkeiten gibt es also, die Situation so zu verändern, dass moralisches Verhalten häufiger wird? Eine Möglichkeit bieten sogenannte „moral reminders“. Diese moralischen Erinnerungsstützen wirken im Verborgenen, das heißt, wir merken nicht direkt, dass sie unser Handeln beeinflussen.

Moralisches Verhalten wird zum Beispiel begünstigt durch weniger Anonymität, mehr Selbstwahrnehmung und mehr moralische Aufmerksamkeit. Zum einen fördert Anonymität unmoralisches Verhalten und zum anderen führt stärkere Selbstwahrnehmung dazu, dass wir unser Verhalten bewusster wahrnehmen und es automatisch mit unserer inneren moralischen Toleranzgrenze abgleichen. Wir haben ein moralisches Selbstbild, das sich verschlechtert, wenn unser Verhalten unter unsere Toleranzgrenze sinkt. Auch die Erinnerung an moralische Normen aktiviert unser internes Wertesystem und lässt uns unsere Handlungen kritischer prüfen.

Die Folgen reduzierter Anonymität wurden in einem Feldexperiment in einer Hochschulkantine erforscht. Dort sollten die Studenten das Geld für eine Tasse Kaffee in eine Kiste werfen. Im wöchentlichen Wechsel hingen entweder Bilder von Augen oder von Blumen über der Theke. Obwohl die „Beobachtung“ durch die Augenbilder nicht bewusst wahrgenommen wurde, bezahlten die Kaffeetrinker in Augenwochen fast dreimal so viel für ihren Kaffee wie in Blumenwochen.

Das „Halloween-Experiment“ zeigt die moralisierende Wirkung der Selbstwahrnehmung. Verkleidete Kinder auf der Jagd nach Süßigkeiten wurden in einem Raum allein gelassen, und sie durften sich je eine Süßigkeit aus einer Schale nehmen. War ein Spiegel über der Schale angebracht, nahmen die meisten tatsächlich nur ein Teil. Ohne Spiegel landeten mehrere Teile in ihren Tüten.

Doch nicht nur Kinder handeln unter erhöhter Selbstwahrnehmung moralischer. Forscher fanden in Zusammenarbeit mit einer Versicherung heraus, dass Menschen ehrlicher sind, wenn sie vor dem Ausfüllen von Formularen oberhalb der freien Felder unterschreiben. Diese „Unterschrift“ erhöht die Selbstwahrnehmung und appelliert an moralische Werte. Im Experiment gaben die getesteten Versicherten im Durchschnitt fast 2.500 gefah-rene Meilen mehr an, obwohl dies ihren Versicherungsbeitrag erhöhte.

Vielleicht wäre der Anteil ehrlicher Versicherter noch gestiegen, hätten sie alle Formulare in einem hellen Raum ausgefüllt. Denn andere Forscher stellten fest, dass Dunkelheit moralisches Verhalten verschlechtert. Saßen Probanden in einem dunklen Raum, breitete sich ein Gefühl von Anonymität aus, und sie täuschten heftiger und häufiger, um ihren Gewinn zu steigern.

Unternehmen, deren Gebäude hell und transparent gestaltet sind, wären demnach schon auf einem guten Weg. Sie können zudem weitere Anregungen aus den Studien übernehmen und das Tragen von Namensschildern vorschreiben, Spiegel in Büromaterialräumen aufhängen und „Oberschriften“ einführen.